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Zittau

Zittauer für zwei Monate

Vitalik Bastrakov aus Russland lernt am Weise-Gymnasium und fand in Hirschfelde ein Zuhause auf Zeit. Manche deutsche Gewohnheit kommt ihm komisch vor. 

Rainer Herbst (links) nimmt seit mehreren Jahren Gastschüler aus Russland auf. Derzeit ist Vitalik Bastrakov zu Besuch.
Rainer Herbst (links) nimmt seit mehreren Jahren Gastschüler aus Russland auf. Derzeit ist Vitalik Bastrakov zu Besuch. © Rafael Sampedro

Vitalik Bastrakov genießt die letzten Tage bei seinem Gastvater Rainer Herbst. Ende der Woche geht es zurück nach Russland. Zwei Monate war der 17-Jährige in Zittau. Der Verein "Gastschüler in Deutschland" organisierte den Aufenthalt, an dem gut 300 russische Schüler teilnehmen. Die Jugendlichen sind in ganz Deutschland verteilt und sollen das Land, seine Kultur und vor allem die deutsche Sprache besser kennenlernen.

Vitalik spricht schon sehr gut Deutsch, der 17-Jährige lernt in seiner Heimat an einem deutschen Gymnasium. Hier haben die Schüler sieben Stunden Deutsch in der Woche. So ist Vitalik Deutschland nicht so fremd. Zumindest das meiste. "Komisch ist, dass man sich hier grüßt", sagt der aus Kasan stammende Schüler und fügt hinzu, dass er das von zu Hause nicht gewohnt ist. 

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Kasan ist auch um einiges größer als Zittau. Etwa 1,2 Millionen Menschen leben in der sechstgrößten Stadt Russlands, die gut 800 Kilometer östlich von Moskau liegt. Über sich, seine Familie und seine Heimat erzählte Vitalik auch den Mitschülern im Christian-Weise-Gymnasium. Diskussionen über die politische Situation gab es aber keine, sagt er. Derzeit sind die Beziehungen zwischen beiden Staaten nicht die besten. Gegen Russland wurden Sanktionen verhängt. Zuletzt sprach sich Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) für deren Abbau aus. Der Aufenthalt der russischen Schüler soll dazu beitragen, das Verhältnis zu verbessern. Neben Vitalik sind Nadja, Arina, Lisa und Katja am Zittauer Gymnasium zu Gast. Sie kommen aus Jaroslawl, Kemerowo, Orenburg und Saratow. Wie Vitalik berichtet, weilen weitere Schüler aus Kasan in Deutschland, sie sind aber nicht in Zittau untergebracht.

Rainer Herbst hat bei sich schon mehrfach russische Jugendliche willkommen geheißen. Russland sei ihm nie unsympathisch gewesen, erklärt er. Das ist nicht selbstverständlich, denn der 58-Jährige stammt aus dem Ruhrgebiet, kaufte 2008 das Grundstück in Hirschfelde und zog vor fünf Jahren ganz hier her. Damals las er auch einen Aufruf, dass Gasteltern gesucht wurden. Mit der Vereinsleitung sei er gleich auf einer Wellenlänge gewesen. Der Verein war seinerseits froh, eine weitere gastfreundliche Familie zu finden. Das sei nicht so einfach, wie der Verein früher schon mal erklärte.

Selbst wenn es an gastfreundlichen Eltern mangelt und nicht alle interessierten Schüler nach Deutschland geschickt werden können, so hat der Verein dennoch eine Regel: Pro Familie darf nur ein Gast aufgenommen werden. Rainer Herbst würde auch zweien für einige Wochen ein Zuhause bieten. "Aber den Zahn haben sie mir gleich gezogen", meint er. Denn die Jugendlichen sollen nicht untereinander Russisch sprechen. Deshalb wäre es dem Verein auch am liebsten, wenn nur ein russischer Schüler an einer Schule wäre. "Unsere Schule hat es aber so organisiert, dass jeder Gastschüler einer anderen zehnten Klasse zugeordnet wurde", sagt Lehrerin Mira Evers, die auch eine Schülerin aufgenommen hat.

Bei Rainer Herbst kann es kaum passieren, dass er Russisch mit seinem Gastschüler spricht. Der Hirschfelder konnte bis vor einigen Monaten die Sprache gar nicht. Erst im Herbst fing er an, sie zu lernen. Das sei nicht einfach, aber Grundkenntnisse werde er erreichen, ist er sich sicher. Durch seine Gastschüler - seit 2014 nahm er jedes Jahr einen auf - verlor er sein Herz an Russland. 2018 nahm er erstmals eine Gegeneinladung an und besuchte Kasan. Aus der Millionenstadt war bereits 2017 ein Schüler bei ihm zu Gast. Herbst verband die Reise mit der Fußball-WM, die zu der Zeit in Russland stattfand. In Kasan bestritten die Deutschen ihr letztes Gruppenspiel gegen Südkorea. Er schloss noch ein paar Tage in Sotschi an. Nächsten Monat will er erneut ans Schwarze Meer fahren, kündigt er an. 

Während Rainer Herbst von Russland fasziniert ist, findet Vitalik seinerseits Deutschland schön. Die Menschen seien freundlich und er will später hier Physik studieren. Dass Physik sein Lieblingsfach ist, ist leicht zu erraten. Mit einem deutschen Studienabschluss sei es einfacher, in der Heimat einen Job zu finden, sagt der 17-Jährige. In seiner Familie wäre er der Erste, der in Deutschland studiert. Der Erste in Deutschland ist er aber nicht - auch seine Schwester war über den Verein "Gastschüler in Deutschland" 2017 einige Wochen hier. Sie erzählte ihrem Bruder danach viel - so wusste Vitalik mehr übers Gastland als die anderen Schüler.

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