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Pirna

Zöpfe an der Hobelbank

Die Tischlerlehre ist populär, auch bei Frauen. Melanie Schneider fehlt nur noch eins zum Abschluss: das Gesellenstück.

Glücklich mit Holz: Melanie Schneider, 22, steht kurz vor dem Abschluss ihrer Tischlerlehre. Zurzeit arbeitet sie an ihrem Gesellenstück.
Glücklich mit Holz: Melanie Schneider, 22, steht kurz vor dem Abschluss ihrer Tischlerlehre. Zurzeit arbeitet sie an ihrem Gesellenstück. © Daniel Schäfer

Zwei Zöpfe, Ohrenschützer und dazwischen ein Kopf, der ziemlich stur sein kann. Je mehr Leute ihr eine Sache ausreden wollen, sagt Melanie Schneider, umso zäher arbeitet sie daran. So ist es auch mit ihrem Berufswunsch. Sie will Innenarchitektin werden, dafür sorgen, dass die Menschen sich wohlfühlen in ihren vier Wänden. Holz, das weiß sie jetzt schon, wird ihr dabei gut zu pass kommen, etwas Natürliches, das Harmonie erzeugt, und immer warm wirkt. Wenn sie im Herbst an die Hallenser Kunsthochschule Burg Giebichenstein zieht, dann mit dem Gesellenbrief einer Tischlerin in der Tasche.

Das alte Tischlerhandwerk ist bei jungen Menschen erstaunlich populär. Laut Handwerkskammer Dresden rangiert der Tischlerberuf bei den neu abgeschlossenen Lehrverträgen sachsenweit auf Platz drei, hinter Kfz-Mechatronikern und Elektroniker. 2018 begannen im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge 35 junge Leute ihre Ausbildung zum Tischler, 2015 waren es noch 20 gewesen.

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Am Anfang war der Plan. Unterm Papier liegt der künftige Truhendeckel.
Am Anfang war der Plan. Unterm Papier liegt der künftige Truhendeckel. © Daniel Schäfer

Daniel Bagehorn, Sprecher der Handwerkskammer, sieht als großes Pfund des Berufs den urtümlichen und allgemein vertrauten Werkstoff: Holz. Dazu kommen die Möglichkeiten der modernen Zeit. In den Werkstätten ist die Digitalisierung eingezogen, mit computergesteuerten Maschinen, dreidimensionalen Plänen, ja sogar mit virtuellen Realitäten, die Aussehen und Funktion der projektierten Möbelstücke erlebbar machen, noch bevor der erste Hobelspan fliegt. Handarbeit bleibt zwar die Basis, sagt Kammersprecher Bagehorn. „Aber mit dem Handwerk von vor 50 Jahren hat das nicht mehr so viel zu tun.“

Melanie Schneider, 22, aus Weinböhla, gehört zu den ambitioniertesten Tischler-Azubis im Dresdner Kammerbezirk. Deshalb baut sie ihr Gesellenstück auch nicht in ihrer Firma, der Tischlerei Aulhorn in Schmiedeberg bei Dipps, sondern hier, im Tiefgeschoss des Berufsbildungs- und Technologiezentrums Pirna. Beim renommierten Kreativkurs der Tischlerzunft braucht sie alles, was ihr die Lehrer drei Jahre lang beigebracht haben, und dazu noch jede Menge eigene Ideen.

Diese Schwalbenschwanz-Zinkung hält die kleine Schublade in Form.
Diese Schwalbenschwanz-Zinkung hält die kleine Schublade in Form. © Daniel Schäfer

