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"Züge helfen mehr als die Autobahn"

Martin Reents hat die Grenzraumstudie mit erarbeitet. Görlitz fasziniert ihn. Wo er dennoch Verbesserungsbedarf sieht.

Martin Reents leitet das Potsdamer Büro von Infrastruktur & Umwelt, das oft grenzüberschreitende Projekte begleitet
Martin Reents leitet das Potsdamer Büro von Infrastruktur & Umwelt, das oft grenzüberschreitende Projekte begleitet © Susanne Sodan

Über zwei Jahre haben Martin Reents und seine Kollegen vom Potsdamer Büro Infrastruktur & Umwelt viel Zeit in Städten und Orten nahe der Grenze verbracht. Sie haben Statistiken ausgewertet, Planungen und andere Studien analysiert, mit Experten diskutiert. Herausgekommen ist die sächsisch-niederschlesische Grenzraumstudie. Sie gehört zum Interreg-Projekt „Smart Integration“ und wurde vom sächsischen Innenministerium beauftragt. Es geht darum, was nötig ist, um Deutschland und Polen besser zu verflechten. 

Den grenzübergreifenden Verkehr haben sie dafür beleuchtet, die Wirtschaft, Tourismus, Abwanderung, Dienstleistungen wie das Gesundheits- und Rettungswesen. Vor allem mit Letzterem geht auch die Frage einher, warum das Dreiländereck von seinen Einwohnern oft als Randlage und Benachteiligung wahrgenommen wird. Vor allem geht es darum, welche gemeinsamen Entwicklungen in Zukunft möglich sind. Die Studie selbst ist auch grenzübergreifend entstanden, gemeinsam mit dem Marschallamt der Woiwodschaft Niederschlesien und dem Institut für Territoriale Entwicklung in Breslau. Im Interview erklärt Martin Reents, warum Sprache so wichtig, und was in Görlitz noch zu tun ist.

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Martin Reents hat sich viel mit Zugverkehr befasst. Besonders wichtig findet er die Elektrifizierung des Bahnhofs Görlitz mit dem polnischen Stromsystem.
Martin Reents hat sich viel mit Zugverkehr befasst. Besonders wichtig findet er die Elektrifizierung des Bahnhofs Görlitz mit dem polnischen Stromsystem. © André Schulze

Herr Reents, bereits auf der ersten Seite der Studie findet sich der Begriff Strukturwandel. Wie stehen Sie dazu, was wird der Braunkohleausstieg für die Oberlausitz bedeuten?

Ich persönlich sehe den Braunkohleausstieg positiv, wir müssen überall dringend raus aus den fossilen Energien. Zuerst sollen ja die Kraftwerke in Nordrhein-Westfalen abgeschaltet werden, weil sie älter sind als die in der Oberlausitz. Das gibt uns wertvolle Zeit und Chancen zur Gestaltung.

2038 sollen auch hier die Kraftwerke abgeschaltet werden. Viele sagen, das ist zu wenig Zeit.

Die Angst habe ich weniger. Wie viel Wandel in vergleichsweise kurzer Zeit möglich ist, zeigen uns die technologischen Entwicklungen in vielen Bereichen. Bund und Länder haben zugesagt, das nötige Geld bereitzustellen, in der Forschung sind erste Pflöcke eingeschlagen. Man muss jetzt mit den Leuten vor Ort reden, was sie als nötig und machbar ansehen. Darin setze ich große Hoffungen, in die Ideen der Menschen vor Ort.

Meine Sorge ist eher, dass viele, so mein Eindruck, hoffen, dass der alte große Komplex Braunkohle durch eine neue große Unternehmensansiedlung ersetzt werden kann. Ich glaube nicht, dass das so kommen wird. Das Große muss eher ersetzt werden durch viele verschiedene kleinere Pflänzchen. Dafür fehlen aber noch die nötigen Instrumente: Alle hoffen auf das Große, ich gehe aber davon aus, dass eher kleinere, flexiblere Strukturen die Zukunft bestimmen werden. Je früher man sich darauf vorbereitet, desto besser wird man den Strukturwandel handhaben können. Dabei kann es auch helfen, über die Grenze hinauszuschauen.

