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Zwei ominöse Todesfälle in Großenhain?

Sein Erscheinen verheißt nichts Gutes. Volker Wichitill wird gerufen, wenn es sich um einen nichtnatürlichen Todesfall handelt. So ist die offizielle Sprachregelung. Der Leiter der Dresdner Mordkommission...

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Sein Erscheinen verheißt nichts Gutes. Volker Wichitill wird gerufen, wenn es sich um einen nichtnatürlichen Todesfall handelt. So ist die offizielle Sprachregelung. Der Leiter der Dresdner Mordkommission kommt gestern selbst nach Großenhain, um die Bewohner der Waldaer Straße 1 zu befragen, Spuren zu sichern und den Ort in Augenschein zu nehmen.

Mit ihm etliche Polizeibeamte, die mit Mundschutz und Handschuhen ausgerüstet, akribisch gelbe Säcke und Hausmüll durchsuchen, auf der Suche nach möglichen Hinweisen darauf, was hier passiert ist. Die Beamten vermessen außerdem den Innenhof der Waldaer Straße 1, auf dem Rüdiger D. am Dienstagmorgen 7.30 Uhr von einem Bewohner des Hauses tot gefunden wurde. Ausgestreckt, mit blutigem Hemd im Bauchbereich, sagt der.

Der Großenhainer ist aus dem Fenster gestürzt, heißt es, hatte innere Verletzungen – ob er gestoßen wurde oder verunglückte, beantwortete Volker Wichitill gestern Mittag nicht. Denn noch am Mittag, als sich die SZ ein Bild vor Ort macht, laufen die Vernehmungen von Hausbewohnern. Die Beamten wollen wissen, aus welchem Fenster das Opfer fiel. Wann die gesicherten Spuren ausgewertet sind, sei nicht abzusehen. Das könne dauern, so Wichitill gegenüber der SZ kurz vor 13 Uhr.

Die Obduktion des Mannes, die bereits am Dienstagabend erfolgte, ergab aber keine Anzeichen einer äußeren Gewalteinwirkung, so die Auskunft der Dresdner Rechtsmedizin im Laufe des gestrigen Tages. Die Pressestelle der Polizeidirektion Dresden schickte daraufhin 13.40 Uhr das Ergebnis zu diesem Fall. „Die Polizei geht von einem Unglücksfall aus. Hinweise auf eine Straftat gibt es nicht“, heißt es. Kurz vor 14 Uhr wird das Ermittlungsergebnis bereits im Radio gesendet.

Unterdessen meldet sich auch die Schwester des Toten zu Wort. Ihr Bruder sei ein stiller Mensch gewesen, hilfsbereit, der viele Freunde hatte, aber nicht in irgendwelche Machenschaften verstrickt war. Die Leute würden jetzt bloß viel reden und Gerüchte verbreiten. Dass der Fall überhaupt für solches Aufsehen sorgt, liegt offenbar auch daran, dass kurz zuvor ein weiterer Toter gefunden wurde und sich beide offenbar gut kannten, wie Großenhainer bestätigen. Der 54-jährige Rolf K. wurde in seiner Wohnung am Frauenmarkt 26/28 entdeckt. Beide Fälle stünden im Zusammenhang, heißt es nun hartnäckig und führten direkt zu gemeinsamen Bekanntschaften in der Waldaer Straße 1.

Freunde und Angehörige von Rüdiger D. sind unterdessen geschockt, konnten sich im ersten Moment nicht vorstellen, dass er aus dem Kinderzimmerfenster gefallen ist, einen Raum, den er praktisch nie genutzt habe. Die Trauer ist groß, der Großenhainer war in der Stadt gut bekannt, hat früher Fußball gespielt und geboxt, half ab und an bei der Diakonie und im Alberttreff. Dort wollte er am 30. auch seinen Geburtstag feiern.

Für Volker Wichitill ist der gestrige Besuch in Großenhain nicht der erste kriminalistische Abstecher in die Röderstadt. Im Jahr 2009 arbeitete er beispielsweise als Chef der Mordkommission mit Fallanalytikern und Medizinern zusammen am Fall Gunther Augsten. Die Ermittlungen waren sachsenweit die aufwendigsten nach dem Mord an Oberlandeskirchenrat Roland Adolph und dessen Frau Petra im Jahr 1997. In der Nacht zum 19. Februar 2009 hatte David K. das Haus des Waldaers zum Explodieren und Brennen gebracht. Augsten war offenbar vorher getötet worden. Das Verfahren ist seit 18. Juli 2013 beim Landgericht Dresden anhängig, so der Vorsitzende Richter Ralf Högner. Der Täter gilt nach mehreren Gutachten als unzurechnungsfähig und soll nun für immer in einer geschlossenen, psychiatrischen Klinik untergebracht werden.

Auch der Tod des Großenhainer Bauunternehmers Stegemann gehört zu Wichitills Fällen. Am 12. Februar 2001 wurde der Bauunternehmer Andreas Stegemann (43) am Rahmenplatz erschossen auf einer steilen Freitreppe gefunden. Drei Jahre später wurde zwar in Frankfurt/Oder der wegen Mordes vor Gericht stehende Palästinenser Bassam A. auch dieses Auftragsmordes verdächtigt – beweisen konnte man ihm das letztlich nicht. Fünf Morde gingen da offenbar schon auf sein Konto. Wegen eines sechsten Mordes hat A. gerade eine siebenjährige Haftstrafe in Schweden verbüßt. Dass er sich freiwillig der deutschen Justiz stellte, hatte mit der Angst vor einem im Libanon drohenden Mordprozess zu tun.