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Zum Sterben ins Gimmlitztal

Der LKA-Beamte Detlev G. tötete auf bizarre Weise einen Geschäftsmann aus Hannover. Aber er will kein Mörder sein.

© Robert Michael

Thomas Schade und Jörg Stock

Die Internetseite nennt sich „Zambian Meat – The 1. site for exotic meat“, die 1. Seite für exotisches Fleisch. Administrator „longing“ zeigt sich mit blutverschmiertem Gesicht und dem Spruch „eat me“, iss mich. Es ist eines jener Foren im Netz, in dem Männer ihre sehr speziellen sexuellen Fantasien austauschen – virtuell. Doch nun ist daraus blutiger Ernst geworden, die Seite soll Ausgangspunkt für ein absonderliches Verbrechen sein.

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In dem Forum, so will die Polizei wissen, sollen sich Anfang Oktober der Dresdner Kriminalbeamte Detlev G. und ein Unternehmensberater aus Hannover kennengelernt haben. Der 55-jährige Polizist und der 59-jährige Kaufmann hätten gechattet, sich SMS geschickt, telefoniert und schließlich ein verhängnisvolles Rendezvous vereinbart. Am 4. November habe sich der gebürtige Pole in aller Frühe von Hannover aus mit dem Bus auf den Weg nach Berlin und weiter nach Dresden gemacht, wo er kurz nach 15 Uhr am Hauptbahnhof angekommen sei.

Weil er seinen Chef nicht mehr erreichen konnte, meldete ein Mitarbeiter der Unternehmensberatung seinen Geschäftsführer am 11. November als vermisst. Bei der Suche nach dem Mann fand die Polizei Zeugen. Die hätten erklärt, dass der Vermisste schon seit seiner Jugend in der Fantasie lebte, sich einmal töten und aufessen zu lassen. Auf den Computern des Verschwundenen seien Hinweise entdeckt worden, die die Zeugenaussagen bestätigten. Im Computer, so der Dresdner Polizeipräsident Dieter Kroll, hätten die Kollegen in Hannover auch entdeckt, mit wem er sich an diesen Fantasien zuletzt berauscht hatte – mit Detlev G. aus Sachsen. Mit dem Kriminaloberkommissar habe der Mann aus Hannover einen präzisen Deal gehabt. Dem zufolge sollte Detlev G. ihn töten und Teile der Leiche essen, so die Staatsanwaltschaft gestern.

Am Abend des 4. November brauchten die beiden Männer laut Polizei mit dem Auto etwa eine Stunde bis zu dem abgelegenen Haus im Gimmlitztal, in dem G. lebte. Romantisch gelegen, war es vor 150 Jahren als Herberge für Pferdekutscher gebaut worden, die das Holz aus dem Tal nach Dresden karrten. Später war es Gasthaus, Ferienheim der Deutschen Post und stand lange leer, bis es Schritt für Schritt zur Pension ausgebaut wurde.

Es nahm niemand Notiz, als Detlev G. mit dem Mann aus Hannover eintraf. Was sich in den folgenden fünf Stunden genau ereignete, ist noch nicht ganz klar. Der Staatsanwaltschaft zufolge räumt G. ein, den Mann kurz nach der Ankunft auf dessen Verlangen hin getötet zu haben. Durch einen Stich in den Hals, wie Maik Mainda sagt, Chef der Sonderkommission „Pension“, die mit 45 Beamten Motiv und Hintergründe des bizarren Verbrechens aufklären soll. Danach habe G. die Leiche in kleine Teile zersägt und auf dem Grundstück vergraben. Tatort sei vermutlich der Keller des Hauses gewesen. Nach fünf Stunden soll alles vorbei gewesen sein. Der Leiter der Dresdner Staatsanwaltschaft, Erich Wenzlick, sprach gestern von einem „unfassbaren Geschehen“. Polizeipräsident Dieter Kroll sagte: Dieser Fall zeige, „wie Menschen mit den grauenvollsten Fantasien im Internet zusammentreffen und dabei ihre Perversionen in immer krasserer Form ausleben“.

Ein Ort fürchtet um seinen guten Ruf

Im Garten der Pension sieht es am Freitag aus, als würde ein neuer „Tatort“ gedreht. Aber alles ist echt, keine Kulissen. Gräben, Löcher, Erdhaufen. Dazwischen Kriminaltechniker in weißen Schutzanzügen auf Spurensuche. Sie graben, schichten Reisighaufen um, fotografieren, stecken ihre Funde in Plastetüten. Ein schwarzer Hund ist bei ihnen. Ein Leichenspürhund.

Am vergangenen Mittwoch wurde Detlev G. ein Mann mit schütterem grauem Haar und einem freundlichen Gesicht, an seinem Arbeitsplatz im LKA festgenommen. Noch während Mitarbeiter der Mordkommission den Kollegen vernahmen, filzten Polizisten die Pension. Am Nachmittag, so Polizeipräsident Kroll, habe G. selbst den Beamten vor Ort gezeigt, wo er Leichenteile vergraben hatte. Seit Freitag werden sie in der Gerichtsmedizin untersucht. Angeblich fehlen einzelne Organe. Detlev G. bestreitet jedoch, Fleisch des Toten gegessen zu haben, so Andreas Feron. Der Pirnaer Oberstaatsanwalt führt die Ermittlungen und hat noch einiges zu tun. Denn er beschuldigt den Kriminaloberkommissar des Mordes zur Befriedigung des Geschlechtstriebes. Für die Tötung auf Verlangen sei die Beziehung zwischen Täter und Opfer seiner Ansicht nach nicht lange genug und nicht intensiv genug gewesen. Aber den Mord muss er erst beweisen. Dazu laufen DNA-Untersuchungen. Für Detlev G. geht es um eine Höchststrafe von fünf Jahren oder lebenslänglich. Er schien erleichtert nach dem Teilgeständnis, so ein Beamter.

Im Gimmlitztal können die Nachbarn nicht fassen, was passiert ist. „Ich kann ihn nicht zum Monster machen“, sagt eine Nachbarin am Gartenzaun. Der Detlev sei ein lieber, netter Mensch gewesen, bescheiden, fleißig, hilfsbereit. Keiner Fliege habe er was zuleide tun können, sagt sie. Der andere müsse das gewollt haben. „Anders kann ich mir das nicht erklären.“ Noch Dienstagmorgen hatte die Frau Detlev G. auf der Straße getroffen, mit ihm geschwatzt und gescherzt. Jetzt wisse sie nicht, was sie denken solle. Sie gibt dem Internet einen großen Teil der Schuld.

Alle, die Detlev G. kennen, sprechen gut über ihn. Er sei ein respektiertes Mitglied im Natur- und Förderverein Gimmlitztal, habe den Naturerlebnispfad mit aufgebaut. Davon abgesehen pflegte er aber offenbar wenige Kontakte. Morgens sei er zur Arbeit gefahren, und nach Feierabend habe er sich um die Pension gekümmert und die Gäste bewirtet.

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