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Zwei Sprachen, viele Stories, eine Stadt

Görlitzer und Zgorzelecer schreiben über ihre Stadt in einer Werkstatt.

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Von Ines Eifler

Hey, haben wir uns nicht vorhin schon mal gesehen, drüben?“ Der Mann berührt die Frau an der Schulter, und sie lächelt zurück. Noch kennen sie einander nicht… Diese Begegnung an der Stadtbrücke zwischen einem Zgorzelecer und einer Görlitzerin, die mal hin, mal her gehen, ist ausgedacht, doch nicht unrealistisch, mag heute noch selten sein, in ein paar Jahren vielleicht selbstverständlich.

In zwei Schreibwerkstätten, einer polnischen, einer deutschen, setzten sich zwei Wochen lang Menschen aus der Europastadt kreativ mit ihrer Stadt auseinander. Alte Menschen, junge Menschen, Alteingesessene und Zugezogene, Frauen, Männer. Sie schreiben Texte über Orte, Leute und Situationen, angefangen bei bloßen Beschreibungen bis hin zu ganz fiktiven Geschichten, aber immer mit Bezug zur gegenüberliegenden Seite. Oder sie fragen sich, wie es sich hier in fünf, zehn Jahren leben lässt, und malen Visionen mit Worten.

Als die beiden Gruppen jetzt im Waidhaus zusammentrafen, um sich über ihre Erfahrungen und erste Ergebnisse auszutauschen, schien die Grenze teilweise schon zu verschwimmen; manche Klischees wechselten die Seite. Der viel beschimpfte deutsche Formalitätenzwang etwa erscheint im Beitrag einer jungen Polin bei weitem weniger dramatisch als der Bürokratismus polnischer Behörden. Mit ihrem Porträt eines authentischen Ehepaars – sie Polin, er Deutscher –, das wechselnd auf beiden Seiten der Stadt lebt, räumt sie manches kleine Vorurteil beiseite.

Den Kurs, an dem mit ihr noch knapp zehn andere teilnehmen, betreut der Zgorzelecer Dichter und Theatermann Marian Szalecki. Er ist aus der Kultur im polnischen Teil der Europastadt nicht wegzudenken, denn seit 20 Jahren leitet er im Dom Kultury den Literaturclub „Inspiracje“.

Unentdeckte Fähigkeiten

Der Schweizer Autor Michael Guggenheimer arbeitet mit seinen Teilnehmern im Waidhaus, wenn er nicht gerade Inspirationsausflüge zu Orten in der Nähe unternimmt. „Er macht das wirklich sehr gut“, lobt ihn einer der zehn deutschen Schreiber. „Ich habe nicht nur eine Menge gelernt, sondern auch erfahren, was ich schon konnte, nur nie angewandt habe.“ Damit bestätigt der Mann, was Guggenheimer schon sagte, als die Schreibwerkstatt noch Idee war: „Jeder kann schreiben! Man muss ihn nur dahin bringen!“

Deshalb war es ihm wichtig, dass jeder unter gleichen Voraussetzungen beginnt. Niemand wisse, woher sein Nachbar kommt und wer er ist, nach Beruf und Herkunft habe keiner gefragt. Die Beschreibung eines Gegenstands aus der Tasche, ein Porträt der eigenen Person aus der Sicht eines Freundes sowie die Schilderungen einer Erinnerung und eines Görlitzer Gebäudes hat Guggenheimer jedem abverlangt und ihn so Wort um Wort zu einer eigenen Sprache, zum individuellen Blick und Stil geführt.

Durch sein Buch „Schicht um Schicht“ wohl geübt in der detaillierten Beschreibung der Europastadt, ist für Guggenheimer die Vorstellung faszinierend, „dass zur gleichen Zeit in zwei Sprachen Geschichten über eine Stadt entstehen“.

Zum Literaturfest am 9. Juli lesen die Gruppen die Texte vor – um 18 Uhr im Jakob-Böhme-Haus am polnischen Neiße-Ufer.