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Zittern bis zum späten Abend

Mit den Stimmen aus dem letzten Wahllokal wurde entschieden, dass die Grünen erstmals ein Direktmandat holen. 

Thomas Löser von den Grünen gewann ein Direktmandat und ließ sich in der Groovestation feiern.
Thomas Löser von den Grünen gewann ein Direktmandat und ließ sich in der Groovestation feiern. © Sven Ellger

Es war ein Herzschlagfinale bis nach 22.15 Uhr: Thomas Löser (Grüne) gegen Gunter Thiele (CDU) im Wahlkreise 45. Am Ende gewann Löser mit rund 259 Stimmen. So knapp wie noch nie. Damit gewinnt er das einzige Direktmandat für seine Partei, alle anderen gingen an die CDU.

Vorausgegangen war ein Warten „zwischen Himmel und Hölle“, so der 47-Jährige Löser. „An dem Abend bin ich zwei Jahre gealtert,“ Immer wieder hatte der Kandidat, Lehrer und aktuell Chef der Grünen-Stadtratsfraktion an der Seite von Christiane Filius-Jehne, auf sein Handy geguckt und die Seite der Stadt mit den Ergebnissen aktualisiert. Minutenlang leuchtete dort auf: 72 von 73 Lokalen ausgezählt. Zu dem Zeitpunkt lag Thiele noch vorne, mit 21 Stimmen. Der CDU-Mann kandidierte zum ersten Mal für den Landtag. „Es war ein Wechselbad der Gefühle“, beschreibt Thiele. Er war mit Dresdner Parteifreunden im Wirtshaus Watzke am Goldenen Reiter.

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Immer wieder wechselte die Führung. „Mal lag ich in Führung, dann war der Vorsprung nichts mehr wert“, so Thiele. „Aber ich habe bis zum Schluss gehofft.“ Doch der Jubel erschallte dann in der Äußeren Neustadt, nur wenige Minuten entfernt vom Watzke. Aus der hinteren Ecke der Groovestation, einer Partylocation auf der Katharinenstraße, arbeiteten sich Jubelschreie nach draußen in den Innenhof, wo Löser und sein Team standen. „Thomas, Thomas“ riefen die Dresdner Grünen.

Der Sieger riss völlig überwältigt die Arme nach oben. „Ich habe es geschafft.“ Um Löser drängen sich Spitzenkandidatin Katja Meier, die Stadträte Torsten Schulze, Christiane Filius-Jehne und Tina Siebeneicher und gratulieren ihm. „Es war ein super Wahlkampf, vor allem die Themen Mieten und Klimaschutz waren den Dresdnern wichtig“, sagt er. Ob er sein Stadtratsmandat jetzt weiter ausüben will, kann er am Sonntagabend noch nicht sagen. An diesem Montagmorgen muss Lehrer Löser erst mal in seine Schule, er unterrichtet Geschichte und Kunst, und muss mit seiner Direktorin sprechen, wie es nun weitergeht. „Sie wird mich erstmal drücken“, sagt Löser und wird von einem weiteren Jubelsturm mitgerissen.

Thiele nimmt das Schulterklopfen seiner Parteifreunde zur Kenntnis. „259 Stimmen sind wenig, aber mehr als ich habe. Das habe ich zu akzeptieren. Ich gratuliere Herrn Löser!“ Nachdem Thiele im Mai nicht wieder in den Stadtrat gewählt wurde, die zweite Schlappe binnen kurzer Zeit. "Ich bin enttäuscht. Vielleicht wäre es leichter, wenn es deutlicher gewesen wäre.“

Knapp war es zwischenzeitlich auch für Sozialministerin Barbara Klepsch (CDU), die in ihrem Wahlkreis hinten lag. Doch dann setzte sie sich von AfD-Kandidat Hans-Jürgen Zickler ab. So wie die CDU sich in sechs von sieben Dresdner Wahlkreisen durchsetzte. Parteichef Christian Hartmann gewann genauso wie Christian Piwarz, Martin Modschiedler, Lars Rohwer und Ingo Flemming.

Bisher hatte die CDU aber immer alle Wahlkreise in Dresden gewonnen. Auf einige davon hatte auch die AfD gehofft. Die holte aber mehrere zweite Plätze. „Das ist doch auch ordentlich“, so Parteichef André Wendt. Der sich mit dem Ergebnis durchaus zufrieden zeigte.

Ein denkbar anderes Bild bot sich dagegen im Wehner-Haus, der Zentrale der Dresdner SPD. Gedrückte Stimmung bei einem Ergebnis von unter acht Prozent. Der SPD-Stadtvorsitzender Richard Kaniewski: „Ich bin kein Freund der großen Koalition, aber im Moment sind wir nicht in der Situation, eine Auswahl zu haben.“

Im Seehaus des Ostraparks sollten auf die 80er-Jahre Elektrotanzmusik Minuten der Stille folgen. Die Linken, die in Feierlaune in den Wahlabend gestartet waren, konnten die Verluste ihrer Partei kaum fassen. Als der Moderator im Fernsehen dann noch die Möglichkeit erklärte, dass es für eine Regierung aus CDU und Grüne reichen könnte – Kopfschütteln. „Das ist kein schöner Abend“, sagte Anne Holowenko. Zu diesem Zeitpunkt, kurz nach 18 Uhr, wusste die Dresdner Kandidatin noch nicht, dass es noch schlimmer kommen sollte. Sie hoffte, dass die Linke in Dresden wenigstens noch ein Direktmandat bekommt. „Das würde uns stolz machen.“ Doch selbst Parteikollege André Schollbach musste sich in der Neustadt den Grünen und der CDU geschlagen geben.

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