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Zurück nach 80 Jahren Wanderschaft

Jahrzehntelang wurden in Lommatzsch Kartoffeldämpfmaschinen gebaut. Ein historisches Exemplar kommt an den Ort seiner Entstehung zurück.

Eine 80 Jahre alte Kartoffeldämpfmaschine ist bei der Firma Kühne in Lommatzsch eingetroffen.
Eine 80 Jahre alte Kartoffeldämpfmaschine ist bei der Firma Kühne in Lommatzsch eingetroffen. © Claudia Hübschmann

Lommatzsch. Frank Kühne ist ein Techniker, wie er im Buche steht. Exakt, detailverliebt, technikbegeistert. Viele Jahre arbeitete er als Konstrukteur bei der Firma Gotthardt & Kühne in Lommatzsch, die zu DDR-Zeiten Dämpferanlagen herstellte. Nach der Wende kam das Aus.  Später leitete der  Raßlitzer die Lommatzscher Firma Kühne Förderanlagenbau, die  jetzt sein Sohn Matthias führt. Doch der 74-Jährige ist noch immer jeden Tag in der Firma. Er ist die graue Eminenz, sein Erkennungszeichen der schwarze, breitkrempige Hut. 

Weil er so ein Technikliebhaber ist, konnte er sein Glück kaum fassen, als die Firma ein Angebot bekam, das sie einfach nicht ablehnen konnte. Vor einigen Jahren nahmen vier Männer aus der Region Oberwesel Kontakt zu Frank Kühne auf. Diese Truppe war im Besitz eines jahrzehntealten Kartoffeldämpfers, gebaut von der Firma Gotthard & Kühne aus Lommatzsch. In mühevoller Arbeit wurde die Maschine aufgearbeitet und einsatzfähig gemacht. Die Männer sind damit auf Märkte und Feste gefahren, um dieses Meisterstück aus der Lommatzscher Pflege zu präsentieren. Die Gruppe hatte sich entschieden, die Maschine abzugeben, bot sie dem Nachfahren des Herstellers zum „Rückkauf“ an. "Wir haben natürlich sofort zugegriffen. So kehrt diese Kartoffeldämpfmaschine nach rund 80 Jahren zurück an ihren Entstehungsort. Wir planen, sie nun hier in der Region weiter zu präsentieren, und wollen auch die jetzige Generation an Tradition und handwerklicher Meisterleistung teilhaben lassen", sagt Frank Kühne. Er hatte vor vielen Jahren einen ähnlichen Kartoffeldämpfer von der Klostergärtnerei Riesa erworben. "Der war aber in einem solch schlechten Zustand, dass ich mich damals entschieden habe, ihn zu verschrotten. Darüber ärgere ich mich heute noch", sagt er. 

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Auch die Maschine, die jetzt erworben wurde, hat eine lange Leidenszeit hinter sich. Weil eine solche Maschine sehr teuer war, konnte sie sich nur eine Genossenschaft leisten, da sie nur im Saisonbetrieb von September bis Dezember genutzt wurde. Daher hatte auch nicht jedes Dorf einen eigenen Kartoffeldämpfer. Und so nutzten die Maschine aus Dellhofen sämtliche umliegenden Orte. Vor allem in den 1950er und 1960er Jahren wurden intensiv "Schweinekartoffeln" darin gekocht.  Doch nach und nach mussten Nebenerwerbslandwirte aufgeben. Übrig bleiben drei große Landwirtschaftsunternehmen, die andere Futtermöglichkeiten hatten und den Dämpfer nicht mehr brauchten. Er wurde ausrangiert, neben der Dreschhalle ins Freie gestellt, später auf ein brachliegendes Grundstück am Waldesrand transportiert. Dort hielt er 30 Jahre lang einen Dornröschenschlaf.    

Frank Kühne will mit dem Kartoffeldämpfer nachfolgenden Generationen zeigen, wie die Menschen früher unter großen Entbehrungen einfache Technik hergestellt haben, die aber heute noch funktioniert.
Frank Kühne will mit dem Kartoffeldämpfer nachfolgenden Generationen zeigen, wie die Menschen früher unter großen Entbehrungen einfache Technik hergestellt haben, die aber heute noch funktioniert. © - keine Angabe im huGO-Archivsys

Nur noch ein Haufen Schrott

Zum Leben erweckt wurde die historische Maschine aus Lommatzsch erst im Jahr 2005. Da stand in drei Jahren  das  750-jährige Bestehen von Dellhofen an, das mit einem Festumzug gefeiert werden sollte. Der historische Kartoffeldämpfer sollte ein Höhepunkt werden. Als die "sterblichen Überreste" am Waldesrand freigelegt wurden, war jedoch der Schrecken groß. Die Maschine war nur noch ein Haufen Schrott. Doch vier Enthusiasten rekonstruierten die historische Maschine in mühevoller Kleinarbeit und  mit privatem Kapital. In 1.500 Arbeitsstunden und mit insgesamt 8.000 Euro konnte der Kartoffeldämpfer wieder voll funktionstüchtig hergestellt werden. Er war die Hauptattraktion der 750-Jahr-Feier von Dellhofen.

Die Macher konnten sich danach vor Anfragen kaum retten. In den vergangenen zwölf Jahren war der Dämpfer rund 50 Mal im gesamten Rhein-Hunsrück-Kreis im Einsatz. Nun bringen die Vier den Dämpfer nach rund 80 Jahren Wanderschaft zurück nach Lommatzsch, wo er einst gebaut wurde. Und zurück zu einem Nachfahren seines Herstellers. 

Erster Einsatz in Schleinitz

Vorige Woche ist die Maschine per Sondertransporter in Lommatzsch angekommen. Frank Kühne hat Großes damit vor. So wie bei der Truppe aus Oberwesel soll er bei Festen eingesetzt werden. Dort soll es gedämpfte Kartoffeln mit Quark geben. Der erste Einsatz soll, so es Corona will,  am 6.  September beim Handwerker- und Dreschfest in Schleinitz sein. Frank Kühne gehört dem Förderverein Schloss Schleinitz an, der alte Handwerkstechniken und -technik bewahrt. "Ich möchte mit der Maschine zeigen, wie die Menschen früher unter großen Entbehrungen einfache Technik hergestellt haben, die aber heute noch funktioniert, wenn sie gepflegt wird", sagt der 74-Jährige. Die heutige Wegwerfgesellschaft ärgert ihn mächtig, dass nicht mehr repariert, sondern weggeworfen und neu angeschafft wird. Und es ärgert ihn auch, dass vom traditionsreichen Dämpferbau in Lommatzsch praktisch nichts mehr erhalten ist. "Sogar alle Unterlagen der Maschinen wurden ja vernichtet", sagt er. Und so plant er, den Kartoffeldämpfer auf dem Betriebsgelände an der Mertitzer Straße auszustellen. Sozusagen als Erinnerung an traditionsreiche Lommatzscher Industrie, und als Mahnung gegen das Vergessen. "Ich bin meinem Sohn Matthias, der die Firma leitet, sehr dankbar, dass er das alles mitmacht", sagt er. Und jetzt lächelt er auch das erste Mal. 

Das vierköpfige Dämpfkolonnen-Team aus Dellhofen wird am Sonnabend, dem 8. August, 14 Uhr,  die Inbetriebnahme auf dem Gelände der Firma G & K vornehmen. Dazu sind alle ehemaligen Mitarbeiter der Firma eingeladen, um dieses Ereignis mit frischen Pellkartoffeln gebührend zu feiern. 

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