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Zum zweiten Mal Ja zu Roßwein

Wie viele Studierende hätte auch Sarah Anna Rodriguez Abello der Stadt jetzt den Rücken kehren können. Doch sie hat sich bewusst entschieden, zu bleiben.

Von Heike Stumpf

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Sarah Abello kann mit Vorurteilen wenig anfangen. Sie weiß, dass es viele davon auch bezüglich ihrer Wahlheimat Roßwein gibt. Deshalb nickt sie zustimmend bei fast jedem Pro-Roßwein-Punkt, den ehrenamtliche Mitstreiter der Zukunftswerkstatt aufzählen. Manche dieser Argumente, die für die Muldenstadt sprechen, sind für sie ausschlaggebend gewesen, sich keinen neuen Lebensmittelpunkt zu suchen. Eine Reihe ihrer Mitstudenten hat das getan, als die Fakultät Soziale Arbeit im Herbst vergangenen Jahres aus Roßwein weggezogen ist. „Ich habe mich damals zum zweiten Mal für Roßwein entschieden“, erzählt sie.

Von Lateinamerika nach Sachsen

Das erste Mal liegt rund sechs Jahre zurück. Das war 2008, als Sarah Abello nach Roßwein kam, um sich an der Fakultät zum Master zu qualifizieren. „Wenn, dann wollte ich auch alles, was zum Studentenleben gehört und zog in Roßwein ins Studentenwohnheim ein“, sagt sie. Alternativ hätte sie nach Chemnitz pendeln können, wo sie gewohnt hat, seit sie aus Lateinamerika zurück ist. In Ecuador, Peru und Kolumbien hat die 28-Jährige mehrere Jahre gelebt. Ein großer Wunsch trieb sie schließlich nach Deutschland zurück: „Ich wollte unbedingt studieren.“

In ihrer Masterarbeit, die jetzt entsteht, will Sarah Abello Grundlagenarbeit leisten – für Roßwein. Sie wird die von der Arbeitsgruppe Bürgerhaus initiierte Befragung wissenschaftlich auswerten. „Dadurch ergibt sich noch einmal eine andere Möglichkeit, auf die Dinge zu schauen“, begründet sie und verweist auf eine schon zugesicherte Unterstützung beziehungsweise Zusammenarbeit mit der Handwerkskammer Hildesheim. Damit hofft die 28-Jährige, eine solide Basis zu schaffen: für den Aufbau eines solchen Bürgerhauses, für dessen Finanzierung und eine erfolgreiche Arbeit. „Mein Vater hat mich gelehrt, dass es aufs Fundament ankommt“, erzählt sie. Der Grundlagenarbeit möchte sie deshalb vorerst auch nach dem Abschluss ihres Studiums treu bleiben, und zwar als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Hochschule Mittweida. Mit ihrem Abschluss könnte sie genauso gut in die Praxis gehen und zum Beispiel soziale Einrichtungen leiten.

Das Bürgerhaus hält Sarah Abello selbst für eine gute Entwicklungsmöglichkeit für Roßwein. „Mir fehlen solche Räume, in denen man Leute kennenlernen kann, die engagiert sind“, gibt sie zu. Sie wisse, dass es viele Roßweiner gibt, die sich einbringen. Aber irgendwie sind die aus Abellos Sicht noch zu wenig vernetzt. Das monatliche Zukunftsforum sieht sie als einen guten Anfang, Roßweiner zu treffen, die etwas für die Stadt tun. Allerdings: „Ich würde mir wünschen, dass bei den Terminen noch mehr auf junge Familien Rücksicht genommen wird.“ Weshalb, erklärt sie an ihrem eigenen Beispiel. Paul Christian List, ihr Lebensgefährte, interessiert sich sehr dafür, ländliche Räume mitzugestalten. Doch zum Zukunftsforum kann entweder nur er oder Sarah Abello gehen. Denn einer muss mit dem dreijährigen Sohn Theo zu Hause bleiben. Das Angebot einer Kinderbetreuung wäre für sie eine Alternative – und für andere Familien möglicherweise eine Option, sich unter diesen Bedingungen auch einzubringen. „Es gibt einige, die das schon mit Herzblut tun, selbst wenn sie nicht von hier stammen“, sagt die junge Frau. Ihr ist bewusst, dass es ein Lernprozess sein wird, die Auswärtigen zu akzeptieren, sie einzubinden und mit ihnen gemeinsam Lösungen anzugehen: „Das braucht Zeit und Raum für Gespräche und die Chance, sich mit Problemen auseinanderzusetzen.“

Stadt soll sich für neue Ideen öffnen

Dass sich Roßwein für neue Ideen öffnet, ist ein großer Wunsch, den Sarah Abello für ihre Wahlheimatstadt hat. Sie findet, dass diese Ideen nötig sind, weil es mit den alten nicht weitergeht. „Roßwein wird nie wieder eine Stadt, in der es mehr Arbeitsplätze als Einwohner gibt“, sagt die 28-Jährige. „Aber es ist ein schöner Ort zum Leben, der noch schöner werden kann“, findet sie. Sarah Abello begrüßt, dass es eine Kita gibt, die auf die Bedürfnisse berufstätiger Eltern reagiert und bis in die Abendstunden geöffnet hat. Sie selbst hatte davon zwar noch nichts gehört, findet das Angebot aber wichtig. „Wenn es finanziell machbar ist, dann spricht sich das unter den Eltern herum und das ist wieder ein Pluspunkt für die Stadt.“

Aus heutiger Sicht der Lebensplanung will Sarah Abello mit ihrer kleinen Familie in Roßwein bleiben. Neben anderen Dingen hat sie sich dafür entschieden, weil sie hier als junger Mensch mitmachen und mitgestalten kann. Sie wünscht sich, dass dies noch mehr angenommen wird, genau wie Angebote, die es in Roßwein gibt. Dafür führt sie mit dem Jugendhaus erneut ein Beispiel an, das sie aus eigenem Erleben gut kennt. Während sie die Arbeit in der Freizeiteinrichtung zu schätzen weiß, hört sie darüber in der Öffentlichkeit hin und wieder abwertende Worte. Dabei waren viele von denen, die sich so äußern, noch nie oder lange nicht in dem Haus, haben einfach Vorurteile. „An Regentagen gehe ich mit Theo gern dorthin“, sagt Sarah Abello. Andere junge Eltern trifft sie da selten. Dabei wäre genau dieser Austausch gut für Eltern wie Kinder – und auch eine Art Zukunftswerkstatt.

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