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Zu krank zum Arbeiten – vorzeitig in Rente

Wer Altersrente für Schwerbehinderte erhalten will, muss zwei Voraussetzungen erfüllen – und sich Abzüge leisten können. Letzter Teil unserer Renten-Serie.

Diagnose Brustkrebs – und nach 78 Wochen zahlt die Krankenkasse nicht mehr.
Diagnose Brustkrebs – und nach 78 Wochen zahlt die Krankenkasse nicht mehr. © 123rf/Katarzyna Bialasiewicz

In der Regel sind es Männer Ende 50, die eine schwere Knie- oder Hüftoperation hinter sich haben. Oder Frauen Anfang 60, die unter den Folgen einer Krebserkrankung leiden. Ihre Lebensqualität ist eingeschränkt, und ab der 79. Woche erhalten sie auch kein Krankengeld mehr. Eine Rückkehr in den Berufsalltag ist angesichts der körperlichen Einschränkungen nicht mehr denkbar, der Weg in die Arbeitslosigkeit aber auch nicht gewollt. Was bleibt? Gibt es die Chance auf eine Erwerbsminderungsrente? Ist es möglich, bereits eine Altersrente zu beziehen? Mit diesen Fragen haben sich allein in den ersten Monaten dieses Jahres mehr als 8.000 Sachsen an den Sozialverband VdK gewandt. Viele sind in dieser Situation hilflos.

„In unseren Beratungen möchten wir helfen, die finanziellen Einbußen so gering wie möglich zu halten. Da muss man alle Optionen sehr gut abwägen“, sagt Landesgeschäftsführer Ralph Beckert. Viele der Betroffenen hätten bereits einen Antrag auf Schwerbehinderung beim Sozialamt gestellt. Möglich sei dies auch bei psychischen oder chronischen Erkrankungen. Was die meisten aber nicht wissen: Wird ihnen ein gewisser Grad der Behinderung (GdB) anerkannt, haben sie gute Chancen, früher und zu besseren Konditionen in die gesetzliche Rente zu gehen.

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Nicht mit Erwerbsminderungsrente verwechseln

Offiziell gilt man mit einem Grad von 50 Prozent als schwerbehindert – und hat somit einen Anspruch auf die Altersrente für schwerbehinderte Menschen. Diese ist Bestandteil des sogenannten Nachteilsausgleich, der im Sozialgesetzbuch IX geregelt ist – und nicht zu verwechseln mit der Erwerbsminderungsrente. Diese ist für Beschäftigte jedes Alters gedacht, die aus gesundheitlichen Gründen gar nicht mehr oder nur noch wenige Stunden arbeiten können. Mit der Schwerbehindertenrente können ältere, kranke Arbeitnehmer zwei Jahre vor der gesetzlichen Regelaltersgrenze ohne Einbußen in den Ruhestand gehen. „Wer Abschläge in Kauf nimmt, kann sogar noch eher aussteigen“, sagt Christian Lindner, Rentenberater in Dresden.

Dabei steigt die erforderliche Altersgrenze ab dem Jahrgang 1952 an (siehe Tabelle). Wer beispielsweise 1957 geboren wurde, kann mit 63 Jahren und elf Monaten abschlagsfrei in die Schwerbehindertenrente gehen. Frühestmöglich ist ein Eintritt sogar mit 60 Jahren und elf Monaten möglich – in dem Fall aber mit 10,8 Prozent Abschlägen, die bis ans Lebensende gelten.

Das Interesse an der speziellen Rentenform ist groß, auch wenn sie noch wenig bekannt ist. Wer sich einmal mit dem Modell auseinandersetzt, findet oft Gefallen daran, hat Rentenberaterin Evelyn Kiss aus Chemnitz beobachtet. Im Jahr 2018 haben deutschlandweit rund 1,8 Millionen Menschen diese Rente bezogen, in Sachsen waren es nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung etwa 94.000. Das durchschnittliche Eintrittsalter lag im Freistaat bei knapp 62 Jahren.

Mindestens 35 Jahre Beitragsjahre

Arbeitnehmer, die die Schwerbehindertenrente nutzen möchten, müssen zwei Voraussetzungen erfüllen: Zum einen muss zum Zeitpunkt des Renteneintritts ein Grad der Behinderung von 50 vorliegen. Dies wird vom Rententräger anhand des Schwerbehindertenausweises geprüft. „Wer sich als Beschäftigter mit schwerbehinderten Menschen hat gleichstellen lassen, geht in dem Fall leer aus“, sagt Kiss. Die arbeitsrechtliche Gleichstellung wirke sich zwar beispielsweise im Kündigungsschutz aus, im Rentenrecht spiele sie jedoch keine Rolle. Zum anderen müssen die Beschäftigten 35 Jahre Beitragsjahre in der Deutschen Rentenversicherung nachweisen können. „Diese Wartezeit bekommen die meisten Arbeitnehmer zusammen, da alle rentenrechtlichen Zeiten berücksichtigt werden“, sagt Lindner. So zählen etwa Jahre mit einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung ebenso dazu, wie Zeiten der Kindererziehung oder mit Bezug von Kranken- oder Arbeitslosengeld.

