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Bautzen

Zu politisch für die Schule?

Wenn der Bund der Antifaschisten am 8. Mai zum Gedenken einlädt, werden keine Bautzener Gymnasiasten auftreten. Jetzt in der Wahlzeit sind die Schulleiter vorsichtig.

Am sowjetischen Ehrenmal am Ziegelwall in Bautzen wird jedes Jahr am 8. Mai den Opfern des Zweiten Weltkrieges gedacht. Für Mitorganisatorin Ingrid Heyser war klar, dass bei der Veranstaltung auch Schüler auftreten werden. Doch es kommt anders.
Am sowjetischen Ehrenmal am Ziegelwall in Bautzen wird jedes Jahr am 8. Mai den Opfern des Zweiten Weltkrieges gedacht. Für Mitorganisatorin Ingrid Heyser war klar, dass bei der Veranstaltung auch Schüler auftreten werden. Doch es kommt anders. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Die Absage kam für Ingrid Heyser völlig überraschend. Denn eigentlich war für die Gedenkveranstaltung am 8. Mai schon alles vorbereitet. Wie in jedem Jahr sollten auch diesmal die Schüler des Philipp-Melanchthon-Gymnasiums mit einem Auftritt das Programm bereichern. 

Geplant war, dass am sowjetischen Ehrenmal am Ziegelwall eine sechste Klasse auftritt. In Gedenken der Opfer des Zweiten Weltkrieges sollte jeder Schüler seinen Friedenswunsch zum Ausdruck bringen. Um die letzten Details zu klären, rief Ingrid Heyser in der Schule an. Doch statt mit der Lehrerin über den Ablauf sprechen zu können, erfuhr sie, dass es in diesem Jahr keinen Auftritt der Schüler geben wird.

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„Wir haben mit dem Gymnasium viele Jahre gut zusammengearbeitet. Ich verstehe die Absage nicht“, sagt sie. Die promovierte Medizinerin ist Mitglied im Verband VVN-BdA. Das lange Kürzel steht für Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten. Nicht nur mit dem Melanchthon-Gymnasium arbeitet die Bautzenerin zusammen. In vielen Schulen der Region war sie bereits Gast, berichtete von einem dunklen Kapitel ihrer Familiengeschichte. Ihr Vater, Horst Brandt, war als Jugendlicher aufgrund seiner jüdischen Abstammung in einem Nebenlager des KZ Buchenwald interniert.

Generelle Entscheidung

Dass ihr das Bautzener Gymnasium jetzt den Rücken kehrt, könne eigentlich nur ein Missverständnis sein. Ingrid Heyser befürchtet eine Verwechslung. „Auch wenn der Name ähnlich klingt, mit der organisierten Antifa haben wir gar nichts zu tun“, betont sie.

Nein, um eine Verwechslung handele es sich nicht, erklärt Schulleiter Karsten Vogt. Es gehe bei der Absage auch gar nicht um diese spezielle Veranstaltung, sondern um eine generelle Entscheidung. „Wir haben in letzter Zeit bemerkt, dass unterschiedliche Gruppierungen versuchen, in der Schule Politik zu machen. Und da haben wir gesagt: Das wollen wir in der Wahlzeit nicht“, sagt er. Die Gedenkveranstaltung am 8. Mai sei zwar an sich keine Wahlaktion, räumt Karsten Vogt ein. Politisch sei sie aber in jedem Fall.

Neben Bautzens Oberbürgermeister Alexander Ahrens (SPD) wird am 8. Mai auch Rico Gebhardt, Linken-Fraktionsvorsitzender im Sächsischen Landtag sprechen.

Eine Schule sollte politisch neutral sein, meint auch Andreas Kämpe, Leiter des Schiller-Gymnasiums in Bautzen. Große Podiumsdiskussionen mit einer bestimmten Partei habe es deshalb bei ihm noch nicht gegeben. „Es ist ja auch so: Wenn man es einem gestattet, muss man es allen gestatten“, erklärt der Schulleiter. Zwar schließt Andreas Kämpe ein Politik-Projekt nicht aus. Das müsse dann aber gut vorbereitet sein und alle demokratischen Parteien umfassen. 

Der Schulleiter erhält aber auch viele Anfragen, die erst auf den zweiten Blick politisch sind. Bei solchen Themen hinterfrage er genau, was sich dahinter verbirgt. Das heißt aber nicht, dass die Schule grundsätzlich alle Angebote von außen ablehnt. Im Gegenteil: Oft bereichern sie den Unterricht, sagt Kämpe und nennt ein aktuelles Beispiel. Erst vor ein paar Monaten organisierte ein jüdischer Frauenverein eine Ausstellung im Schulhaus. „Das Gespräch mit den Zeitzeugen war für alle sehr fruchtbringend“, sagt er.

Ähnliches berichtet Christine Pallmer von der Daimler-Oberschule. Mit Leuten von außen hole man sich Leben ins Haus, erklärt sie. Die Schulleiterin vertraut auf ihre Fachlehrer. Die wüssten genau, mit wem sie zusammenarbeiten können. Wenn aber ein Angebot wirklich reine Werbung ist, landet es sofort im Papierkorb.

Kurz vor einer Wahl sollten Schulleiter tatsächlich vorsichtiger sein, erklärt Jens Drummer, Presserefernt beim Bautzener Landesamt für Schule und Bildung. Es gibt dazu sogar einen Erlass. Die Schulen werden aufgefordert, vier Wochen vor einer Wahl von Veranstaltungen abzusehen, bei denen Wahlbewerber oder Mitglieder der zur Wahl stehenden Parteien auftreten.

Abgesehen davon hält Drummer politische Bildung an Schulen aber für sehr wichtig. Dass Vertreter von Parteien vor Schülern sprechen, sei generell auch nicht verboten, erklärt er. Es müssen aber Regeln eingehalten werden. Die Pluralität spielt eine Rolle. Das heißt: Unterschiedliche politische Meinungen sollten ausgewogen vertreten sein. Und auch die Lehrer haben eine Aufgabe. In Vorgesprächen bereiten sie die Schüler vor, ermutigen sie dazu, auch kritische Fragen zu stellen.