In der Studie sind sehr viele Themen angesprochen, von Sprache, touristischen Wegen, Arbeitsmarkt, Verkehr, Versorgung bis zum Image als Randregion. Welches Thema sehen Sie als das an, wo im grenzübergreifenden Zusammenleben noch am meisten zu tun ist?

Es ist eine komplexe Studie, bei der wir uns gefragt haben: Wo sind die Zusammenhänge zwischen den Feldern? Wo lassen sich auch Synergien nutzen? Einer der wichtigsten Punkte ist nach wie vor die Sprache. Ich plädiere dafür, die Nachbarsprache viel stärker in die frühkindliche Bildung einzubinden, in den Kitas stärker und vor allem flächendeckender zu fördern.

Das ist erst mal nicht einfach. Die Kitas brauchen das Personal dafür, das muss bezahlt werden. Aber es ist dennoch der allereinfachste Weg, eine Zweisprachigkeit aufzubauen. Deutsch und Polnisch, beide Sprachen gelten als schwierig. Je früher man anfängt, desto leichter ist das Erlernen. Und es bietet unheimlich Perspektiven, wenn die Leute sich ganz natürlich im Nachbarland bewegen. Wer sich wirtschaftlich grenzübergreifend orientieren will, für den ist es ein großer Vorteil, wenn er sich sprachlich in beiden Welten bewegen kann.

Im Kreis Görlitz lernen zwar prozentual mehr Jugendliche Polnisch als sachsenweit. Dennoch lernen bis heute viel mehr polnische Jugendliche Deutsch. Woran liegt das? An Vorurteilen oder gar Arroganz auf deutscher Seite?

Von Arroganz würde nicht sprechen, es ist ein weiteres Feld. Den bestimmenden Faktor sehe ich nach wie vor im wirtschaftlichen Gefälle zwischen Deutschland und Polen. Es mag einzelne Fälle geben, aber für die breiteren Schichten in Deutschland ist es keine Option, ihr Erwerbsleben nach Polen auszurichten. Die Deutschen orientieren sich eher für Freizeit und Kultur in Richtung Polen. Das sieht andersrum ganz anders aus. Die Polen gestalten ihr Erwerbsleben deutlich stärker in anderen Ländern. Für sie bedeutetet es eine viel größere Chance, wenn man Deutsch oder auch Englisch beherrscht.

Welche Anregungen haben Sie konkret fürs grenzübergreifende Zusammenleben in Görlitz?

Die schnelle Elektrifizierung des Bahnhofs Görlitz mit dem polnischen Stromsystem. Das hat mit dem Plan zu tun, dass man direkt auf elektrifizierter Linie von Dresden nach Breslau kommen soll. Die Schnittstelle zwischen den Stromsystemen soll in Görlitz sein, das ist schon beschlossen. Auf polnischer Seite fahren bereits moderne Bahnfahrzeuge. Es ist wichtig, die Lücke nach Görlitz zu schließen, das würde bereits einen wertvollen Effekt für grenzüberschreitenden Verkehr geben, käme man lückenlos mit der Bahn von Görlitz nach Bunzlau oder Breslau.

Welchen Eindruck haben Sie von Görlitz gewonnen?

Es ist eine faszinierende Stadt. Es ist eine größere Stadt, die sehr schön hergerichtet ist. Ich habe jetzt den sanierten Postplatz gesehen, der öffentliche Raum hat eine unglaubliche Qualität. Es ist eine beeindruckende Leistung, aber fast auch zu schön, wenn man bedenkt, dass die Leute vor Ort ja doch mit ziemlichen Sorgen zu tun haben, wenn sie zum Beispiel um ihre Arbeitsplätze fürchten.

Wo sehen Sie in Görlitz noch Verbesserungsbedarf?

