merken

Zoff um Lutz und Legida

Wie es dazu kam, dass sich die Organisatoren der Pegida-Bewegung zerstritten und nun getrennte Wege gehen wollen.

Von Hermann Tydecks und Ulrich Wolf

Für die Organisatoren von Pegida war es schon zur Routine geworden: der Dienstagnachmittag-Treff am großen Tisch in einem Dresdner Lokal. Die Ereignisse des Wochenendes wurden dort ausgewertet, die eigene Kundgebung, die der Gegendemonstranten. Man suchte Redner für den nächsten Protest, besprach den Einsatz der Ordner. Doch vorgestern war es anders. Nach zweieinhalb Stunden stand fest: Pegida ist zerbrochen, ein Teil der Mannschaft von Bord gegangen.

Anzeige
25 Jahre Seidnitz Center - Feiern Sie mit!

Zum Jubiläum lassen wir es richtig krachen - erleben Sie das Seidnitz Center brandneu.

Etwa Rene Jahn. Der 49-Jährige berichtet von „mehreren Diskussionspunkten“. Vor allem über den Protest in Leipzig sei kontrovers debattiert worden. „Fünf von uns wollten in keinem Fall mit der Legida zusammenarbeiten.“ Der Leipziger Ableger sei zu radikal, das Positionspapier zu rechtslastig. „Ich muss früh noch in den Spiegel gucken können“, sagt Jahn.

Zudem habe es Streit um die künftige Rolle von Pegida-Gründer Lutz Bachmann gegeben. „Fünf von uns, darunter ich, sind der Meinung, dass wir uns mit Bachmanns Äußerungen nicht identifizieren können.“ Bachmann war nach dem Bekanntwerden rassistischer Äußerungen, die er im September 2014 im Internet gemacht hatte, von seinem Amt als Vereinschef von Pegida zurückgetreten, dem Organisationsteam aber gehörte er weiter an.

Ruhig und bestimmt wirkt Jahn, als er am Telefon sagt: „Wir fünf sind bei Pegida definitiv raus. Wir gehen auch nicht mehr auf Demos. Was Lutz Bachmann in Zukunft machen wird, weiß ich nicht.“

Die fünf, das sind außer Jahn die bekanntesten Pegida-Gesichter: Sprecherin und Schatzmeisterin Kathrin Oertel, Sicherheitschef Achim Exner, der Meißner Innenausstatter Thomas Tallacker sowie der Unternehmer Bernd-Volker Lincke aus Dresden. Der ist als Wirtschafts- und PR-Berater tätig. Auch er spricht mit der SZ. „Es war zunächst eine ganz normale Sitzung des Orgateams“, sagt er. „Wir sind schließlich alle befreundet.“ Die ersten Punkte der Tagesordnung seien abgearbeitet worden, „dann ging es um Lutz Bachmann“. Auch er, Lincke, habe seinen Standpunkt dazu vertreten. Äußerungen wie „Gesindel“ oder „Pack“ gehörten nicht zu seinem Sprachgebrauch. „Ich habe gesagt, wenn Lutz Bachmann bleibt, kann ich nicht im Team bleiben. Danach habe ich die Sitzung gleich verlassen.“ Auch für Lincke steht fest: „Ich werde nicht mehr bei Pegida teilnehmen.“ Die letzten Wochen seien anstrengend gewesen, jetzt wolle er erst mal Abstand gewinnen.

Als Einziger aus dem bisherigen Pegida-Team fehlte am vergangenen Dienstag der Reichenberger Ingo Friedemann. Der ehemalige Inhaber des türkischen Hamams „Zum kleinen Muck“ ging bei Pegida schon nach der Kundgebung am vergangenen Sonntag von Bord. Er sagte Radio Dresden, auch für ihn seien die ausländerfeindlichen Äußerungen Bachmanns das Hauptmotiv für den Rückzug gewesen. Er sehe sich als „liberal-konservativen Menschen“, der sich politisch in der bürgerlichen Mitte bewege. Damit seien Einstellungen wie die von Lutz Bachmann nicht vereinbar.

