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Zwei Cranachs entdeckt

Bislang galten die lebensgroßen Bilder von Melanchthon und Luther als Kopien. Doch ein Restaurator wurde stutzig.

Von Christoph Scharf

Gesund und Fit

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Behutsam setzt Peter Vohland seinem Gegenüber einen Farbpunkt auf den Kragen. Philipp Melanchthon scheint das nicht zu stören. Mit feinem Lächeln schaut der große Reformator Richtung Fenster. Er scheint andere Gedanken zu haben. Grübelt der als „Lehrer Deutschlands“ ausgezeichnete Universalgelehrte über ein physikalisches, ethisches, theologisches Problem? Oder freut er sich einfach, bald an seine Wirkungsstätte Wittenberg zurückzukehren? Denn das knapp 2,40 Meter hohe Gemälde geht im Sommer auf Reise – gemeinsam mit seinem Nachbarn, einem ebenfalls lebensgroßen Martin Luther.

„Bislang galten beide Bilder als Kopien aus dem 17. Jahrhundert“, sagt Restaurator Peter Vohland. Noch in den 90ern wurden die Gemälde aus der Dorfkirche in Constappel (Gemeinde Klipphausen) in Fachliteratur mit dem Satz „nach Lucas Cranach dem Jüngeren“ gekennzeichnet. Doch der Restaurator war schon länger misstrauisch. „Die Bilder sind so außerordentlich gut gelungen“, sagt der 62-Jährige, der am Meißner Dom längst mit Cranach-Gemälden vertraut ist. Und tatsächlich: Eine aufwendige Durchleuchtung der Gemälde ergab, dass die ungewöhnlichen Ganzkörper-Porträts höchstwahrscheinlich aus der Werkstatt Cranachs d. J. selbst stammen. „Darauf deutet alles hin, auch wenn die Forschungen noch nicht abgeschlossen sind.“

Die Entdeckung hatte Folgen. Nun wurden die bislang kaum beachteten Gemälde aus Constappel plötzlich für die Macher des Projekts „Wege zu Cranach“ interessant, die 500 Jahre nach der Geburt des Meisters Ausstellungen in mehreren Städten vernetzt. Im Sommer reisen Luther und Melanchthon also nach Wittenberg. Doch vorher müssen sie fertig restauriert werden. Denn die Jahrhunderte gingen nicht spurlos an den Bildern vorüber. Deshalb stehen sie seit Monaten in der Werkstatt von Peter Vohland unter dem Meißner Dom. Wer dorthin gelangen will, muss erst das Kirchenschiff durchqueren, einen Nebenflügel aufsuchen und eine schmale Treppe unter einem Eisengitter hinabsteigen. Dort erwartet man Katakomben, tritt aber hinter einer weiteren eisenbeschlagenen Tür ins Reich des Restaurators.

Unter einem Kreuzgewölbe stehen Regale mit Fachliteratur, Farbtuben, Pinseln und steinernen Schädeln. Vergitterte Fenster bieten eine Aussicht hinab auf die Elbe und bis hinüber nach Weinböhla. Der Lärm der Stadt dringt nur gedämpft herauf. Hier arbeitet Vohland seit August an den beiden großen Reformatoren. Ihr Zustand war nur noch mäßig: Breite Risse klafften in den auf Holzbrettern gemalten Gemälden, der Firnis hatte das Schwarz der Mäntel längst in ein schmutziges Gelb verwandelt. Der originale Holzrahmen war wohl im 19. Jahrhundert dunkelbraun überstrichen worden. „Dabei gehört natürlich eine Umrandung in Schwarz und Gold dazu“, sagt Peter Vohland. Eine Vermutung, die durch eine Untersuchung verborgener Farbschichten schnell bestätigt werden konnte.

Mittlerweile haben die beiden Herren den ihnen gebührenden Rahmen wieder erhalten. Der alte Firnis ist verschwunden, die Risse wurden geschlossen und behutsam retuschiert. Nun klafft nur noch ein fingerbreiter Spalt zwischen Bild und Rahmen – ganz normal, da die verschiedenen Holzsorten über die Jahrhunderte unterschiedlich stark schrumpfen. „Um diesen Spalt zu schließen, müsste man das Bild an den Rändern verbreitern“, sagt Peter Vohland. Machbar ist das – aber teuer.

Vorerst soll es bei der reinen Restaurierung bleiben, die von Wittenberg bezahlt wird. Dort werden die beiden Gemälde vom 26. Juni bis zum November zu sehen sein. Anschließend könnten sie eine Zeit lang im Meißner Stadtmuseum gezeigt werden, bevor sie einen dauerhaften Platz im Dom finden. Die Verhandlungen dafür laufen noch. Nur eines ist ziemlich sicher: Nach Constappel werden Luther und Melanchthon wohl nicht zurück kehren. Als echte Cranachs wären sie viel zu wertvoll, als dass man die beiden Gemälde in einer Dorfkirche sicher verwahren könnte. Der Meißner Dom bietet da ganz andere Bedingungen – schließlich gibt es dort längst etwa einen von Cranach d. Ä. gestalteten Altar oder Skulpturen aus der Naumburger Dombauwerkstatt.

„In ganz Sachsen finden Sie keine wichtigere Kirche als den Meißner Dom“, sagt der Restaurator mit einer gewissen Selbstverständlichkeit. Der richtige Platz auch für Luther und Melanchthon.