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Zurück zum Lewiner Geschirr

Jahrhunderte lang war Keramik aus Levín ein Begriff in ganz Europa. Eine Keramikerin lässt die Tradition wieder aufleben.

Magdalena Brožová zeigt einen in Engobe-Keramik gefertigten historischen Teller aus Lewiner Geschirr. Die Keramikerin hat die jahrhundertelange Tradition neu belebt.
Magdalena Brožová zeigt einen in Engobe-Keramik gefertigten historischen Teller aus Lewiner Geschirr. Die Keramikerin hat die jahrhundertelange Tradition neu belebt. © Steffen Neumann

Mit dem Brennofen hat Magdalena Brožová schon einiges erlebt. „Es ist jedes Mal ein Abenteuer, ob tatsächlich alles gelingt“, sagt die Keramikerin. 48 Stunden braucht der fast 80 Jahre Muffelofen für einen Brennvorgang und vor allem ganz viel Holz. „Wir schieben abwechselnd Schichten, um den Ofen zu überwachen und weiteres Holz nachzulegen. Das ist immer sehr anspruchsvoll, aber auch eine Art Fest“, berichtet Brožová.

Nicht nur der Ofen ist hier alt, das Haus Nummer 10 in dem Örtchen Levín (Lewin), in dem sich die Keramikwerkstatt befindet, hat schon Hunderte Jahre auf dem Buckel. Es ist die letzte verbliebene Werkstatt in der einstigen Töpferhochburg. „Hier atmet man die Geschichte der Keramik. Das schafft eine ganz eigene Atmosphäre und hat meine Arbeit sehr stark beeinflusst“, erzählt sie. „In diesen Gemäuern stecken über 600 Jahre ununterbrochene Keramiktradition, das ist einzigartig in ganz Tschechien.“

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In ganz Europa verkauft

Einst war Levín wenige Kilometer nordwestlich von Úštěk (Auscha) das Zentrum der Keramikkunst. Vor allem im 18. und 19. Jahrhundert erlebte der kleine Ort eine Blütezeit. Eine eigene hochwertige Tonlagerstätte versorgte die Dutzenden Töpfer mit Rohstoffen. Die typische Engobe-Keramik mit Schlickermalerei auf rotem Ton, auch Lewiner Geschirr genannt, wurde in ganz Europa verkauft. „Die Qualität war wohl sehr hoch. Vielleicht hatten die Töpfer auch einen Preisvorteil durch die vorhandenen Rohstoffe“, vermutet Brožová den Grund für die Popularität.

Doch auch nachdem die eigenen Tonvorkommen Mitte des 19. Jahrhunderts versiegten, blieb die Keramiktradition lebendig. In den 1940er-Jahren wurde sogar eine Keramikschule eröffnet. Für sie wurde der neue Brennofen in das Haus Nummer 10 eingebaut. Doch mit der Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung nach 1945 drohte die Tradition abzubrechen.

Dass das nicht passierte, ist dem Maler Zdislav Hercík und dem Bildhauer Milan Žofka zu verdanken. Ersterer kam 1946 auf der Suche nach neuer Inspiration nach Levín, um in der letzten verbliebenen Werkstatt zu wirken. Damals gehörte die Werkstatt einem Staatsgut, später einer Invalidengenossenschaft. Žofka wiederum kaufte die Werkstatt 1985. „Damit hat er sie de facto gerettet“, sagt Brožová. Das ging so weit, dass sich der Bildhauer gegen Angebote zum Kauf des Hauses wehrte, so lange er sich nicht völlig sicher war, dass die Keramiktradition fortgeführt wird.

Abseits der Hauptwege

Dafür musste ihn erst Brožová finden. Für die 44-jährige Künstlerin war es ein weiter Weg bis zu dem Ort, der für sie heute die Inspiration für ihre Kunst darstellt. Eigentlich stammt sie aus dem Brdy-Gebiet südlich von Prag. Dort wirkte einst auch Zdislav Hercík, auf dessen Spuren sie sich gemeinsam mit einer befreundeten Künstlerin begab. „Bis dahin wusste ich nichts von Levín, und jemand, der nichts mit Keramik zu tun hatte, erst recht nicht.“ Das hat auch mit dem Ort selbst zu tun, der sich offiziell eine Minderstadt nennen darf, aber doch eher an ein Dorf erinnert.

Dreimal im Jahr findet an der markanten Kirche in Lewin der Töpfermarkt statt.
Dreimal im Jahr findet an der markanten Kirche in Lewin der Töpfermarkt statt. © FB Levínská keramika

Die abseitige Hanglage sorgte einst dafür, dass sich keine Industrie ansiedelte. Heute führt die Fernstraße in gebührender Entfernung am Ort vorbei, Busse halten hier auch nicht. Doch gerade das scheint Levín einen ganz eigenen Zauber zu verleihen. Da ist die barocke Rundkirche auf dem ebenso runden Platz mitten im Ort, auf dem das Gras aus den großen Pflastersteinen wächst. Gesäumt wird der Platz von historischen Häusern. Selbst die noch funktionierende öffentliche Telefonzelle passt in die Szenerie. Ein verschlafenes Nest, aber charmant. Immerhin mit einer Gaststätte.

Drei Keramikmärkte im Jahr

Seit Magdalena Brožová vor neun Jahren begann, nach Levín zu pendeln, ist es ihr gelungen, die Keramik-Tradition von Levín wieder aufleben zu lassen. Sie führte nicht nur die letzte Keramik-Werkstatt fort, sondern begann ein internationales Keramik-Symposium zu organisieren und Töpfermärkte zu veranstalten. Inzwischen drei Mal im Jahr versammeln sich rund um die Kirche dutzende Stände. „Wir laden nicht nur Keramiker ein, sondern auch weitere Handwerker aus der Region und natürlich Stände mit Essen und Trinken“, erzählt Brožová.

Die Auswahl weniger hochwertiger und origineller Handwerker ist ihr wichtig. Inzwischen muss sie aufpassen, dass der Markt eher nicht zu groß wird. Levín und Keramik sind wieder so weit etabliert, dass sich sogar zwei Nachahmerinnen gefunden haben. „Wir sind in Levín inzwischen drei Keramik-Werkstätten“, freut sich die Künstlerin. Diese Werkstätten öffnen zudem einmal im Jahr ihre Türen für Besucher.

Und auch Brožová selbst hat sich verändert. Vor vier Jahren war es soweit. Sie kaufte die Werkstatt ab und zog ganz nach Levín. Sie setzte den alten Muffelofen wieder instand und reparierte den Schornstein. Für sie, die ihre Kunden südlich von Prag hatte, war es ein Neuanfang. Bereut hat sie den Schritt noch keinen Tag.

Keramikmärkte in Levín: Jahrmarkt: 15. August,10-17 Uhr, Weihnachtsmarkt: 12. Dezember, 10-16 Uhr. Weitere Informationen .

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