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Zusammen schrauben

Asylbewerber können sich in Jahnishausen Fahrräder reparieren. Ein Gast der Gemeinschaft kam dafür wie gerufen.

© Andreas Weihs

Von Britta Veltzke

Manchmal funktioniert Zusammenarbeit auch ohne Worte. Mikio zeigt Cherif, wie er die Bremse und die Schaltung reparieren kann. Eine gemeinsame Sprache finden die beiden dafür nicht – zumindest keine gesprochene. Der Zweiradmechaniker Mikio Osaki beherrscht Deutsch und Japanisch – Cherif spricht Tunesisch und Französisch. Aber es funktioniert trotzdem. Cherif in Blaumann und knallgrüner Trainingsjacke verfolgt jede Bewegung Mikios ganz genau und assistiert, wann immer er eine Möglichkeit dafür sieht. Seine Hände sind schließlich ganz schwarz vom schmierigen Kettenöl.

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Zwischen dutzenden Fahrrädern in den alten Stallungen des Ritterguts steht auch Matanda Eckelt. Die mächtigen Wände lassen die sommerliche Wärme draußen, obwohl das Scheunentor sperrangelweit auf steht. Eckelt hat gemeinsam mit Udo Röhl, dem neuen Chef des SPD-Ortsvereins, die Räder aus dem städtischen Fundbüro nach Jahnishausen geschafft. Die Ersatzteile sponsert die Gemeinschaft. „Uns ist es wichtig, mehr zu tun als nur Petitionen und Absichtserklärungen zu unterschreiben. Deswegen war es Konsens bei uns, die Leute aus dem Heim bei ihrem Leben hier in Deutschland zu unterstützen“, sagt der Jahnishausener.

Freudentanz für ein Kinderrad

Auf einen Sattel gestützt beobachtet er nun, wie die Arbeit voran geht. Wenn die Räder fertig sind, können die Bewohner sie mit an die Nickritzer Straße nehmen, wo sie dann der Gemeinschaft zur Verfügung stehen. Riesas Innenstadt ist für die Asylbewerber damit in einem Bruchteil der Zeit zu erreichen, die sie ohne Fahrrad brauchen würden. Der Moment, indem Matanda Eckelt das erste fertige Kinderfahrrad abgeliefert hat, ist ihm besonders im Gedächtnis gebelieben: „Ein Mädchen hat uns mit einem Freudentanz empfangen“, sagt er. An Kinderrädern hatte es anfangs gemangelt, da anscheinend eher Erwachsene dazu neigen, ein Fahrrad „zu vergessen“. Inzwischen haben sich aber Spender für die kleinen Räder gefunden. „Um den großen Bedarf an Kinderfahrrädern zu decken, fehlen jetzt nur noch eins oder zwei“, sagt der Jahnishausener.

Zweiradmechaniker Mikio, der das Reparatur-Projekt anleitet, ist derzeit sogenannter Working Guest in der Lebenstraum Gemeinschaft. Er bleibt für zwei Wochen in Jahnishausen, um das Leben dort kennenzulernen – vielleicht wird er selbst einmal in dem alten Rittergut einziehen. Mikio kam aus Sicht von Matanda Eckelt wie gerufen: „Dass wir die Asylbewerber an der Nickritzer Straße irgendwie unterstützen wollen, war für uns klar, nur wie, wussten wir noch nicht. Dann kam Udo Röhl mit seiner Fahrradidee auf mich zu und just meldet sich auch noch ein ausgebildeter Zweiradmechaniker bei uns. Perfekt“, sagt Eckelt, der seit sieben Jahren in Jahnishausen lebt und, anders als die meisten anderen Gemeinschaftsmitglieder, keine Schnupperwochen durchlief, bevor sich beide Seiten für ein Miteinander entschieden haben.

Für Mikio, der aus Stuttgart kommt, hat die Zeit, des gegenseitigen Kennenlernens gerade erst begonnen. Seit Anfang Juni ist er in Jahnishausen – Kontrastprogramm zur Riesen-Metropole Tokio, in der er ein Jahr seines Lebens verbracht hat. An bereits fünf Tagen hat Mikio nun gemeinsam mit den Flüchtlingen an den Rädern gearbeitet. Er ist zufrieden, dass er sein Wissen weitergeben kann. „Die Arbeit macht Spaß. Die Leute, die herkommen, sind sehr aufgeschlossen. Dass sie Verfolgung und Flucht hinter sich haben, merkt man ihnen erst mal nicht an“, sagt er. Die Arbeit macht ihn aber auch nachdenklich. „Ich denke manchmal, dass nicht nur wir mit ihnen Mitleid haben, sondern, dass auch sie uns manchmal bemitleiden, weil wir uns immer um alles einen Kopf machen“, sagt der 25-jährige Student. Anfang des Jahres hat er begonnen, sich für alternative Formen des Zusammenlebens zu interessieren und ist so auf Jahnishausen aufmerksam geworden. Dem ersten Eindruck nach gefällt ihm das Leben hier, allerdings will er es auch noch mal im Winter „testen“. Bis dahin werden die Heimbewohner einige Kilometer auf den neuen alten Rädern zurückgelegt haben, die auch dank ihm wieder zu gebrauchen sind.