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PLUS Landtagswahl 2019

Zwei Gemeinden, zwei politische Welten

In Neschwitz wählt jeder Zweite AfD, im Nachbarort Crostwitz siegt mit großem Vorsprung die CDU - ein Besuch an der schwarz-blauen Grenze.

So unterschiedlich wurde in den Gemeinden gewählt.
So unterschiedlich wurde in den Gemeinden gewählt. © SZ-Grafik: Romy Thiel

Neschwitz/Crostwitz. Überrascht habe ihn das Ergebnis nicht, sagt Gerd Schuster. „Leider“, fügt er noch schnell hinzu. Der Neschwitzer Bürgermeister, knallrotes Shirt, Bart und Turnschuhe, steht an einem Kreisverkehr, mitten im Ort. Als ihm die SZ am Morgen anrief, konnte er sich schon denken, worum es geht. Jetzt, keine drei Stunden später, spaziert er mit der Reporterin durch jene Gemeinde, in der er seit 19 Jahren das Sagen hat. An der Kreuzung hängen zwei einsame Wahlplakate der AfD. Schuster achtet nicht auf sie. Sein Blick geht weiter – hinüber zur Kirche. Der CDU-Mann spricht von sanierten Häusern, von einer Ruine, die abgerissen werden konnte, von der großen Gaststätte mit Festsaal, die endlich wieder geöffnet hat. Dann holt er Luft, um über jenes Thema zu sprechen, weshalb er heute Besuch bekommen hat: Die Wahl. Die AfD hat hier 44,6 Prozent der Stimmen geholt. Ein Spitzenwert für die Partei.

Keine neun Autominuten entfernt eilt Jürgen Neck mitten in Crostwitz über einen Platz. Auch er kommt an einer kleinen Kirche vorbei, an sanierten Häusern. Der Uhrmacher lebt in dem Ort, seit er Denken kann. Er kennt jeden – und jeder kennt ihn. Genau wie Gerd Schuster hat er sich dazu bereit erklärt, mit der SZ über das Wahlergebnis zu sprechen. Nur geht es hier nicht um die starke AfD. Der Ort, in dem überwiegend Sorben leben, gilt schon lange als eine der letzten CDU-Bastionen. Das zeigte sich auch jetzt wieder, bei der Landtagswahl. 60,7 Prozent der Wähler gaben den Konservativen ihre Stimme. In keinem anderen Ort im Kreis Bautzen ist der Wert derart hoch. „Mich überrascht das Ergebnis nicht“, sagt Neck und klingt dabei fast wie der Neschwitzer Bürgermeister. Nur, dass er das „leider“ weglässt.

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Gerd Schuster ist Bürgermeister von Neschwitz. Bei der Landtagswahl stimmten in seiner Gemeinde 44,6 Prozent für die AfD und 32,1 Prozent für die CDU.
Gerd Schuster ist Bürgermeister von Neschwitz. Bei der Landtagswahl stimmten in seiner Gemeinde 44,6 Prozent für die AfD und 32,1 Prozent für die CDU. © Steffen Unger

Diskutieren werden die Crostwitzer dennoch über das Wahlergebnis, meint Neck. Spätestens am Abend. Einmal pro Woche treffen sich Herren älteren Semesters bei Maria. So heißt die Betreiberin der Gaststätte Erbgericht. In dem urigen Lokal wird gegessen, getrunken – und vor allem viel geredet. Auch über die CDU und die Frage danach, warum die Partei in dem kleinen Ort in der Oberlausitz so stark ist.

Zurück nach Neschwitz. Am Kreisverkehr sucht Gerd Schuster nach den richtigen Worten. Die Grundstimmung habe sich nicht verbessert, meint er. Bei Gesprächen über die Politik herrsche eine „allgemeine Aufgeregtheit“. Dann wird der Bürgermeister konkreter. „Die Leute unterscheiden nicht in Kommunal-, Landtags- oder Bundestagswahl“, lautet sein erstes Fazit. Das heißt für ihn, Fehler aus Berlin müssen die Politiker vor Ort ausbaden. Vor einigen Jahren zum Beispiel, als die vielen Flüchtlinge kamen, als auch seine Gemeinde Geflüchtete aufnehmen musste, da habe man den Leuten die Situation nicht richtig erklärt. Schuster erinnert sich noch an die Proteste. „Die Menschen bei uns haben nicht verstanden, warum plötzlich kurzfristig Geld zur Verfügung gestellt werden konnte, wo es doch sonst immer hieß, das kein Geld da ist“, sagt er. Geld spiele überhaupt eine große Rolle. Kleine Kommunen wie Neschwitz können sich kaum etwas leisten, erklärt er und zeigt auf eine Hauptstraße mit Rissen im Boden. Der zuständige Landkreis würde die Strecke gern sanieren. Doch es geht nicht, weil die Kommune ihren Eigenanteil nicht finanzieren kann. Auch bei der Kindertagesstätte müsste mal etwas getan werden. Doch es fehlen die finanziellen Mittel. „Und wenn bei uns im Ort neue Spielplätze entstehen, dann aufgrund von Elterninitiativen“, sagt er.

