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Zombiezug nach nirgendwo

In Großbritannien verkehren jede Menge Geisterzüge in Städte, in die fast keiner will.

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© Screenshot: SZ

Von Jochen Wittmann

Es ist ein Zug nach nirgendwo. Und ohne Rückkehr. Der 11.36 Uhr von London Paddington abfahrende ist ein Geisterzug: Keine, oder zumindest kaum Passagiere. Fahrtziel ist Gerrards Cross in Buckinghamshire, wo keiner hinwill. Selbst wenn man dort aussteigen würde, gäbe es keine Möglichkeit, wieder zurückzufahren. Und das Sahnehäubchen: Bahnsteig 14 in Paddington, von dem aus der Zug abfährt, ist fast so gut versteckt, wie Bahnsteig 9¾ auf King’s Cross, auf dem ein gewisser Harry Potter den Hogwarts-Express bestieg.

Es ist eine Absurdität im Mutterland des Eisenbahnverkehrs. Warum unterhält der Betreiber „Great Western Railways“ solch einen nutzlosen Service? Und dabei ist das Unternehmen nicht das einzige, das in Großbritanniens privatisiertem und zersplittertem Bahnverkehrssystem derartige Geisterzüge betreibt. In vielen Ecken des Königreichs verkehren leere Eisenbahnen auf nicht angekündigten Routen zu schrägen Zeiten: die Zombiezüge eben. Oder, um sie bei ihrem richtigen Namen zu nennen: „parliamentary trains“ – Parlaments-Züge. Denn auf ein Gesetz des Parlaments aus dem Jahre 1844 geht die Existenz dieser Züge zurück.

Das Problem: Es ist ganz und gar nicht leicht, eine Bahnverbindung in Großbritannien zu streichen. Die Strecke Padding-ton – Gerrards Cross mag hoffnungslos unbeliebt sein, die Passagierzahlen unentschuldbar niedrig und der Unterhalt ökonomisch völlig unsinnig, aber eine Schließung wäre noch viel teurer. Denn das Parlamentsgesetz aus dem 19. Jahrhundert hat Mindeststandards für Passagiere der dritten Klasse eingeführt und zugleich dafür gesorgt, dass eine Streichung einer Linie nur nach einem bürokratischen Hürdenlauf möglich ist.

Wenn eines der Bahnunternehmen auf die Idee käme, eine Linie eliminieren zu wollen, dann wäre auch heute noch vieles fällig: Zunächst ein Gutachten darüber, welche Auswirkungen eine Schließung auf Passagiere, die Umwelt und die Volkswirtschaft hätte. Dann müsste ein Antrag beim Verkehrsministerium gestellt und die Details in der Presse veröffentlicht werden. Eine zwölfwöchige Konsultationsperiode folgt, in der jedermann Einspruch einlegen könnte. Und am Ende müssen die finalisierten Pläne der Bahnbehörde vorgelegt werden, die schließlich entscheidet.

Das alles kostet so viel Zeit und Geld, dass es einfacher ist, einfach ein paar Züge fahren zu lassen und damit die Illusion aufrechtzuerhalten, dass die Strecken immer noch betrieben werden. Colin Duvall, ein Professor für Bahnwissenschaft an der Universität von York, sieht auch ein PR-Problem: „Der Grund, warum solch ein nutzloser, limitierter Service aufrechterhalten wird, ist der öffentliche Aufruhr, wenn jemand ihn abschaffen wollte.“

Denn die Briten lieben ihre Züge. Eine „nationale Obsession“ nannte es die Financial Times. Einige Briten lieben ihren Bahnverkehr so sehr, dass sie regelrecht Jagd auf die Geisterzüge machen. Die Webseite Theghoststationhunters listet Geisterbahnhöfe und Zombiezüge auf, um es Fans zu ermöglichen, die Strecken abzufahren. Tim Hall-Smith, der die Seite betreibt, ist vom Phänomen der Zombiezüge fasziniert: „Es ist einfach skurril. So etwas kann es wohl nur in Großbritannien geben.“