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Zutrauliche Krähe hält Radebeul auf Trab

Der Vogel suchte die Nähe der Menschen. Riss aber auch Pflanzen aus Beeten und zerstörte Tischdecken. Er zwickte sogar Hunde.

Auf diesem Gartentisch spielte die Krähe am Wochenende mit einer Trinkflasche. Das Tier zeigte keinerlei Scheu, ließ sich sogar streicheln. Doch schnell waren die Anwohner von der aufdringlichen Art des Vogels genervt.
Auf diesem Gartentisch spielte die Krähe am Wochenende mit einer Trinkflasche. Das Tier zeigte keinerlei Scheu, ließ sich sogar streicheln. Doch schnell waren die Anwohner von der aufdringlichen Art des Vogels genervt. © privat

Radebeul. Sie wollte ganz in Ruhe ihrer Gartenarbeit nachgehen, erzählt die Radebeulerin. Die Frau wohnt im Waldstraßenviertel, im Garten am Haus war sie am Sonntag damit beschäftigt, Unkraut zu zupfen, als sich ungebetener Besuch zu ihr gesellte. Eine Krähe saß plötzlich direkt neben ihr, beobachte ihre Arbeit aufmerksam und fing dann selbst an, mit dem Schnabel Pflanzen aus dem Beet zu ziehen. 

Was anfangs noch putzig aussah, wurde nach kurzer Zeit ziemlich lästig. Nicht nur, weil die Krähe eben kein verlässlicher Helfer beim Unkrautzupfen war, sondern auch sämtliche Pflanzen, die ins Beet gehörten und dort bleiben sollten, herauszog. Der Vogel hatte es auch auf das leuchtend-grüne Kissen der Hobby-Gärtnerin abgesehen und versuchte, es immer wieder wegzuziehen. An ein ruhiges Arbeiten war nicht mehr zu denken, erzählt sie der SZ.

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Die Frau ist nicht die Einzige, die in den letzten Tagen Bekanntschaft mit dem zutraulichen Tier machte, das keinerlei Scheu vor den Menschen zeigte. Vor etwas mehr als einer Woche tauchte die Krähe zum ersten Mal im Wohngebiet auf. Flog den Anwohnern hinterher, setzte sich neben sie, tapste ihnen nach und sorgte auch für Schäden. 

Bei dem einen Nachbarn soll sie an der Wäschespinne gezerrt haben, bei anderen fiel die Tischdecke dem langen Schnabel zum Opfer. Zwiebeln aus den Beeten holen, gehörte zu ihren Disziplinen. Und auch Hunden hopste sie hinterher und zwickte sie ins Fell.

Bei Facebook tauchte ein Video auf, das die Krähe zeigt, wie sie einen Teelichthalter aus Keramik über einen Gartentisch zieht. Als sie den Menschen hinter dem Fenster entdeckt, der das festhält, kommt sie ganz nah an die Scheibe, tapst mit neugierigen Kulleraugen auf dem Fensterbrett entlang. 

Eine Nachbarin soll die Krähe sogar gestreichelt haben. Vertreiben ließ sich der Vogel so gut wie gar nicht. „Wir haben es mit einem Wasserstrahl versucht, aber das half nur kurzfristig“, erzählt die Frau.

Auf Fotos ist zu erkennen, dass es sich um eine Nebelkrähe handelt. Der graue Rumpf mit schwarzen Flügeln und schwarzem Schwanz ist für diese Spezies charakteristisch. Eine Spannweite bis zu einem Meter können die Vögel bekommen, wiegen rund ein halbes Kilo und werden bis zu 15 Jahre alt. Normalerweise leben sie paarweise.

Die Radebeuler Krähe wurde sehr wahrscheinlich von Menschen aufgezogen, vermutet Helmar Anders von der Greifvogelhilfe Sachsen. „Sehr anhängliche und zutrauliche Rabenvögel sind meistens Handaufzuchten.“ Denn im Normalfall kommen die Vögel Menschen nicht so nah. Höchstens in Ausnahmesituationen, wenn sie ihr Brutrevier verteidigen, sagt der Experte.

Gut möglich, dass die Krähe als Jungtier von jemanden gefunden wurde und jetzt entwischt ist. „Der Vogel kann nur aus der Region sein“, so Anders. Von weiter weg würden die Tiere nicht herfliegen. In ihrem natürlichen Lebensraum ohne Menschenkontakt wird die Krähe aber wohl nicht mehr leben können. 

Denn das zutrauliche Verhalten kann man ihr nicht mehr abtrainieren und sie auch nicht mehr in eine wilde Vogelkolonie eingliedern, sagt der Experte. Solche Tiere landeten meistens in Falknereien oder Tierparks. Angst müsse man vor zutraulichen Krähen aber nicht haben. Sie wollten nur spielen und Futter erbetteln.

Die Anwohner aus dem Waldstraßenviertel haben die Krähe am Sonntag mit einem beherzten Griff gefangen und inzwischen an eine Auffangstation übergeben.

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