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Zittauer Museum hat jetzt einzigartige Feldpostsammlung

Briefe und andere Zeitzeugnisse von 1934 bis 1945 stammen aus dem Familienbesitz von Ex-OB Arnd Voigt. Er hat sie dem Stadtmuseum übergeben.

© Matthias Weber

Von Thomas Mielke

Zittau. Der Schmerz und die Trauer müssen unvorstellbar gewesen sein als Georg Voigt 1939 an der Front eine Feldpostkarte von seinen Eltern erhielt. Darauf stand, dass sein Bruder gefallen ist. Nur 18 Tage nach Beginn des Zweiten Weltkrieges. In Polen. Als einer von vielen Zittauern, die auf den Schlachtfeldern zwischen Russland und Frankreich geblieben sind. Später erreicht ihn ein weiterer Brief: Ein zweiter Bruder hat den Russlandfeldzug Hitler-Deutschlands mit dem Leben bezahlt.

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Georg Voigt bei seiner Hochzeit.
Georg Voigt bei seiner Hochzeit. © privat

Heirat in Paradeuniform

Georg Voigt überlebte den Zweiten Weltkrieg und kehrte als einer von wenigen Zittauer Soldaten heim. Die meisten von ihnen starben vor Stalingrad und Belgrad. Die beiden Feldpostkarten und viele weitere Erinnerungen an die Soldatenzeit hat der Rückkehrer aufbewahrt. Sie erzählen von einem jungen Mann, den es in der Weltwirtschaftskrise zur Reichswehr verschlägt, der eine Unteroffizierslaufbahn einschlägt und es dabei bis zum höchsten Dienstgrad schafft, der Soldaten ausbildet, der 1937 das neue Zittauer Regiment im neuen Armeegebiet am Südrand der Stadt mit aufbaut, der seine Frau beim Tanz im Volkshaus kennenlernt und sie 1941 in Paradeuniform mit Ehrensäbel heiratet. Sie dokumentieren den Stolz auf die ersten Siege, aber auch die Qual der unendlichen Fußmärsche zu Einsatzorten in Frankreich und Griechenland, die Angst vor dem Sterben, das Leid bei Verletzungen und Verlust von Kameraden und die nicht immer unproblematischen Beziehungen zu den Menschen in den besetzten Gebieten.

Diese Erinnerungen des Zittauer Soldaten Georg Voigt werden die Zeiten überdauern, wissenschaftlich ausgewertet und danach in den Städtischen Museen Zittau ausgestellt. Sein Sohn, Zittaus Ex-Oberbürgermeister Arnd Voigt, hat einen Teil der Sammlung am Mittwoch an Museumsdirektor Peter Knüvener übergeben, den mit Zittau-Bezug. „Es geht mir nicht um die Wehrmachtsgeschichte“, betonte der Hartauer. Nicht um die Verherrlichung des 3. Reiches oder des Zweiten Weltkriegs. „Es geht mir um Zittau, um das Leben der Zittauer, die damals im Felde waren.“

Es geht um Zittau, um nichts anderes

Die Spende umfasst Hunderte Einzelobjekte, darunter viele Briefe, die Georg Voigt an seine Frau beziehungsweise seine Eltern schrieb oder von ihnen bekam. Die Palette der Dokumente reicht vom Verpflichtungsschein der Reichswehr über das Soldbuch bis zur Entlassungsurkunde von 1945. Auf den – oft illegal entstandenen, transportierten und entwickelten Fotos – sind offizielle Anlässe wie der Einzug der Zittauer Soldaten in Deutsch Gabel im Sudetenland, aber auch private Momente von abgekämpften Soldaten im Feld zu sehen. Bis auf die in den letzten Jahrzehnten verloren gegangene Mütze werden auch die Paradeuniform, der Tornister, der Feldspaten, der Stahlhelm, weitere Ausrüstungsgegenstände von Georg Voigt und Dinge, wie die von den Zittauer Soldaten zu Weihnachten gedichtete Festzeitungen bald dem Museum gehören. Vorausgesetzt, der Stadtrat nimmt Arnd Voigts Spende an, was er laut Gesetz tun muss.

Im Museum stößt die Schenkung auf ehrliche Freude und Dankbarkeit. „Das ist etwas ganz Besonderes und in unserer Sammlung in dieser Form einmalig“, sagte Museumsdirektor Peter Knüvener am Mittwoch. „Zeugnisse aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges oder kurz davor sind selten, weil man solche Dinge verschwinden ließ.“ Während es in den westlichen Bundesländern noch vergleichsweise viel Material bei Privatleuten gebe, seien diese Erinnerungsstücke von DDR-Bürgern meist „aus Angst vor Repressionen vernichtet worden“, ergänzte Hartmut Müller, Mitglied des Zittauer Geschichts- und Museumsvereins sowie der deutschlandweit agierenden Arbeitsgemeinschaft „Feldpost II. Weltkrieg“, der mit der Sichtung und Auswertung der Voigt’schen Spende begonnen hat. Auch die staatlichen Stellen der DDR haben viele Akten und Dokumente aus der Zeit von 1933 bis 1945 vernichtet. Deshalb sei die Spende „ein großer geschichtlicher Schatz für Zittau“, so Müller. Anhand dessen man die Geschichte so darstellen könne, dass sie weder von links noch von rechts missbraucht werden kann.

Die Zeit dafür ist reif

Bei Voigts hat die Sammlung in drei Holzkisten auf dem Boden die Jahrzehnte überdauert. Nur die Paradeuniform von Georg Voigt sei vorsichtshalber nach dem Krieg in Einzelteile zerlegt worden, sagte sein Sohn. Erst 2005 habe seine Schwester sie wieder zusammengenäht. Zu sehen war die Uniform beim Festumzug zur 750-Jahrfeier Zittaus im selben Jahr. Arnd Voigts Sohn trug sie und stand auf einem alten Kübelwagen, mit dem an die gefallenen Zittauer des Zweiten Weltkrieges erinnert wurde.

An ihn und seine Geschwister gibt Arnd Voigt die Zeitzeugnisse des 1981 gestorbenen Vaters nun nicht weiter. Der 67-Jährige schenkt sie allen Zittauern. „Ich halte die Zeit dafür gekommen“, sagte er der SZ.