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Zweifel am Nulltarif

Kostenlose Fahrten mit Bus und Bahn würden den Landkreis viel Geld kosten. Schon jetzt zahlt er zwei Millionen Euro. Eine Analyse.

© Archivfoto: André Schulze

Frank Seibel

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Die Luft in Deutschland wäre rein, wenn jedermann kürzere Strecken kostenlos mit Bahn, Straßenbahn oder Bus fahren könnte. Diese Idee der Bundesregierung wird derzeit heiß diskutiert. Was aber bringt ein kostenloser Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV)? Eine Analyse

Wie groß ist das Problem mit Stickoxid und Feinstaub?

Es gibt im ganzen Landkreis wenige Punkte, an denen von Zeit zu Zeit eine relativ hohe Luftbelastung mit Stickoxid (NOx) und Feinstaub gemessen wird. Außerhalb der Kreisstadt Görlitz spielt dieser Aspekt bei der Diskussion um den öffentlichen Nahverkehr dementsprechend kaum eine Rolle, teilt das Landratsamt mit.

Wer nutzt bislang Bus und Bahn?

Vor allem Rentner und Menschen ohne Auto nutzen bislang Busse und Bahnen, sagt der Geschäftsführer der Verkehrsgesellschaft Görlitz, Frank Müller. Das seien zu einem großen Teil Schüler, aber auch ärmere Menschen, die sich kein Auto leisten können. Im ländlichen Raum außerhalb der Kreisstadt liegt der Anteil der Schüler an den Nutzern von Bussen noch deutlich höher. Oft sind die Fahrpläne vor allem auf die Schülerfahrten ausgerichtet. Im Görlitzer Stadtgebiet kommt eine Besonderheit hinzu: Die Stadt ist sehr kompakt, kann ziemlich schnell und bequem zu Fuß oder mit dem Fahrrad durchquert werden. Somit wird das Wetter zu einem entscheidenden Faktor, sagt Müller. Bei Kälte, Schnee und Regen steigen Radler und Fußgänger in die Straßenbahn oder in den Bus, sonst eben nicht. Autofahrer spielen in diesem Wettbewerb eine untergeordnete Rolle.

Wie teuer ist öffentlicher Nahverkehr für die Betreiber?

Der Landkreis Görlitz zahlt schon jetzt pro Jahr 4,5 Millionen Euro Zuschuss an mehrere Busunternehmen. Davon kommen gut zwei Millionen Euro aus dem Haushalt des Landkreises, der größere Teil vom Freistaat Sachsen. Zum Vergleich: In der Stadt Görlitz erwirtschaftet die Verkehrsgesellschaft zwei Drittel der Kosten selbst über die Fahrkarten, ein Drittel schießt die Stadt dazu, immerhin zwei Millionen Euro pro Jahr.

Gibt es Vorbilder für kostenlosen Nahverkehr?

Prominentes Vorbild für den kostenlosen Nahverkehr ist die estnische Hauptstadt Tallinn, wo Einwohner seit fünf Jahren kostenlos mit Bussen und Straßenbahnen fahren können – allerdings zahlen Auswärtige doppelt so viel wie zuvor. Als deutsches Beispiel ist die brandenburgische Kleinstadt Templin bekannt, wo der kostenlose Nahverkehr bereits 1997 eingeführt wurde. Schon nach vier Jahren seien 15-mal so viele Fahrgäste in öffentlichen Verkehrsmitteln gezählt worden wie zuvor, heißt es in Medienberichten. Ganz kostenlos ist das Angebot zwar schon seit 2002 nicht mehr, aber für einen eher symbolischen Preis von 44 Euro für eine Kurkarte können die Templiner das ganze Jahr über Bus fahren.

Entscheidet der Preis über Ja oder Nein zu Bus und Bahn?

Trotz der positiven Beispiele sagen die Leiter der regionalen Verkehrsbetriebe übereinstimmend: Der Preis ist nicht der entscheidende Hebel für die Wahl zwischen Auto, Fahrrad oder Bus und Bahn. Alfons Dienel, der Geschäftsführer der KVG im Dreiländereck, hält es da mit dem Volksmund: „Was nichts kostet, taugt nichts.“ Der öffentliche Nahverkehr koste nun einmal Geld, und zwar immer mehr, nicht weniger. Das liege unter anderem an immer strengeren Sicherheitsbestimmungen, die über Bundes- und Landesgesetze festgelegt sind. So müsse es rechnergestützte Leitstellen geben, und Busse seien heutzutage „fahrende Computer“, sagt Dienel. Über niedrigere Fahrpreise könne man freilich reden, sagt der KVG-Chef: „Das ist eine andere Geschichte.“ Die zuständige Dezernentin im Görlitzer Landratsamt, Heike Zettwitz, ist dennoch entschieden gegen einen Nulltarif. Denn die ländlichen Regionen würden im Wettbewerb mit Großstädten und ihren Ballungsräumen verlieren. Weil in Großstädten das Nahverkehrsnetz viel dichter ist und viel mehr Bahnen und Busse fahren, würde das Geschenk für Stadtmenschen viel größer ausfallen als auf dem Land.

Welche Faktoren sind wichtiger als der Preis?

Der Schlüssel zu besserer Auslastung liegt bei der Qualität des Angebots, sagen Oberlausitzer Verkehrsbetreiber. Mehr Verbindungen, und am besten im Takt – das seien wichtige Faktoren, sagt KVG-Geschäftsführer Alfons Dienel mit Blick auf erste Erfahrungen im Modellprojekt für besseren Nahverkehr, das die Landkreise Bautzen und Görlitz vor eineinhalb Jahren gestartet haben. Für Frank Müller, den Görlitzer VGG-Chef, steht ein Aspekt im Vordergrund: die möglichst einfache Nutzung des Angebotes. Ein einheitliches Angebot zumindest bis Dresden, statt, wie bisher, zwischen verschiedenen Verkehrsverbünden zu wechseln. Fahrplan-Informationen auf einen Blick, aktuelle Infos aufs Smartphone und ein Ende des Tarif-Wirrwarrs. „Wenn ich mir am Computer ein Ticket nach Berlin und zurück ausdrucke, zahle ich 85 Euro, wenn ich es im Zug löse, kostet es kaum mehr als ein Drittel des Preises. Da fühle ich mich als Kunde veralbert.“ (mit dpa)