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Zittauer „Improvisationsaktrice“ überzeugte auch hartgesottene Kritiker

Vor 200Jahren wurde in Zittau Karoline Pierson geboren. Sie war einst als Stegreifdichterin berühmt.

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Von Martin Stolzenau

Karoline Pierson ist als überaus vielseitige Schriftstellerin überliefert, die in einer Zeit, als schriftstellernde Frauen eher verpönt waren, in den verschiedenen literarischen Gattungen mit viel Zivilcourage auf sich aufmerksam machte. Die größten Erfolge feierte sie in Deutschland mit ihrer Lyrik. Als Stegreifdichterin erlangte sie sogar europäische Bekanntheit. Das überzeugte auch hartgesottene Kritiker jeder Frauenschriftstellerei.

Die bemerkenswerte Frau wurde am 6. Januar 1811 als Karoline Leonhardt in Zittau geboren. Ihr Vater war ein Offizier der sächsischen Armee und bekleidete den Rang eines Hauptmanns. Von der Literatur hielt er nicht viel. Die Neigung dafür wurde bei dem jungen Mädchen von der Großmutter ausgeprägt. Beim Besuch der Höheren Töchterschule in Dresden kam sie in die Obhut von Friedrich Kind, der ihre Begabung erkannte und nach Kräften förderte. Der literaturinteressierte Lehrer führte sie in die Literaturszene der Stadt ein und ermunterte sie gegen den Willen der Eltern zu eigenen Schreibversuchen. So griff die Offizierstochter heimlich zur Feder. Da kam es wie gerufen, dass der Schriftsteller Lyser ihr einen Antrag machte. Beide heirateten 1836 und lebten fortan in Dresden. Frau Lyser veröffentlichte nun erste Lyrik sowie Prosa bis hin zu einer Biografie über die Dichterin Anna Luise Karsch, deren dornenreicher Aufstieg sie beeindruckte. Dazu begeisterte sie ihre Umgebung mit Stegreifdichtungen.

Selbst Friedrich Rückert riet ihr, aus dieser Begabung Kapital zu schlagen. Darauf war die junge Dichterin dann auch angewiesen, als die Ehe kriselte und schließlich geschieden wurde. Sie tingelte zunächst durch Deutschland und dann durch Europa, wurde als „Improvisationsaktrice“ buchstäblich weitergereicht und hatte in Berlin, Dresden, Leipzig, Prag, Wien, Brüssel sowie London Erfolg. Zwischendurch lernte sie Henry Hugo Pierson kennen, einen Tonkünstler aus England, den sie 1844 in London heiratete. Danach allerdings geriet ihre Schriftstellerei etwas in den Hintergrund. Zu den zwei Mädchen aus der ersten Ehe kamen noch drei Söhne und wachsende Hausfrauen- sowie Repräsentationspflichten an der Seite des Musikprofessors. Die Familie lebte vor allem in Wien, Stuttgart und Leipzig. Ab 1860 widmete sich Caroline Pierson mit Zustimmung ihres Mannes wieder verstärkt der Schriftstellerei. In der Folge schrieb sie Romane, Novellen, Dramen, Lustspiele, Operntexte und immer wieder Gedichte. Besonders gefragt war ihre Liebeslyrik. Teilweise kam es zur Zusammenarbeit mit ihrem Mann wie bei der Oper „Bertha von Bretagne“. Der Text war von ihr, die Musik von ihm. Erfolge feierte sie auch mit ihrem Drama „Meister Albrecht Dürer“. Ihre Novellen indes zeugen bis heute von einer bemerkenswerten Erfindungsgabe.

Nach dem Tod ihres Mannes 1873 erlangte aus ihrer Feder noch der Roman „Ehen werden im Himmel geschlossen“ größere Bekanntheit. Im Alter lebte sie abwechselnd bei ihren Kindern. 1899 starb die Schriftstellerin in der Heilanstalt Linderhof in Coswig bei Dresden, die einem ihrer Söhne gehörte.