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Verliebt ins sächsische Schweizerhaus

Wenn die Gründerzeitvilla einen Holzanbau kriegt: Hausbesuch zum Tag der Architektur in Gohrisch.

Zeigten gern ihr Traumhaus zum Tag der Architektur: Simone und Thomas Leonhardi und ihre Katzendame Schnurri. Die Plastik "Distanz und Nähe" stammt von der Dresdner Bildhauerin Konstanze Feindt-Eißner.
Zeigten gern ihr Traumhaus zum Tag der Architektur: Simone und Thomas Leonhardi und ihre Katzendame Schnurri. Die Plastik "Distanz und Nähe" stammt von der Dresdner Bildhauerin Konstanze Feindt-Eißner. © Marko Förster

Als der Zimmermann Thomas Leonhardi Ende der 1980er in die Sächsische Schweiz kam, da dachte er so manches Mal, ob er nicht lieber hätte Sprengmeister werden sollen. So marode war die Bausubstanz vieler alter Häuser. Schimmel, Gammel, Schwammbefall stellten den Handwerker immer wieder auf eine harte Probe. Schließlich kaufte er sich mit seiner Frau Simone selber so einen Problemfall. Die Familie zog auf die Baustelle. Das ist jetzt zwanzig Jahre her. Die Baustelle ist noch immer da, zumindest ein bisschen. Inzwischen ist es die wohl schönste in ganz Gohrisch.

Verrotteter Zierrat zu DDR-Zeiten abgesägt

Es geht um das einstige Ferienheim des VEB Werkzeugmaschinenkombinat "7. Oktober" Berlin. Das Emailleschild haben die Leonhardis noch eigenhändig abgeschraubt, bevor sie anfingen, aus dem abgeschabten Anwesen wieder das zu machen, was es 1890 gewesen war: eine schmucke Villa im Schweizer Stil, mit tief herabgezogenen Dachschrägen, schnörkeligen Brettschnitzereien und Balkonen aus gedrechselten Balustern. All dieser Zierrat, zu DDR-Zeiten abgesägt, ist nun wieder da. Und ein Anbau obendrein, aus Holz errichtet. Wie das zusammenpasst, war am Wochenende beim Tag der Architektur zu besichtigen.

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Im grünen Herzen des waldreichen Landschaftsschutzgebietes Oberlausitzer Bergland sprudelt ein ganz besonderer Schatz: Oppacher Mineralwasser, das überall dort zu Hause ist, wo Menschen ihre Heimat genießen.

Ein schönes Paar: Die denkmalgeschützte Villa von 1890 haben die Leonhardis mit einer Erweiterung in Holzständerbauweise vereint.
Ein schönes Paar: Die denkmalgeschützte Villa von 1890 haben die Leonhardis mit einer Erweiterung in Holzständerbauweise vereint. © Marko Förster

Zum 25. Mal hatte die Landesarchitektenkammer das Besuchsprogramm für herausragende Bauten organisiert, von denen sieben im Landkreis zu finden waren. Kammer-Präsident Andreas Wohlfahrt schlug vorab die Brücke von der Architektur zu Corona: Wenn sich der Bewegungsradius weitgehend auf die eigenen vier Wände beschränke, träten deren Vor- und Nachteile deutlicher zutage, sagte er. Außerdem sei der Wert öffentlicher Gebäude, Plätze und Parks vielen erst in den Zeiten der Beschränkung so richtig klar geworden. "Deshalb laden wir trotz Corona dazu ein, Architektur und ihren Wert bewusst zu erleben."

Wohnen, arbeiten und Ferien machen

Bei den Leonhardis wurden die Gäste im Hof unterm alten Wildpflaumenbaum empfangen, mit Apfelsaft und Bauplänen. Ein paar Bewohner zeigten sich schon hier: die graugetigerte Katzenoma Schnurri, die Wildschafherde sowie etwa zwanzig Hühner. Das Scheitholzgebirge bezeugte, dass hier nachhaltig geheizt wird. Die Villa und ihr grau getünchter Fortsatz enthalten die Wohnräume der Hausherren, zwei Ferienwohnungen, eine Mietwohnung sowie drei Büros, darunter die "nichtselbstständige Niederlassung" von Thomas Leonhardis Zimmerei. Eine ideale Mischung, findet der Handwerksmeister.

