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Bessere Bedingungen für Bauarbeiter?

In Dresden leben viele Handwerker aus dem Ausland in miserablen Unterkünften. Nun darf der Zoll das kontrollieren. 

Wenn Zollbeamte auf Baustellen nach Schwarzarbeitern fahnden, dürfen sie künftig auch die Unterkünfte der Bauarbeiter überprüfen. Das hat der Bundestag in der vergangenen Woche beschlossen.
Wenn Zollbeamte auf Baustellen nach Schwarzarbeitern fahnden, dürfen sie künftig auch die Unterkünfte der Bauarbeiter überprüfen. Das hat der Bundestag in der vergangenen Woche beschlossen. © dpa/Boris Roessler

Dresdens Baubranche boomt, an vielen Stellen in der Stadt entstehen Wohn- und Geschäftshäuser, alte Gebäude werden saniert. Was die Baustellen unterscheidet: die Sprachen, mit denen sich die Arbeiter verständigen. Der Großteil der Handwerker und Bauleute kommt aus osteuropäischen Ländern nach Dresden, um hier zu arbeiten. Und weil der Weg nach Hause für sie mitunter sehr weit ist, leben viele von ihnen über mehrere Wochen oder Monate in der Stadt. Nicht selten unter beengten Bedingungen und damit einhergehenden Problemen, wie ein Beispiel aus Naußlitz kürzlich zeigte. 30 Bauarbeiter sind dort in fünf Wohnungen untergebracht. Jeweils zu sechst teilen sich die Männer knapp 50 Quadratmeter.

Zwei Bewohnerinnen hatten sich an die SZ gewandt und die Situation geschildert. Besonders problematisch ist die Lautstärke, wenn sich die Männer im Garten hinter dem Haus treffen und lange feiern. Oft ist dabei viel Alkohol im Spiel. Ähnlich beschreibt auch ein Mieter seine Situation, der in der August-Bebel-Straße in Strehlen wohnt. In einem großen Mietshaus, in dem es auch Studentenwohnungen gibt, leben etliche Bauarbeiter, viele kommen aus Polen, einige auch aus Rumänien, sagt der junge Mann, der seit 2013 im Nachbarhaus wohnt. „Ich habe die Männer angesprochen, viele sind sehr nett, sie haben mir sogar ihre Wohnungen gezeigt.“ Was er dort gesehen habe, sei schlimm gewesen. Keine richtigen Betten, kaum Möbel, Matratzen auf dem Fußboden, die Bäder klein. „Das sind schon arme Schweine.“ Und sie seien selbst genervt von ihren Lebensbedingungen hier in Dresden.

Charlotte Meentzen
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„Manche schlafen sogar im Auto“

Dass sich diese Männer nach schwerer körperlicher Arbeit auf den Dresdner Baustellen anstatt in ihren viel zu kleinen Quartieren lieber draußen treffen, will ihnen ihr Nachbar gar nicht verübeln. Meistens versammeln sie sich an einer Feuertreppe, die außen an dem Wohnhaus angebaut ist. Weil sie sich zwischen zwei Häuserwänden befindet, würde es sehr laut schallen, wenn sich die Männer bis weit in die Abendstunden hinein unterhalten. „Sie haben ja hier nichts, keine Familien oder Freunde, keine richtige Wohnung, was sollen sie sonst auch machen?“

Dennoch wünscht sich der Dresdner, dass sich an der Situation etwas ändert. Er selbst kann, wenn es mal wieder zu laut ist, die Polizei rufen. „Das habe ich oft getan, aber das führt ja zu keiner dauerhaften Lösung.“ Auch weil immer wieder neue Bauleute kommen, denen allerdings niemand erklärt, wie sie sich verhalten sollen, was erlaubt und was verboten ist. Die Vermieter der Arbeiterwohnungen wollen sich dazu nicht äußern. Doch warum arbeiten hier überhaupt so viele Bauleute und Handwerker aus osteuropäischen Ländern? Der Immobilienexperte Robert Hesse kennt die Antworten. Drei Jahre lang war er Immobilienchef auf dem Flughafen Leipzig/Halle, hat selbst als Bauleiter gearbeitet. Heute berät er als Kenner der Branche Immobilienfirmen zu ihren Bauprojekten. „Es gibt mehrere Gründe: Zum einen gibt es im Baugewerbe einen deutlichen Mangel an Nachwuchs.“ Immer weniger junge Leute entscheiden sich für eine Ausbildung in diesen Berufen. Dazu komme die sehr gute Auftragslage. „Die gab es schon in den 1990er- bis Anfang der 2000er-Jahre, dann ebbte der Bauboom aber ab.“ Viele Firmen mussten damals Angestellte entlassen – „nun haben sie Angst, wieder Leute einzustellen“, sagt Hesse. Niemand könne derzeit absehen, wie lange der Boom noch anhält. Also greift die Branche auf Zeitarbeitsfirmen und Leiharbeiter zurück.

Weil viele Polen aufgrund der Bezahlung inzwischen nicht mehr nach Deutschland kommen, sondern etwa nach Großbritannien weiterziehen, würden mehr Menschen aus Rumänien, Bulgarien, Weißrussland und mittlerweile auch aus Griechenland auf deutschen Baustellen arbeiten. In den ländlichen Gegenden dort sei die Armut mitunter so groß, dass die Arbeiter sich hier keine teuren Unterkünfte leisten, so Hesse. Er kenne Berichte, dass einige Bauarbeiter sogar wochenlang in ihren Autos schlafen, nur um zehn bis 15 Euro Übernachtungskosten zu sparen, die sie dann lieber in die Heimat schicken. Doch es gebe auch das klassische Containerdorf direkt auf der Baustelle. „Die Beschäftigung und Unterbringung dieser Menschen ist ein ähnlich schwieriges Thema wie beim Rotlichtmilieu.“

Neues Gesetz gibt Zoll mehr Rechte

Ein Problem war bislang, dass es keine Kontrollen zu den Wohnbedingungen der Arbeiter gab. „Der Zoll hatte keine Möglichkeit, die Unterkünfte zu überprüfen“, sagt Heike Wilsdorf, Sprecherin des Hauptzollamtes Dresden. An diesem Donnerstag tritt nun ein neues Gesetz in Kraft, das die Zollbeamten dazu befugt, die vom Arbeitgeber zur Verfügung gestellten Unterkünfte zu jeder Tages- und Nachtzeit betreten zu dürfen. Diese und andere Änderungen des Schwarzarbeitsbekämpfungsgesetzes hat der Bundestag am 11. Juli dieses Jahres beschlossen. Unter anderem auch, dass Arbeitgeber Arbeitnehmer nicht zu ausbeuterischen Bedingungen beschäftigen dürfen.

Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund Sachsen befasst sich mit Problemen ausländischer Beschäftigter und hat Anfang 2018 zwei Beratungsstellen in Dresden und Leipzig eröffnet. Finanziert werden diese vom Sächsischen Wirtschaftsministerium. Dass der Bedarf an Hilfe groß ist, weiß Mitarbeiterin Leona Blahová, die im Volkshaus am Schützenplatz ihr Büro hat. 1 500 Beratungen hat es bisher an beiden Standorten gegeben. Allerdings ging es dabei nie um Probleme mit der Unterkunft, so Blahová. „Das heißt aber nicht, dass es diese nicht gibt.“

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