Jürgen Neck betreibt ein Uhrmacher-Geschäft in Crostwitz. In seiner Gemeinde wählten 60,7 Prozent die CDU und 17,5 Prozent die AfD.
Jürgen Neck betreibt ein Uhrmacher-Geschäft in Crostwitz. In seiner Gemeinde wählten 60,7 Prozent die CDU und 17,5 Prozent die AfD. © Steffen Unger

Der Uhrmacher hat sein Geschäft aufgeschlossen. Sein Laden: Werkstatt, Treffpunkt, Schreibwarenladen – alles in einem. Jürgen Neck rückt sich die Brille zurecht, als ein Junge den Raum betritt. Ein kurzer Dialog auf Sorbisch. Der Uhrmacher übersetzt: „Seine Mutter hat ihn mit dem Wecker zu mir geschickt. Er wusste aber nicht, was damit nicht in Ordnung ist“, sagt er und lacht herzlich. Nur kurz, um gleich wieder ernsthaft über die Wahl zu sprechen. Die älteren Menschen in Crostwitz wählen immer die CDU, ist der 72-Jährige überzeugt. Vor allem wegen dem „C“ im Namen, meint er. Mehr als 90 Prozent der Bevölkerung in Crostwitz ist katholisch. Vor der Wahl habe er gehört, dass sogar Bischöfe vor der AfD warnten. Indirekt zumindest. „Sie haben gesagt, man soll sich überlegen, wen man wählt. Das reicht schon“, erklärt er. Und noch ein Aspekt fällt ihm ein. Viele Bewohner würden niemals die AfD und damit Rechtspopulisten wählen. Neck hatte selbst schon mit rechten Gruppen zu tun, wie er sagt. Als er in Bautzen war, telefonierte er mit seiner Frau – auf Sorbisch. „Plötzlich hat mir einer gesagt, ich solle Deutsch reden“, erklärt er.

Wenn Jürgen Neck eine Denkpause einlegt, dann hört man die großen Uhren in seinem Laden ticken. Die CDU sei auch deshalb stark gewesen, weil deren Direktkandidaten in den Dörfern bekannt waren. „Es sind eben Leute von uns“, sagt der Uhrmacher. Für seinen Wahlkreis trat Aloysius Mikwauschk an. Wenn Neck von ihm spricht, dann nennt er nur den Vornamen. „Der Aloysius hat viel für uns getan“, sagt er. Für den Sport habe er sich eingesetzt. Auch für den Sorben Marko Schiemann, der im Nachbarwahlkreis antrat, hat Neck viele lobende Worte. Seinen Kampf für den Ausbau der A 4 überzeugt ihn.

An Kretschmer hat es nicht gelegen

In Neschwitz nieselt es. Gerd Schuster ist im Schlosspark angekommen. Ein idyllischer Ort mit Bänken und Springbrunnen. An Ministerpräsident Michael Kretschmer habe es nicht gelegen, dass die AfD in Neschwitz so stark abschnitt, betont er. Der habe viel angepackt. Die Zeit seit Amtsantritt sei aber zu kurz gewesen, um verlorene CDU-Wähler umzustimmen, meint Schuster. Weil der Regen stärker wird, läuft er zum Rathaus zurück. Als er an einem Haus vorbeikommt, ertönt Musik. „Die Senioren treffen sich zum Singen“, sagt er. Auch seine Mutter ist dabei. Am selben Ort laufen Schulkinder über die Straße. Neschwitz hat viele Vereine und Platz für Familien, betont Schuster. Von abgehängter Region könne keine Rede sein.

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