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Zurück ins Leben

Alleinstehende Eltern können in der Heliosklinik ihre Kinder zur Therapie mitbringen. Während die Kinder spielen, lernen die Eltern, mit Stress umzugehen.

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Von Reiner Hanke

Erschöpft sinkt Cindy Müller* in den Sessel. „Endlich Ruhe“, denkt die allein stehende Mutter. Das Sandmännchen hat seinen Schlafsand verteilt. Doch der wirkt nicht. Da schallt schon wieder das Stimmchen der fünfjährigen Tochter Lena aus dem Kinderzimmer herüber: „Ich kann nicht schlafen.“ Mama stemmt sich wieder hoch und singt noch ein Lied. Ein paar Minuten später: „Ich habe Durst.“ Mama holt Saft. „Mir ist kalt“, „Ich muss pullern. Entnervt fällt die Mama irgendwann ins Bett. So geht es Tag für Tag. Und das ist nur eines von vielen Problemen, die an der jungen Mutter zehren. Seit der Scheidung läuft irgendwie alles schief, so sehr sie sich auch aufopfert. Das Kind droht zu entgleiten. Die Gesundheit spielt nicht mehr mit, dazu der Ärger mit dem Chef, ihr Job wackelt. Ein Teufelskreis ohne Ausweg? Nein. Spezialisiert ist die Pulsnitzer Helios-Klinik Schwedenstein schon lange auf Patienten mit solchen Problemen, mit psychischen und psychosomatischen Erkrankungen.

Ab sofort kann in Pulsnitz auch allein stehenden Eltern, wie Cindy Müller geholfen werden. Die Klinik stelle sich auf Veränderungen in der Gesellschaft ein, erklärt Geschäftsführer Carsten Tietze. Die Großfamilie verschwinde, das Dorf als Solidargemeinschaft ebenfalls. Singlehaushalte, allein stehende Eltern würden hingegen rasant zunehmen. Sie waren von den Klinik-Angeboten in Pulsnitz bisher weitgehend ausgeschlossen gewesen. Es sei denn, sie konnten Pflegeeltern für ihre Kinder finden. Das ist nicht mehr nötig. Denn genau deshalb geben sich jetzt Hase, Igel und Reh im neuen Spielzimmer der Helios-Klinik ein Stelldichein. Der Frühling ist im Gegensatz zur Realität auch schon da und hat seine drei Brüder gleich mitgebracht. Die Kreativ-Therapeuten der Klinik griffen für die Wandmalerei selbst zu Pinsel und Farbe, um das neue Spielzimmer zu gestalten. Hier ist die Welt in Ordnung. Ein Plüschtier darf nicht fehlen. Legosteine liegen herum. Ein kleiner Junge ist in sein Bauwerk vertieft und summt vor sich hin. Das soll auch alles so sein, sagt Carsten Tietze. Gerade weil die Welt der Kinder, die hier spielen, nicht immer so heil ist, sollen die Bilder Geborgenheit ausstrahlen.

Das Spielzimmer gehört zum neuen Bereich, den die Klinik für Patienten mit Begleitkindern eingerichtet hat. „Das ist nicht zu verwechseln mit Elternkind-Kuren“, erklärt Oberärztin Rayshat Liyanova. Die Kinder sind gesund, im Gegensatz zu ihren gestressten Eltern. Acht Eltern-Kind-Zimmer stehen für sie zur Verfügung. Dazu das Spielzimmer und ein Gruppenraum. Hier können sich die Eltern zum Essen, Schwatzen und Spielen treffen. Außerdem hat die Klinik Vereinbarungen mit Kitas und Schulen getroffen. Während die Kinder beim Unterricht sind, können sich die Eltern ganz auf ihre Therapie konzentrieren.

Vielfach sind es junge Mütter, die Schwierigkeiten mit der Kindererziehung haben. „Sie lernen hier, wie sie mit ihren Kindern unter Stress umgehen sollten und die Situation im Griff behalten.“ Für die Kinder organisiert die Klinik auch ein umfangreiches Freizeitprogramm vom Pferdehof bis zum Fußballturnier: „Alles was eine glückliche Kindheit ausmacht“, so Tietze. Und den Müttern auch ein Stück Freizeit. Sie lernen, wie harmonisch Familienleben sein kann. Denn die Erfahrungen der Patienten sehen meist anders aus. Oft ist die Trennung der Auslöser für eine Spirale von Problemen. Der Verlust des Partners oder eine Vergewaltigung, die eigene schwierige Kindheit können Menschen ebenfalls aus der Bahn werfen, sodass sie ihr Leben nicht mehr meistern. In der Schwedensteinklinik lernen sie, mit Stress umzugehen, Depressionen und Schuldgefühle zu überwinden und ihren Kindern Grenzen zu setzen. Wenn es der Mutter gut gehe, gehe es auch dem Kind gut, weiß Oberärztin Rayshat Liyanova und Klinikchef Carsten Tietze sagt: „Wir führen die Patienten ins Leben zurück.“*Name geändert