Der Arbeitsraum ist ausgefüllt mit Hobelbänken und etwa einem Dutzend emsig hantierender Azubis. Viele haben Tische in Arbeit, Couchtische oder Schreibtische, auch Sidebords. Sogar eine Hobelbank entsteht neu. Melanie Schneider schaut auf ihr Projekt, eine Kommode in Form einer Truhe. Sie hat zwei große Schubkästen, einen kleinen Schubkasten, darüber eine stoffbezogene Platte „für flache, schöne Dinge“, ein herausnehmbares Tablett, etwa für Ohrringe oder Ketten, und oben drauf einen gewölbten Deckel zum Auf- und Zuklappen. Der Rohbau ist fertig. Aber die Innereien fehlen noch. Es wird wohl schwierig werden, sagt Melanie, den Zeitansatz von hundert Stunden einzuhalten. „Das schafft eigentlich kaum jemand.“

Die Lehrlinge bauen ihre Gesellenstücke in der Regel für sich selbst. Deshalb sind Tische so beliebt. Einen Tisch braucht schließlich jeder. Melanie wollte etwas bauen, das praktisch ist und trotzdem ausgefallen. Da war diese Idee von der Truhe in ihrem Kopf, von der sie nicht recht weiß, wo sie eigentlich herkam. Aber sie weiß schon, wo das fertige Stück hingestellt wird: ins Bad. Deshalb will sie die Platte auch nicht wie üblich mit rotem Samt beschlagen, sondern mit türkisblauem.

Millimeterarbeit: Das Schmucktablett für die Truhe wird am Schleifband auf Maß gebracht.
Millimeterarbeit: Das Schmucktablett für die Truhe wird am Schleifband auf Maß gebracht. © Daniel Schäfer

Alles fängt damit an, die Idee auf ein Stück Papier zu bringen, natürlich am Computer. Dann wird das Material ausgewählt und aufgelistet, werden die Kosten kalkuliert. Melanie rechnet mit etwa 400 Euro, allein für das Holz. Der Korpus ihrer Truhe ist aus Eiche, geräuchert in Salmiakgeist. Sie mag den schokoladigen Farbton. Er passt gut zum hellen Ahorn, der das Innere bestimmt. Am Ende wird das Möbel ganz schön was wiegen, schätzt Melanie. Aber das stört sie nicht. Ihre Truhe, so hofft sie, soll die Zeiten überdauern, und die Generationen. „Dass sie immer gut behandelt wird, das wäre schön.“

Tatsächlich scheint die Wertschätzung für Handwerksarbeit zuzunehmen. Das jedenfalls beobachtet Peter Aulhorn, Melanie Schneiders Lehrmeister in Schmiedeberg. Die Firma hat sich auf den Bau von Massivholzmöbeln spezialisiert, Schränke, Regale, Tische, Truhen. Die Nachfrage steigt, sagt Meister Aulhorn, vor allem von Privatleuten. Die Kunden wollen Produkte, die genau auf Maß gefertigt sind. „Sowas gibt es im Möbelhaus nicht.“ Lehrlinge nimmt er gern, aber längst nicht jeden. Von seinen Azubis erwartet er, neben passablen Schulnoten, vor allem Interesse an der Sache. Sie sollen brennen für den Beruf, sagt er. „Wir wollen Freude an ihnen haben.“

Melanie Schneider hat sich für die Lehre entschieden, um später, als studierte und wahrscheinlich selbstständige Innenarchitektin, genau zu wissen, was im Holzhandwerk Sache ist, was man mit Holz machen kann und was nicht. In ihrem Ausbildungsbetrieb wollte sie möglichst oft mitarbeiten, planerisch und gestalterisch, das war ihr Wunsch. Bei den Aulhorns hat er sich erfüllt. Als Andenken hinterlässt Melanie Schneider dort eine selbst geplante und eingebaute Küche nebst Raumteiler. Bald wird der Meister sie ziehen lassen müssen. Peter Aulhorn hofft, dass der Kontakt nicht abreißt, dass Melanie seine Firma weiter empfiehlt, „dass sie nicht vergisst, wo sie ihr Rüstzeug her hat“.

Meisterhafte Kreationen. Ausstellung der Meister- und Gesellenstücke des Tischler- und Malerhandwerks. 6./7. Juli, Schloss Pillnitz, Orangerie, 10-18 Uhr.

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