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Zu viel Gedränge in der Straßenbahn

Zu einer bestimmten Uhrzeit sind die Straßenbahnen in Görlitz rappelvoll. Aber weitere Wagen anzuhängen, geht nicht.

Von Susanne Sodan
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Weil viele Schüler früh die Bahn nutzen, wird es manchmal sehr eng.
Weil viele Schüler früh die Bahn nutzen, wird es manchmal sehr eng. © Nikolai Schmidt

Eine Mutter reibt ihrem Kind die Hände warm. Es ist kurz nach sieben Uhr und die beiden warten am Südausgang des Bahnhofes auf den Schulbus. Zwei Söhne hat die Frau, erzählt sie, beide besuchen Schulen in Königshufen. Der Jüngere nimmt den Schulbus, der Ältere fährt mit der Straßenbahn. Allerdings steige er statt am Südausgang lieber am Demianiplatz zu. Denn dort steigen Leute auch aus und um, es herrsche mehr Bewegung, sei nicht mehr ganz so dicht gedrängt in der Bahn wie am Südausgang.

Der Beweis kommt direkt angefahren: Die Linie 2, die von Biesnitz bis nach Königshufen fährt, hält am Südausgang. Tatsächlich sind die beiden Bahnwagen rappelvoll. So viele Fahrgäste einen Sitzplatz ergattert haben, so viele stehen auch. Eine Menge Schulrucksäcke sind zu sehen, die meisten Fahrgäste scheinen Schüler zu sein, die dicht an dicht stehen. Das sei zu der Uhrzeit eigentlich immer so, sagt eine Frau, die zusteigen will. Und in der Straßenbahnlinie 1 aus Weinhübel sowie im B-Bus aus und in Richtung Rauschwalde sehe es um diese Uhrzeit nicht anders aus.

Die Görlitzerin und frühere FDP-Landtagsabgeordnete Kristin Schütz kennt das Problem von der Linie 1, die von Weinhübel bis zum Neißepark fährt – und hat es im vorigen Stadtrat angesprochen. „Weinhübel hat ja keine weiterführende Schule“, erklärt sie. Heißt, alle Schüler, die dort wohnen und in Görlitz ein Gymnasium oder eine Oberschule besuchen, müssen allmorgendlich in die Innenstadt, die Südstadt, Rauschwalde oder bis nach Königshufen. Im Sommer, erzählt Kristin Schütz, würden viele mit dem Rad fahren. Bei den jetzigen morgendlichen Temperaturen aber werden die meisten vom Sattel und in die öffentlichen Verkehrsmittel steigen. Für die Weinhübler Schüler wäre das also die Linie 1. Und zwar die, die um 7.14 Uhr an der Endhaltestelle Weinhübel losfährt. 7.23 Uhr ist sie am Südausgang, 7.28 Uhr zum Beispiel am Postplatz. Es ist im Grunde die einzige Linie, die für die Schüler infrage kommt, erklärt Kristin Schütz.

Bahn früher ist keine Option

Die Oberschulen und Gymnasien in Görlitz beginnen alle zwischen 7.30 und 8 Uhr mit dem Unterricht, das Curie-Gymnasium und die Oberschule Innenstadt zum Beispiel um 7.50 Uhr, das Augustum-Annen-Gymnasium um 7.45 Uhr. Die Linie 1 wie auch die Linie 2 aus Biesnitz fahren im 20-Minuten-Takt. Mit einer Bahn später würden die Kinder in den meisten Fällen zu spät kommen, erklärt Kristin Schütz. Eine Bahn früher? „Am Curie-Gymnasium ist es so, dass das Schulgebäude ab 7.30 Uhr offen ist.“ Quasi passgenau zur Ankunftszeit der Schüler, die mit der Linie 1 oder 2 kommen. Würden sie eine Straßenbahn früher nehmen, müssten sie etwa 20 Minuten draußen zubringen. Im Winter könne das schnell unangenehm werden.

Wenn es möglich wäre, bei den Linien 1 und 2 zumindest für diese beiden bestimmten Fahrten einen weiteren Wagen anzuhängen, „das wäre schon eine deutliche Entlastung“, sagt Kristin Schütz. Manchmal sei früher aber auch parallel ein Entlastungsbus am Südausgang eingesetzt worden. Bei der jetzigen Situation jedenfalls sei der Schulweg per Bahn keine Freude. „Man steht wirklich eng an eng.“ Dazu kommen noch die Schulranzen.

Die GVB kennen das Problem, sagt Andreas Kolley, Sprecher der Görlitzer Verkehrsbetriebe. Deren Problem wiederum: die veraltete Flotte. 14 Straßenbahnen haben die GVB zur Verfügung, sie seien schon bis zu 40 Jahre alt. Trotz der veraltete Flotte alle verfügbaren Fahrzeuge dem Betrieb bereitzustellen, sei kein einfaches Unterfangen. Dafür würden sie in der Werkstatt mit viel Aufwand und Mühe gewartet, „um die Zeit bis zum Einsatz neuer Niederflur-Stadtbahnwagen zu überbrücken“, so Kolley. Besonders im Schülerverkehr seien alle verfügbare Straßenbahnen im Einsatz: Die Linie 1 fährt in der Schulzeit ganztägig in Doppeltraktion, also mit zwei Wagen. Linie 2 fährt normalerweise mit einem Wagen, außer bei der für den Schülerverkehr besonders wichtigen Fahrt, die 7.03 Uhr in Biesnitz startet. „Wenn es Probleme mit der Doppeltraktion gibt, versuchen wir möglichst mit dem Bus zu verstärken“, das wird kurzfristig durch die Betriebsaufsicht oder die Leitstelle entschieden. „Ebenfalls sind wir bemüht, in Zusammenarbeit mit den verantwortlichen Verkehrsplanern der Stadt eine langfristige adäquate Lösung zu erarbeiten“, teilt Andreas Kolley mit.

Dritter Wagen keine Lösung

Einen dritten Wagen anzuhängen, sei aber aus mehreren Gründen nicht möglich. Zum Beispiel: Die Bahnsteige wären gar nicht lang genug für drei Wagen. Hauptgrund ist aber, dass nicht genügend Fahrzeuge zur Verfügung stünden. So sind aktuell zum Beispiel alleine drei der 14 Fahrzeuge in der Hauptuntersuchung, die bei Straßenbahnen mehrere Monate dauert, erklärt Andreas Kolley. Unglücklich: Jetzt steht erst mal noch eine Bahn weniger zur Verfügung: Am Freitag wurde eine Straßenbahn in Biesnitz von einem Lkw angefahren. Sie wird für längere Zeit nicht einsatzfähig sein. Es hatte ausgerechnet eine erwischt, die erst dieses Jahr von der Hauptuntersuchung zurückkam.

Viel Zeit aber bleibe nicht mehr für die Umstellung auf die Niederflurwagen, sagt Kristin Schütz. Denn 2021 müsse die UNO-Behindertenrechtskonvention umgesetzt werden, zu der der erleichterte Einstieg gehört.

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