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Zwei, die zuhören

Seit fast einem Jahr gibt es in Bautzen Streetworker. Die helfen nicht nur bei einer Krise.

© Uwe Soeder

Von Marleen Hollenbach

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Über Thüringen liegt der Adventszauber und lädt ein, die Vorweihnachtszeit ohne Hektik im Herzen Deutschlands zu genießen.

Bautzen. Die Umzugskiste wird Sophia Delan nicht so schnell vergessen. Auch nicht den jungen Mann, der hilflos mit der Kiste im Büro der Streetworkerin stand. Unzählige Briefe hatte er lose gesammelt, unsortiert und teilweise sogar ungeöffnet in den Karton geschmissen. Sophia Delan entdeckte viele Rechnungen und noch mehr Mahnschreiben. Einen Brief nach dem anderen öffneten die beiden gemeinsam, sortierten alles – bis sie irgendwann einen Haftbefehl in den Händen hielten.

Kommen die jungen Bautzener zum Verein „Pro Chance“, stecken sie meist tief drin – in den Schulden, in der Abhängigkeit, in der Verzweiflung. Sie aufzufangen, ihnen einen Weg aus der Krise zu zeigen, das ist die Aufgabe von Sophia Delan und ihrem Kollegen Benno Auras. Fast ein Jahr schon finanziert die Stadt Bautzen die beiden Sozialarbeiter. Erst neulich hat Oberbürgermeister Alexander Ahrens (SPD) ihre Arbeit übermäßig gelobt. Die beiden hören das gern und doch wissen sie, dass noch viele Herausforderungen vor ihnen liegen.

Die Geschichte des jungen Mannes zeigt aber auch, was sie schon erreicht haben. Die Jugendlichen vertrauen ihnen, kommen zu ihrer Beratung, wenn es Probleme gibt. Manchmal geht es um Liebeskummer, manchmal um Stress mit den Eltern, der Schule oder eben um Schulden. Viele Jugendliche, die sie treffen, haben in der achten Klasse die Schule beendet. An eine Ausbildung ist nicht zu denken. Perspektivlos leben sie in den Tag hinein. Sie schließen Handyverträge ab, die sie nicht zahlen können. Es beginnt eine Spirale, die sich nur noch nach unten dreht.

Die Streetworker setzen genau an diesem Punkt an, hören den Jugendlichen zu, begleiten sie zu Ämtern oder zum Schuldnerberater. Vorausgesetzt, die jungen Leute ziehen mit. „Jeder ist freiwillig bei uns. Wir sagen immer, der Termin ist nicht wichtig für uns, er ist wichtig für dich“, erklärt Sophia Delan, die mittlerweile 20 Jugendliche regelmäßig berät. Mit etwa 300 stehen die Sozialarbeiter in Kontakt.

Einzelberatungen sind nur ein Teil ihrer Arbeit. Die Streetworker gehen auch raus, besuchen die Jugendlichen dort, wo sie sich treffen. Und lösen vor Ort Probleme. Als zum Beispiel eine Gruppe junger Bautzener mit einer Wohnungsgesellschaft Ärger hatte, holten die Sozialarbeiter alle Beteiligten an einen Tisch. Eine ältere Bewohnerin sprach von ihrem kranken Mann, davon, dass sie ihn beruhigen muss, wenn die jungen Leute abends noch Krach machen. „Viele Jugendliche haben gesagt, dass sie das gar nicht wussten. Plötzlich war Verständnis füreinander da“, so Delan.

Auf dem richtigen Weg

Oft sind die Streetworker im Stadtteil Gesundbrunnen unterwegs, aber auch in der Innenstadt schauen sie gerade jetzt im Winter immer wieder vorbei. Mittlerweile hat sich ihr Angebot herumgesprochen. Benno Auras ist jedes Mal aufs Neue überrascht, wenn er sich bei einigen Jugendlichen nicht vorstellen muss, obwohl er sie noch nie gesehen hat. „Den Kids ist sofort klar, die sind cool, weil schon Freunde von uns berichtet haben“, meint er.

Der 27-Jährige ist sich sicher, dass sie auf dem richtigen Weg sind. Nur eines hätte er gern noch: Eine Tischtennisplatte, die er mit dem Fahrrad transportieren kann. „Es würde erst einmal irritieren, wenn wir damit auf dem Kornmarkt auftauchen. Aber ich denke, man könnte so spielerisch in Kontakt kommen“, erzählt er. Wenn zum Beispiel Jugendgruppen sich zwar kennen, aber noch nie miteinander geredet haben, wäre das ein Hilfsmittel. Ein Team bilden, auch mal auszuhalten, dass man verloren hat, all das könnten die Jugendlichen lernen und nebenbei mit der Tischtennisplatte noch viel Spaß haben.

Die Streetworker wünschen sich eine Tischtennisplatte. Und die Jugendlichen? Einige, so berichten die Sozialarbeiter, hätten gern eine Dirtbike-Strecke. „Die Jugendlichen schicken uns viele Fotos per Handy, zeigen uns, wie es aussehen soll“, meint Sophia Delan. Die 30-Jährige freut sich, dass die jungen Leute so begeistert bei der Sache sind, will ihnen aber gleichzeitig den Weg der Umsetzung nicht abnehmen. Die Jugendlichen sollen ihren Wunsch selbst bei der Verwaltung vortragen, mit der Baubürgermeisterin reden und so verstehen, wie eine Kommune arbeitet.

Zurück zu jenen, die ihr Leben nicht richtig in den Griff bekommen. Für sie planen die Streetworker im nächsten Jahr ein Camp. Mit acht jungen Bautzenern wollen sie drei Tage in den Wald fahren. „Die Schule hat sie abgeschrieben, Eltern reden nur über die Schwächen, immer wird auf ihnen herumgehackt“, erklärt Sophia Delan. Im Camp ist das anders. Ohne Handy und ohne Playstation sollen die jungen Menschen ihre Stärken kennenlernen und Selbstvertrauen tanken. Die Streetworkerin spricht von einem Versuch. Es kann sein, dass dieser Versuch total daneben- geht. Doch wenn es funktioniert, dann werden noch weitere Camps folgen.

Büro „Pro Chance“: Äußere Lauenstraße 23. Öffnungszeiten: Dienstag und Donnerstag von 14 bis 16 Uhr.