Bewahrtes Relikt: Die Gohrischer Villa der Leonhardis diente zu DDR-Zeiten als Ferienheim der Werktätigen.
Bewahrtes Relikt: Die Gohrischer Villa der Leonhardis diente zu DDR-Zeiten als Ferienheim der Werktätigen. © Marko Förster

Thomas Leonhardi, der viele Jahre die Häuser der anderen repariert, verziert und gedämmt hatte, freute sich darauf, endlich am eigenen Holz zu arbeiten. Voran ging es aber nur Schritt für Schritt, gerade so weit, wie es die Kassenlage erlaubte. Seit die Sanierung begann, hat die Familie mal hier, mal da im Anwesen gewohnt, je nach Arbeitsstand. Wer lange baut, baut teuer, heißt es. Die Leonhardis haben aus der Not eine Tugend gemacht. Die Phasen der Bauruhe nutzten sie, um neue Chancen auszuloten, die Pläne ihren Ideen anzupassen.

Die ersten fünf Jahre bauten sie an der Villa. Während das gut erhaltene Dach stehen blieb, musste das Geschoss darunter praktisch neu errichtet werden, denn das Fachwerk war hoffnungslos vergammelt. Neue Hölzer wurden eingezogen. Dann kehrten die Balkone zurück. Heute kann man vom Austritt an der Straßenseite über den eigenheimgroßen Rhododendron hinweg bis hinüber zum Balkon der Sächsischen Schweiz schauen, zum Brand bei Hohnstein. Dabei hat der Sturm geholfen, der einige Bäume fällte.

Nicht einfach nur ein "weißer Kasten": Architekt Volkrad Drechsler mit Besucherin Hella Ahlendorf im Übergang zwischen Alt- und Neubau.
Nicht einfach nur ein "weißer Kasten": Architekt Volkrad Drechsler mit Besucherin Hella Ahlendorf im Übergang zwischen Alt- und Neubau. © Marko Förster

Weiter gearbeitet wurde am Keller, am Abwasseranschluss, an der Regenwasserzisterne. 2012 fiel der alte Anbau, in dem einst die Urlauber des "7. Oktober" gewohnt und gefrühstückt hatten. Der Ersatz sollte ein moderner Holzständerbau sein, allerdings, so sagt Architekt Volkrad Drechsler, keine "weiße Kiste", die den Bruch mit der Altsubstanz demonstriert. Harmonisch anfügen sollte sich die Erweiterung, mit auskragenden Dachüberständen, Schieferdeckung, feiner Linienstruktur an der Außenwand und farblichen Zitaten von der Villenfassade. Zu diesem Plan gehörte Mut, sagt der Architekt. Und dieser Mut habe sich ausgezahlt. 

Brücke zwischen Baustilen und Generationen

Besonders gefällt Drechsler, dass sich der Neubau nicht direkt an die Villa anschließt, den alten Solitär bedrängt, sondern dass ein luftiger Zwischenbau als Gelenk eingefügt wurde. Entstanden ist damit nicht nur eine Brücke zwischen den Baustilen, sondern auch zwischen den Generationen. Dort, beim Kamin, am großen Tisch mit Sofa, trifft man sich zum Essen und zum Feiern, noch unter blanken Glühbirnen. Doch das Beleuchtungskonzept, sagt Thomas Leonhardi, steht schon.

Praktisch im Haus geboren und mehrmals darin umgezogen: Konstantin Leonhardi und sein Zimmer im Neubau.
Praktisch im Haus geboren und mehrmals darin umgezogen: Konstantin Leonhardi und sein Zimmer im Neubau. © Marko Förster

Der Anbau ist quasi eine Weiterentwicklung der Fachwerktechnik. Senkrechte Stützen und Querbalken bilden das Gerüst, das mit Holzwerkstoffplatten beplankt ist. In die Hohlräume wurde Zellulose zur Dämmung eingeblasen, gewonnen vor allem aus alten Zeitungen, darunter sicher auch die Sächsische. Im Inneren ist viel freiliegendes Holz zu besichtigen, auch Birkenparkett, dessen Rohstoff aus dem kleinen Wald der Leonhardis stammt.

Die "Fummel-Ecke" lockt unters Dach

Im Zimmer von Konstantin, 18, jüngster Spross der Familie, liegt der Baum des Jahres auf dem Fußboden. Robinie. Auch Konstantin ist schon mehrfach im Haus umgezogen. "Man sucht seine Räume und kommt damit klar." Genau genommen hat er jetzt zwei Zimmer. Zu seinem eigenen kommt die urgemütliche "Fummel-Ecke" unterm Dach, ideal, um mit Kumpels zusammen zu hocken, Musik zu hören, was zu trinken. Momentan lernt Konstantin für die letzten Abi-Prüfungen. Dabei weiß er besonders eine Qualität der Wohnlage zu schätzen: die Ruhe. 

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