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Zigarren bringen den Erfolg

Ende des 19. Jahrhunderts wächst die Bautzener Druckerei Weigang rasant. Dann wendet sich die Mode und das Glück.

Von Miriam Schönbach

Der Harlekin genießt seine Zigarre. Andächtig zieht er an dem rauchenden Stumpen. Rings um die zentrale Figur sind vier Motive angeordnet. Schritt für Schritt erzählen sie, wie aus Tabakblättern die berühmten Havannas gefertigt werden. Die farbenfrohe Darstellung stammt aus dem Jahr 1905. Entstanden ist sie in der Chromolithographischen Kunstanstalt der Gebrüder Weigang. Hinter der Bautzener Druckerei liegt zu diesem Zeitpunkt ein rasanter Aufstieg: Aus dem lokalen Handwerksbetrieb entwickelte sich binnen Kurzem ein Großunternehmen mit Kunden in aller Welt. Ein Erfolg, der eng verknüpft ist mit der Erfolgsgeschichte der Zigarre. Diese steigt im 19. Jahrhundert in ganz Europa zum Sinnbild des selbstbewussten Bürgers auf. Wer Zigarre raucht, der ist erfolgreich, der hat es geschafft. Bald gibt es nicht nur Fabriken in den Anbauländern des Tabaks in Mittel- und Südamerika, sondern auch in Europa und Deutschland. Für den Transport kommt die fragile Ware in stabile Holzkisten. Diese lassen viele Produzenten außen und innen mit bunten Bildern und Banderolen ausstatten. Diese Marktlücke erkennen die Brüder Otto und Eduard Weigang. Mit dem Steindruckverfahren, auf das sich ihr Bautzener Betrieb spezialisiert hat, können sie massenhaft und kostengünstig auf die Nachfrage reagieren.

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Es dauerte daher nicht lange, bis die Fabrik im Haus Vor dem Schülertor 2 aus allen Nähten platzt. Die Brüder suchen nach einem neuen Standort und werden vor den Toren der Stadt fündig. Die Unternehmer erwerben das Gelände hinter der Taucherkirche und lassen sich 1882/83 durch Max Arwed Rossbach einen modernen Betrieb bauen. Der Leipziger Baurat war einer der bedeutendsten Architekten des 19. Jahrhunderts in Sachsen. Nach seinen Entwürfen entstanden unter anderem die Universitätsbibliothek Albertina in der Messestadt, der Dresdner Hauptbahnhof und zahlreiche Villen und Geschäftshäuser.

Mit dieser hochmodernen Fabrik auf gut 30 000 Quadratmetern schaffen Otto und Eduard Weigang den Sprung auf den Weltmarkt. Zu ihren Kunden zählen bald Zigarrenproduzenten in Kuba, Mexiko und auf den Philippinen. Weigangs haben zu Spitzenzeiten mehr als 800 Mitarbeiter. In der Entwurfsabteilung der Firma entstehen zahllose Vorlagen, wie der rauchende Harlekin. Die Auftraggeber können auf einem riesigen Fundus an Vorlagen zurückgreifen. Um 1910 sind etwa 30 000 Muster auf 64 000 Lithosteinen vorhanden. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg bedruckt das Unternehmen pro Jahr zehn Millionen Bogen Papier. Das jährliche Exportvolumen beläuft sich auf eine Million Mark.

Doch nach dem Aufschwung kommt der Fall. Eduards Sohn Rudolf übernimmt 1912 den Betrieb. Mit Kriegsausbruch werden die Männer seiner Belegschaft als Soldaten eingezogen. Außerdem verliert der Unternehmer viele Kunden in Übersee. Zugleich leiden die Produzenten in Deutschland an Einfuhrverboten für Rohtabak und unter Zwangsbewirtschaftung. Und auch der Status der Zigarre ist dahin. Angesagt sind in den Goldenen Zwanzigern Zigaretten. Die Bautzener Druckerei kommt in existenzielle Not. Das Geld reicht nicht mehr, um in die neue Offsetdrucktechnik zu investieren. In den 1930er Jahren wird das Unternehmen daher zunächst in staatliche Treuhand übernommen und schließlich verkauft. Bald darauf verlässt der letzte Spross der Familie Weigang Bautzen.

Mit der Serie „Das Erbe der Weigangs“ begleitet die SZ die aktuelle Sonderausstellung im Museum Bautzen. Dieses befindet sich am Kornmarkt 1 und ist Dienstag bis Sonntag jeweils von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

Nächsten Sonnabend lesen Sie: „Die Künstler in der Chromolithographischen Kunstanstalt“