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Zu Pferde fühlt sie ihre Beine

Angela Hähner sitzt im Rollstuhl. Jetzt stärkt sie mit Reittraining in Riesa ihre Muskeln, aber auch ihr Selbstbewusstsein.

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Von Julia Polony

Angela Hähner ist seit acht Jahren an den Rollstuhl gebunden. Doch wenn sie auf dem Pferd sitzt, genießt sie das Gefühl, endlich mal größer zu sein als alle anderen.

Die 46-Jährige leidet an Multipler Sklerose (MS), einer entzündlichen Erkrankung des Nervensystems. Von der Brust abwärts hat sie Lähmungserscheinungen. Mal mehr, mal weniger. „Doch nur auf dem Rücken der Pferde spüre ich meine Beine“, sagt die Riesaerin und strahlt. „Das ist wie... wie... Ich weiß nicht wie ich es beschreiben soll.“

Seit zwei Monaten kommt sie einmal pro Woche zum Reiten in den Reit- und Pensionsstall Möbius in Riesa-Pausitz. Dann lässt sie sich für 30 Minuten auf dem Pferderücken durch die Reithalle führen. Zwei Helfer stehen ihr zur Seite. Vorn hält Thomas Möbius, Betreiber des Reitstützpunktes, die Zügel und führt das Pferd. Nebenher läuft Christiane Zitzke.

Ein Kissen ersetzt den Sattel

Die 24-jährige Pädagogikstudentin und Reittrainerin schaut, ob die Reiterin richtig sitzt, gibt Hilfestellung und auch eine gewisse Sicherheit. Schließlich kann sich Angela Hähner mit ihren Beinen nicht selbst auf dem Pferd halten.

Es ist fast so wie bei einer „normalen“ Reitstunde. Nur statt auf einem Sattel, sitzt Angela Hähner auf einem Kissen. „Die Bewegungungen, die das Pferd beim Gehen macht, übertragen sich auf den Reiter. Es werden Impulse an die Muskulatur gesendet. Dadurch ‚wissen‘ die Muskeln, wie sich sich bewegen sollten“, erklärt Christiane Zitzke den Effekt des Reitens.

Für Angela Hähner ist das Reiten Entspannung pur. „Auch wenn ich nach der halben Stunde meistens ganz schön geschafft bin, fühle ich mich stärker und meine Muskeln sind lockerer“, sagt sie zufrieden. Jahrelang hatte sie dies nicht spüren können.

„Austherapiert!“, haben ihr die Ärzte gesagt, nachdem Medikamente, Bewegungs- und Muskelübungen keine Wirkung zeigten. Doch die lebenslustige Riesaerin wollte sich damit nicht abfinden. Angela Hähner machte sich über alternative Behandlungsmethoden schlau und erfuhr von einer Therapie mit Pferden.

Bei neurologischen Problemen könne sich Reiten positiv auf die Psyche und den Körper auswirken, hieß es. „Das wollte ich ausprobieren und suchte mir vor einem Jahr eine Reitmöglichkeit“, erklärt Angela Hähner. „Leider musste ich dafür bis ins Erzgebirge fahren. Bis ich von dem Riesaer Reitstützpunkt erfuhr, der nicht weit weg von meinem Zuhause ist.“

Ruhiges Therapie-Pferd

Noch läuft das Reittraining in Riesa in enger Zusammenarbeit mit Angela Hähners Physiotherapeutin und einer ausgebildeten Reittherapeutin. Denn Christiane Zitzke, die seit vielen Jahren reitet und Kindern Unterricht gibt, wird erst im nächsten Jahr die einjährige Ausbildung zur Reittherapeutin beginnen. „Ich möchte danach mit Hilfe von Pferden verhaltensauffällige, behinderte und psychisch kranke Kinder und Erwachsenen helfen“, bringt Christiane Zitzke ihr Berufsziel auf den Punkt.

Das geeignete Pferd dafür hat sie schon. „Bjoern“ ist ein norwegisches Fjord-Pferd, das mit seinen 22 Jahren sehr ruhig, ausgeglichen und überhaupt nicht schreckhaft ist. „Das sind notwendige Voraussetzungen für ein Therapie-Pferd“, so die junge Frau.

Ihre erste Patientin hat sie schon jetzt gefunden. Denn Angela Hähner will die Reitstunden auf jeden Fall auch weiterhin nehmen. „Darauf möchte ich nicht mehr verzichten, denn für mich gibt es nichts Entspannenderes“, sagt sie und gibt Pferd Bjoern zum Trainingsende ein Leckerli zur Belohnung... Weil er immer so brav ist.