Bezüglich des Hinzuverdienstes gelten dieselben Regeln wie für andere vorgezogene Renten auch. „Frührentner können pro Jahr 6.300 Euro dazuverdienen, ohne dass das Geld angerechnet wird“, sagt Kiss. „Erst wer seine Regelaltersgrenze erreicht hat, kann unbegrenzt dazuverdienen.“ Eine Ausnahme gelte ausschließlich für dieses Jahr. Aufgrund der Corona-Krise hat der Gesetzgeber die Verdienstgrenze bis Ende 2020 auf 44.590 Euro angehoben. Falls die Schwerbehindertenrente wegen eines zu hohen Nebenverdienstes entfallen sollte, muss sie neu beantragt werden. „Dann muss die Schwerbehinderung immer noch vorliegen“, erklärt Lindner.

Berät zum Anspruch auf Altersrente für Schwerbehinderte: Ralph Beckert vom Sozialverband VdK Sachsen in seinem Büro in Chemnitz.
Berät zum Anspruch auf Altersrente für Schwerbehinderte: Ralph Beckert vom Sozialverband VdK Sachsen in seinem Büro in Chemnitz. © Andreas Seidel

Um den Renteneintritt mit Schwerbehinderung optimal zu gestalten, sollten sich Betroffene rechtzeitig beraten lassen – am besten einige Jahre vor Beginn des Ruhestandes. „Die verschiedenen Rentenoptionen einmal durchzurechnen, ist unerlässlich“, sagt Lindner. Denn die Schwerbehindertenrente müsse man sich auch leisten können. In der Regel falle sie geringer aus, als die normale Altersrente.

So haben Finanzexperten der Stiftung Warentest errechnet, dass ein Durchschnittsverdiener mit Schwerbehinderung, der fünf Jahre vor der allgemeinen Altersgrenze mit Abschlägen in den Ruhestand geht, monatlich mit mehreren Hundert Euro weniger auskommen muss. Und selbst wer die Schwerbehindertenrente abschlagsfrei bezieht, muss Einbußen in Kauf nehmen. „Es fehlen dann einfach zwei Jahre an Renteneinzahlungen im Vergleich zur allgemeinen Altersrente“, sagt Lindner. Laut den Warentestern macht das bei einem Durchschnittsverdiener im Osten nach derzeitigen Werten ein monatliches Minus von 66,46 Euro aus.

Und dennoch: Für die meisten Betroffenen dürfte die Altersrente für schwerbehinderte Menschen die beste Option sein. „Allein aus gesundheitlichen Gründen lohnt es sich, über einen früheren Ausstieg aus dem Job nachzudenken“, sagt Lindner. Auch nach der Erfahrung von Ralph Beckert würden viele Arbeitnehmer die Rente gern in Anspruch nehmen, weil sie einfach nicht mehr so leistungsfähig seien.

Alle Optionen offenhalten

Beim Rentenantrag kommt dem Grad der Behinderung eine besondere Rolle zu. Über den entscheidet das Sozialamt anhand von Arztberichten, Krankenunterlagen oder Gutachten. Doch was passiert, wenn sich der Grad der Behinderung im Laufe der Zeit verändert? Bei nahezu allen Krebserkrankungen zum Beispiel wird ein Grad von 50 nur für wenige Jahre befristet anerkannt, weil der Behandlungserfolg oft ungewiss ist. Nach dieser sogenannten Heilungsbewährungszeit wird er entsprechend dem Gesundheitszustand angepasst. „Wenn jemand die einmal bewilligte Schwerbehindertenrente bezieht und später der Grad der Behinderung herabgestuft wird, macht das rein gar nichts“, erklärt Evelyn Kiss.

Etwas schwieriger gestaltet sich laut Christian Lindner dieser Fall: Zum Zeitpunkt des Rentenantrags liegt ein GdB 50 vor. Kurz danach kündigt das Sozialamt aber eine Nachprüfung an, ohne dass die Rente schon bewilligt ist. „Besteht dabei das Risiko, dass der GdB sinken kann, sollte man trotzdem nicht die Nerven verlieren“, sagt Lindner. „Solange kein neuer Bescheid vorliegt, gilt der alte. Dann ist alles in Ordnung.“ Und flattert der neue, ungünstigere Bescheid doch vor dem Rentenbeginn ins Haus? Dann sollte man ihn erst einmal anfechten. „Ein Widerspruchsverfahren kann viele Monate dauern. Und unter Umständen kommt noch eine Klage vor dem Sozialgericht infrage“, sagt Lindner. Auf diese Weise könne man ein bis zwei Jahre überbrücken. So lange sei der neue Bescheid nicht rechtskräftig – und es gelte weiterhin der alte GdB. „Hat man die Altersgrenze vor Ende des Widerspruchverfahrens erreicht, kann man also problemlos in die Schwerbehindertenrente gehen.“

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Auch Evelyn Kiss rät: „Arbeitnehmer, deren Grad der Behinderung noch nicht feststeht, sollten mit ihrem Rentenantrag nicht warten.“ Ohnehin sei es in der Praxis üblich, parallel immer die normale Altersrente mit zu beantragen, um alle Optionen offenzuhalten. Wird die Schwerbehindertenrente erst später mit ihren geringeren Abzügen zuerkannt, wird sie rückwirkend gezahlt – aber eben nur, wenn ein Antrag vorlag.

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