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Zittauer Marktbaustelle wird zur Sehenswürdigkeit

Die Zittauer und ihre Gäste finden Sanierung und Grabung spannend. Der Markt ist jetzt sogar Ziel von Exkursionen.

Von Mario Heinke

Zittau. Die drei stehen vorm Collosseum, plaudern und lachen. Stefanie Flakowski trägt ihre zweieinhalbjährige Tochter Lucie auf dem Arm. Mit großen Augen und einem Finger im Mund beobachtet die Kleine, wie der Bagger mit seiner breiten Schaufel vorsichtig eine Sandschicht vom Markt kratzt. Ihre Mutter unterhält sich indes mit ihren Bekannten. Alle sind sichtlich gut gelaunt, die Vormittagssonne lacht. Bernd Diesner hat frei und ist mit seiner Frau Silva aus Oderwitz zum Einkaufsbummel in die Stadt gekommen. Vor dem Bauzaun bleiben sie stehen, um dem lautstarken Treiben der Bauarbeiter und Archäologen zuzuschauen. Auf dem Gehweg steht ein kleines Rauchen-Verboten-Schild. Hinter dem Bauzaun – eine Etage tiefer – liegt Jens Vater von der RTB Rohrleitungs- und Tiefbau GmbH im Graben und schweißt eine Gasleitung, die unter Druck steht. Seine beiden Kollegen warten, bis die Naht sitzt, und reißen Witze. Zwanzig Meter entfernt steht Grabungsleiter Karsten Lehmann auf dem Bagger und fotografiert eine freigelegte Lehmschicht. Seine Kollegin legt einen weißen Pfeil, der nach Norden zeigt und eine beschriftete Tafel in das Feld. Lehmann hebt den Daumen und dokumentiert. Einige Meter weiter – hinter dem Marsbrunnen – knien vier Kollegen von ihm auf regenbogenfarbenen Kunststoffkissen und legen das historische Pflaster mit kleinen Kellen und Handfegern frei. Die Archäologen haben das Grabungsfeld ausgeweitet, weil sie immer wieder Pflasterlagen gefunden haben.

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Rund 20 Schüler aus der Weinauschule hängen mit den Armen über dem Bauzaun und begutachten das historische Pflasterfeld zu ihren Füßen. „Wir haben heute fächerübergreifenden Unterricht zum Thema Mittelalter“, erklärt Lehrerin Martina Michel die Exkursion der Sechsklässler. Einige Schüler wundern sich darüber, dass der Marktplatz im Mittelalter fast 90 Zentimeter tiefer lag. Nach einigen Minuten lotst die angeheuerte Stadtführerin Charlotte Lehmann die Schülergruppe zum gegenüberliegenden Portal am Gebäude des Internationalen Hochschulinstitutes, um die Mittelalterführung fortzusetzen. Am Bauzaun stehen schon neue Interessenten.

Auf der gegenüberliegenden Marktseite schiebt sich derweil ein zweiter Bagger in das Apothekergässchen. Das Gerät füllt den Torbogen aus, links und rechts der Karosserie bleiben nur wenige Zentimeter Luft. Die Osteg-Tiefbauer verlegen dort eine neue Abwasserleitung. „Wir ersetzen die 50er-Steinzeugrohre durch 60er-Kunststoffrohre“, erklärt Vorarbeiter Dieter Hauswald. Die Vergrößerung des Querschnitts sei nötig, damit das Wasser von den riesigen Dachflächen der Johanniskirche und der umliegenden Häuser besser abfließen kann. Auch Hauswald ist vorösterlich gut gelaunt und regt sich nicht mehr darüber auf, dass der Bau wegen der Grabungen nicht so richtig voran kommt. Lehmschichten, Tierknochen und Leder aus dem Hochmittelalter sind die Funde der letzten Woche, erzählt Archäologe Lehmann. Die Redewendung: Des einen Freud, ist des anderen Leid, findet auf dem Markt derzeit regelmäßige Bestätigung. „Die Marschgeschwindigkeit geben die Archäologen vor.“ Mit diesem Machtwort hatte AIZ-Chef Horst Diesterheft bei der wöchentlichen Bauberatung vorigen Dienstag die Prioritäten gesetzt. Fakt ist: Das Ausmaß und die Dauer der Grabung haben alle Beteiligten etwas unterschätzt. Heute soll es weitergehen, hofft Vorarbeiter Hauswald.