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Zittauer exportiert deutsche Braukunst nach Polen

Wenn es um Bier geht, kennt Johannes Herberg keine Kompromisse. Die Nachbarn wissen das zu schätzen.

Von Mario Heinke

Johannes Herberg ist ein Dompteur. Der 46-Jährige dressiert Hefezellen. Das tut er mit Leidenschaft und kompromisslos. Denn bis zu 80 Prozent des Geschmacks eines Bieres mache die Hefe aus, erklärt der Freie Diplombraumeister. Die Prozesse der Hefe- und Gärführung vor, während und nach der alkoholischen Gärungs- und Reifungsphase seien entscheidend für die Qualität. Von Zittau aus beeinflusst Herberg mit seiner Erfahrung die Brauqualität andernorts, denn in Zittau wird bekanntlich schon lange kein Bier mehr gebraut.

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Freier Braumeister mit Berufung

Vier Jahre war er zweiter Braumeister bei Eibauer, bis er im Februar 2013 das Unternehmen verlassen hat. Seither bietet Herberg sein Wissen und Können als Freier Braumeister kleinen Hausbrauereien an. Die Zunft der Braumeister in Deutschland sei überschaubar, man kenne sich, erzählt er. Deshalb kämen die Aufträge von überall her. So betreut der Brauexperte seit einem Jahr die Barther Brauerei bei der Anlagenerneuerung. Parallel dazu arbeitet er für die Hausbrauerei der Spreepension in Bautzen und hauptsächlich für einen Investor einer Gasthausbrauerei in Danzig (Gdansk). Der Aufbau der Brauanlage an der polnischen Ostsee läuft noch bis 2015. Schon im Jahre 2007 hat Herberg zwei Brauereien in Polen mit aufgebaut und die polnischen Mitarbeiter angelernt. Bei seiner Arbeit in Kalisz in der Woiwodschaft Großpolen lernte der im Allgäu geborene Braumeister dabei seine heutige Frau Malgorzata kennen. Inzwischen hat das Ehepaar zwei Kinder und lebt gemeinsam in Zittau. Die Braukunst verlangt neben den Kenntnissen der organischen Chemie, der Mikrobiologie und der Thermodynamik auch technisches und kaufmännisches Verständnis. Deshalb kann Herberg sich keinen anderen Beruf mehr vorstellen.

Als 15-Jähriger reifte der Entschluss, sich dem Bierbrauen zu widmen. Nach einer dreijährigen Berufsausbildung zum Brauer und Mälzer in der Brauerei Härle im Allgäu absolvierte der junge Brauer ein zweijähriges Berufskolleg zum Datentechnischen Assistenten und arbeitete danach in der Brauerei Feldschlösschen im schweizerischen Rheinfelden. 2001 begann er das Studium der Brauereitechnologie an der Technischen Universität Berlin. Nach dem Studium folgt eine Zeit als Laborant mit Forschungsprojekten im Forschungsinstitut für Rohstoffe in Berlin. Später schrieb er Computerprogramme für automatisierte Brauereien in Saigon und Wladiwostok bei der Firma Unterberger im österreichischen Bludenz.

Im Jahr 2005 kam Herberg erstmals nach Zittau, weil Zittauer Bürgerbräu einen Braumeister suchte. Über die Monate bei Bürgerbräu möchte er am liebsten gar nicht mehr reden. „Da könnte ich Geschichten erzählen, die würde mir niemand glauben“, erzählt der Braumeister und zieht die Stirn in Falten. Unter den regionalen Brauprodukten bevorzuge er das Löbauer Bergquell. „Aromatisch bitter mit einem blumigen Geruch, der vom Hopfen kommt“, so müsse ein Bier schmecken, begründet der Experte seine persönliche Wahl. Ansonsten trinke er gern mal ein Bitburger, obwohl es aus einer großen Brauerei komme und er das Bier aus lokalen Hausbrauereien bevorzuge.

Bierbrauen ist auch Philosophie

Wie auch in anderen Zünften gibt es unter den Bierbrauern unterschiedliche Auffassungen darüber, was ein gutes Bier ausmacht. „Das sind Philosophiefragen“, formuliert der Zittauer die Glaubensansätze diplomatisch. Seine Erfahrungen sind gefragt. Einmal im Jahr fliegt Herberg über den Großen Teich und hilft den Amerikanern beim Brauen von europäischen Biermarken, die unter Lizenz hergestellt werden. Die Zittauer haben Herberg kennen und lieben gelernt. Als SPD-Ortsvereinsvorsitzender engagiert er sich auch in der Stadt. Dennoch zeigen die Zeichen der Zukunft in Richtung Osten. Im Februar nächsten Jahres, wenn die Brauanlage in Danzig fertig ist, soll er dort sechs Monate als Braumeister arbeiten. So wird der Globetrotter wohl weiterhin der feuchten Spur des Gerstensaftes folgen und die Hefezellen fern der neuen Heimat dressieren.