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Radtouristen bekommen Privatführung

Eberhard Popig zeigt seit zehn Jahren Radtouristen die Kirche in Zodel. Dafür bekommt er nicht nur Dankesworte.

Eberhard Popig (Mitte) gibt ehrenamtlich Führungen durch die Jesus-Christus-Kirche in Zodel.
Vor allem Radtouristen schauen sich das Gotteshaus an. Durch Corona sind es sogar mehr geworden, die auf dem Neiße-Radweg unterwegs sind, sagt Popig.
Eberhard Popig (Mitte) gibt ehrenamtlich Führungen durch die Jesus-Christus-Kirche in Zodel. Vor allem Radtouristen schauen sich das Gotteshaus an. Durch Corona sind es sogar mehr geworden, die auf dem Neiße-Radweg unterwegs sind, sagt Popig. © André Schulze

Eberhard Popig hat sie sich hinter Glas eingerahmt. Eine Ansichtskarte eines Ehepaares aus Steinwiesen, östlich von Coburg gelegen. Sie ist adressiert "An den Kirchenführer der Dorfkirche Zodel" und mit lobenden Worten zu seiner Führung versehen. Der Postbote brachte diese Karte in die Kirche und von dort aus erreichte sie Eberhard Popig. "Darüber freue ich mich sehr, wenn sich Leute im Nachhinein noch bei mir bedanken. Das zeigt mir doch, dass es ihnen gefallen hat", erzählt der Zodler, der gegenüber der Jesus-Christus-Kirche wohnt. 

Zum "Kirchenführer" sei er eher zufällig geworden, sagt der 81-Jährige. Ein älteres Ehepaar hatte sich für eine Kirchenführung per E-Mail bei der Kirchgemeinde angemeldet und Eberhard Popig wurde gefragt, ob er den Wunsch erfüllen kann. Mit Zodel ist er seit seiner Kindheit verbunden. Hier steht das Elternhaus seiner Mutter. Er selbst wohnte auf der anderen Seite der Neiße, in Lissa, dem heutigen Lasów. Bis seine Familie von dort vertrieben wurde. 

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Er kennt alle Pfarrer persönlich

Dadurch kennt Eberhard Popig auch alle Pfarrer persönlich, die seit Kriegsende in Zodel gearbeitet haben. Bis heute fünf Männer, die Fluktuation ist also gering in der Kirchgemeinde. "Mir hat es einfach Spaß gemacht, dem Ehepaar über unsere Kirche und die Bedeutung von Traugott Gerber zu erzählen. Und das macht es mir nach zehn Jahren immer noch", erzählt er.

Die Zodler Jesus-Christus-Kirche. Hier wurde am 16. Januar 1710 Traugott Gerber getauft; Der berühmte Sohn von Zodel war Mediziner und Botaniker. Nach ihm ist die Pflanzengattung Gerbera benannt.
Die Zodler Jesus-Christus-Kirche. Hier wurde am 16. Januar 1710 Traugott Gerber getauft; Der berühmte Sohn von Zodel war Mediziner und Botaniker. Nach ihm ist die Pflanzengattung Gerbera benannt. © André Schulze

Popigs Kirchenführung ist unkonventionell, er stellt sich seinen Gästen als Atheist vor und kann doch viel über die Vergangenheit von Zodel, Kirche und Gerber erzählen. Dabei zieht er gern seine eigenen Parallelen in die Gegenwart. Das kommt bei den Radtouristen an, auch seine Bitte, nicht ihm einen Obolus zu entrichten, sondern in die Kollekte für die Kirche. "Wir finden das eine tolle Aktion und eine hervorragende Werbung für die Lausitz", schreibt Dr. Friedhelm Marciniak jetzt in einem Leserbrief an die SZ. Zusammen mit seiner Frau ist der Arzt aus seinem Heimatort Deutsch Evern, südlich von Lüneburg, in die Lausitz gereist, um den Oder-Neiße-Radweg mit dem Fahrrad zu erkunden. An der Kirche in Zodel machten sie halt, um sich über Gerber und Gerbera zu informieren. "Wir standen zunächst vor der verschlossenen Tür, wurden kurz darauf von einem älteren Herren angesprochen, der uns fragte, ob er uns etwas über die Gerbera und die Kirche erzählen dürfe." Das nahm das Ehepaar dankend an.   

Die Kirche immer im Blick

So ergeht es nicht wenigen Radtouristen, die von Herrn Popig erspäht werden. "Unter dem Dach meines Hauses habe ich mein ,Herrenzimmer' und von dort eine gute Sicht zur Kirche", erzählt er. Wenn die Radler absteigen und den Weg zur Kirche nehmen, schnappt sich Popig den großen Türschlüssel und eilt zur Kirche. Die Gespräche sind für ihn ein Geben und Nehmen, betont er. Einmal sei ein Pfarrer aus Troisdorf bei Köln unter den Besuchern gewesen. Von ihm ließ er sich die Geschichte von Bartholomäus und den weiteren elf Aposteln erzählen. Seitdem baut er sie in seine Führungen mit ein. Denn die Apostel sind als Wandmalerei im Altarraum verewigt.       

Die Zodler Kirche ist ein interessantes Bauwerk. An der Westseite befindet sich eine kleine Taufkapelle und die Winterkirche befindet sich an der Nordseite des Kirchengebäudes. Beides ist durch den Haupteingang (im Foto) zu erreichen.
Die Zodler Kirche ist ein interessantes Bauwerk. An der Westseite befindet sich eine kleine Taufkapelle und die Winterkirche befindet sich an der Nordseite des Kirchengebäudes. Beides ist durch den Haupteingang (im Foto) zu erreichen. © André Schulze

Gefragt ist Eberhard Popig auch am Donnerstagmorgen, als er eigentlich der SZ Rede und Antwort stehen will. Zwei Ehepaare und eine Frau hatten an der Kirche ihre Räder abgestellt, um das Gotteshaus kennen zu lernen. "Wir sind auf die Dorfkirche aufmerksam geworden und wollen sie nun auf unserer Radtour ansehen", sagt Michael Knoll aus dem Frankenland. "Dass wir dazu so eine ausführliche und humorvolle Führung bekommen, hat uns doch überrascht." Eberhard Popig hört das und muss schmunzeln: Wieder hat er fünf Touristen für Zodel und seine Kirche begeistert. 

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