Befragt zu den jüngsten Vorkommnissen, sagte der in einem kurzen Telefonat: „Ich weiß von nichts. Ich weiß nicht, ob und wer zurückgetreten ist. Fragen Sie die Pressesprecherin.“ Zu diesem Zeitpunkt war auf der Facebook-Seite von Pegida schon zu lesen: „Kathrin hat vorerst ihr Amt als Pressesprecherin niedergelegt.“

Offenbar ist nun nicht mehr nur die Kommunikation zwischen Medien und Pegida gestört, sondern auch die der Organisatoren untereinander. Es zeichnet sich ein Riss ab. Auf der einen Seite steht das Bachmann-Lager, dem seine Frau, der Eishockeyfan Thomas Hiemann, der Motorradfreund Tom Balasz, der Kesselsdorfer Unternehmer Stephan Baumann und der umtriebige Security-Mann Siegfried Däbritz aus Meißen angehören. Auf der anderen Seite finden sich die fünf, die das Team verlassen haben.

Allerdings macht Bachmann das gegenüber der Süddeutschen Zeitung nicht so deutlich. Den Kollegen in München bestätigte er den Rücktritt Oertels als Sprecherin. Sie sei aus Antifa-Kreisen massiv bedroht worden. Nun müsse kommende Woche ein neuer Vereinsvorstand gewählt werden. Weder Frau Oertel noch er stünden dafür aber zur Verfügung. „Ich bin auch froh, dass ich da draußen bin, ich will gar nicht mehr.“

Das mit dem neuen Vorstand dürfte schwierig werden. Denn der Verein hat nur zehn Mitglieder, der größte Teil davon rekrutiert sich aus dem Organisationsteam. Nach dem Auseinanderbrechen bleiben nur noch fünf Vereinsmitglieder übrig. Sieben aber sind mindestens nötig, um einen Verein am Leben zu halten.

Auf seiner Facebook-Seite erklärte Pegida, Oertel habe sich „aufgeopfert für unsere Sache“. Wenn aber nachts schon irgendwelche Fotografen und andere komische Gestalten um ihr Haus schlichen, „da kann man es der stärksten Frau nicht übelnehmen, wenn sie eine Auszeit braucht“. Tallacker sei wegen beruflicher Nachteile von seinen Ämtern zurückgetreten. Er habe durch den Verlust etlicher öffentlicher Aufträge „massive Probleme“ mit seiner Firma, heißt es bei Pegida. Dass der Meißener schon weit vor seinem Engagement in wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckte, davon findet sich in der offiziellen Pegida-
Erklärung nichts. Auch nicht vom Streit über die Rolle Bachmanns.

Der zuletzt als Sicherheitschef bei Pegida aufgetretene Achim Exner, der auch im Kreisvorstand der Dresdner AfD sitzt, war für die SZ nicht zu sprechen. Dafür aber für die Junge Freiheit. Dem rechtskonservativen Blatt sagte er, Bachmann habe sich „nicht in dem Maße zurückgezogen, wie wir uns das wünschen“. So soll Bachmann hinter den Kulissen weiter kräftig mitgemischt haben. Laut FAZ stammte etwa die Information über die Vorverlegung der Pegida-Kundgebung von Montag auf Sonntag auf der Internetseite des Vereins von ihm.

Das Pegida-Mitglied Stephan Baumann aus Kesselsdorf wollte sich nicht äußern. Er sagte lediglich: „Sie wissen ja: Lügenpresse. Keine Auskunft.“ Auch Siegfried Däbritz blockte sämtliche Medienanfragen ab. Auf seiner Facebook-Seite schrieb er: „Ich werde keine Fragen zu diesem Thema beantworten, weder per WhatsApp, SMS, Anruf, PN oder Sonstiges.“ Er stehe aber weiterhin zu 101 Prozent hinter Pegida. „Nichtsdestotrotz interessiere ich mich natürlich für den Maulwurf oder die Maulwürfe, die seit Wochen graben und plappern und graben und plappern . . .“

Es sieht so aus, als würden Pegida-Treue und -Aussteiger künftig getrennt marschieren: Beide wollen am 9. Februar auf die Straße gehen.

Mitarbeit: Alexander Schneider, Peter Anderson, Heinrich Löbbers, Andrea Schawe

Sachsen wählt: Am 1. September ist Landtagswahl in Sachsen. Sie wissen noch nicht, wen Sie wählen? Der Wahl-O-Mat für Sachsen hilft Ihnen bei der Entscheidung! Alle Berichte, Hintergründe und aktuellen News zur Landtagswahl finden Sie gebündelt auf unserer Themenseite zur Landtagswahl in Sachsen.