Görlitz trägt ja den Titel Europastadt. Das mag auch in der Stadt gut institutionalisiert sein. Aber man hat lange nichts Neues gehört. Ich habe nicht den Eindruck, dass es neue Impulse gibt, die über die Region hinausreichen. Europastadt – was machen die heute? So ein Begriff muss mit Leben gefüllt werden. Ein Punkt, der nicht nur Görlitz betrifft, ist das grenzübergreifende Verkehrsnetz. Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich mich für die Studie stark damit befasst habe, aber ich achte immer sehr darauf, wie die öffentlichen, grenzübergreifenden Nahverkehrsnetze – in Görlitz betrifft das die Linie P – beschaffen sind, ob es mehr Zugänge bräuchte oder neue, sinnvoll gelegene Brücken?

Wir wissen aus der Historie, dass es früher deutlich mehr Brücken über die Neiße gab. Ich weiß auch, es gibt bei grenzübergreifenden Verkehrswegen auf deutscher Seite immer Bedenken, was Grenzkriminalität angeht, obwohl ich mich dabei auch frage, wie viel Psychologie mit reinspielt. Für die alltägliche Vernetzung jedenfalls braucht es praktische Zugänge.

Sie sprechen in der Studie davon, dass die Grenzregion Ausstrahlungseffekte der Wachstumspole Dresden und Breslau nutzen soll. Wie soll das konkret funktionieren?

Es ist ein Dilemma, vor dem man steht. Man hat Zentren in der Nähe wie Dresden und Breslau, die man zum Beispiel gut für die Ausbildung junger Menschen nutzen kann. Aber diese Kernstädte haben eine Magnetwirkung – die Leute bleiben dort. Dort sind die wirtschaftlichen Kontakte. Wie also kann es gelingen, ein weiteres Auseinanderdriften zu verhindern, dass die ländlichen Gegenden nicht weiter ausbluten? Welche Faktoren wirken dagegen? Das betrifft ja auch Görlitz, obwohl die Stadt eine gewisse Größe und eine Hochschule hat. Trotzdem ist es vergleichbar mit der Situation von Frankfurt/Oder. Auch dort gibt es eine Hochschule – die Leute wohnen trotzdem in Berlin.

Haben Sie Vorschläge?

Es ist unheimlich schwer, dem etwas entgegenzusetzen, dabei spielen sehr viele Faktoren eine Rolle. Als kleinen Schritt sage ich wieder: gute Bahnverbindungen. Die helfen einer ländlichen Region noch mehr als Autobahnen. Fernpendeln ist mit dem Zug, wenn es gut funktioniert, deutlich angenehmer als im Auto. Das kann helfen bei der Entscheidung, in der Oberlausitz wohnen zu bleiben, obwohl man vielleicht woanders arbeitet.

Sie sprechen in der Studie viele Punkte an, um die schon lange gerungen wird. Wenn, überspitzt, jede Studie den Finger auf dieselben Punkte legt, warum tut sich dann trotzdem häufig wenig?

Dafür gibt es rationale Erklärungen. Es hat nichts mit bösem Willen der zuständigen Leute zu tun. Eine Schwierigkeit sind die unterschiedlichen administrativen Systeme in Deutschland und Polen. Nehmen wir noch mal den grenzübergreifenden Bahnverkehr. Das ist der teuerste Verkehr schlechthin, alleine wegen der Technik: Sie brauchen zum Beispiel das doppelte Sicherheitssystem. Gleichzeitig ist es der Verkehr mit der geringsten Nachfrage, trotzdem ist er wichtig.

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Aber ein jeder Bahnbetreiber würde sagen: Wenn ich mehr finanzielle Mittel habe, dann setze ich doch lieber einen Pendlerzug nach Dresden oder Breslau mehr ein, davon haben mehr Leute etwas. Das macht es so schwer, das frustriert die Leute auch, zurecht. Aber man kann nur sehen, wo kann man es weiter voranbringen, Punkt für Punkt.

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