merken
PLUS Pirna

Flucht durch die Karpaten

Sommer 1944: Die sowjetischen Panzer überrollen jede Abwehr. Dem Unteroffizier Marcel Weise aus Pirna bleibt nur ein Ausweg: die Berge.

Ausgelaugt vom Rückzug: Marcel Weises Pionier-Kompanie bei einer Marschpause. Als die Sowjetarmee im August 1944 nach Rumänien vorstößt, rettet sich die Truppe ins Gebirge.
Ausgelaugt vom Rückzug: Marcel Weises Pionier-Kompanie bei einer Marschpause. Als die Sowjetarmee im August 1944 nach Rumänien vorstößt, rettet sich die Truppe ins Gebirge. © Marcel Weise

Am 9. September 1943 feiert Marcel Weise Geburtstag. Es ist nicht sein eigener, sondern der von Gert, seines kleinen Sohnes, der anderthalb Tausend Kilometer westwärts in einem Pirnaer Siedlungshaus aufwächst. Drei Jahre ist er jetzt alt, „und ich ziehe noch in fremden Ländern herum“, schreibt Weise in sein Notizheft. Der Krieg holt Atem. Bald wird er den Sanitätsunteroffizier Weise wieder vor sich hertreiben. „Der östliche Horizont ist in breiter Front glutrot vom Feuerschein der brennenden Dörfer erleuchtet, dazu das Grollen der Artillerie. Ein grausiger Anblick.“

Nach der Schlacht am Kursker Bogen, der letzten und erneut verlorenen Großoffensive der Wehrmacht gegen die Sowjetunion, führen Hitlers Soldaten fast nur noch Rückzugsgefechte. Auf 800 Kilometern Frontlänge, von den Sümpfen Weißrusslands bis zum Schwarzen Meer, treibt die Sowjetarmee ihre Angriffskeile voran. Mittendrin, am Südufer des Dnjepr-Flusses, sitzt im Herbst 1943 Sanitäter Weise, Uhrmacher aus Pirna, und behandelt die beim Rückmarsch aufgesprungenen Füße seiner Kameraden vom Bau-Pionier-Bataillon 217. Nebenher protokolliert er den Krieg, mit dem Tagebuch und mit seinem Zeiss-Fotoapparat. Beides, das ist seine Eigenart, trägt er stets am Mann.

Bei den Rückzugsgefechten aufgegeben: Ein deutsches Sturmgeschütz III, dahinter ein Schützenpanzer.
Bei den Rückzugsgefechten aufgegeben: Ein deutsches Sturmgeschütz III, dahinter ein Schützenpanzer. © Foto: Marcel Weise/Repro: SZ

Die Pioniere legen Schützengräben an, damit die zurückweichende Infanterie sich festsetzen und die heranrückenden Sowjettruppen aufhalten kann. Doch das funktioniert nicht. „Der Russe startet einen Großangriff. Mit einem Artillerietrommelfeuer und Panzern macht er die Stellung sturmreif und bricht durch.“ So oder so ähnlich schildert Weise immer wieder das Geschehen. „Wir haben alles gepackt und setzen uns ab.“ Doch auch das ist eine Qual. Die Schlammperiode hat begonnen. Pferd und Wagen stecken ein ums andere Mal fest. „Für eine Strecke von zwölf Kilometern brauchen wir 22 Stunden.“

Weises Truppe wird nach Südwesten gedrängt, heraus aus der Ukraine, auf Moldawien zu, damals gemeinhin Bessarabien genannt. Die Lage ist zuweilen chaotisch, die Kampflinie schwer auszumachen. Als Weise einmal auf Dienstfahrt ist, vom Bataillonsstab zurück zur Kompanie, können ihn deutsche Grenadiere gerade noch vor der Gefangennahme bewahren. „Sie halten uns an und sagen: Wenn ihr noch 400 Meter weiter fahrt, könnt ihr beim Russen Linsensuppe essen.“

"Die Front war wieder völlig aufgelöst." Weises Rückzugsroute vom Dnjepr bis nach Ungarn.
"Die Front war wieder völlig aufgelöst." Weises Rückzugsroute vom Dnjepr bis nach Ungarn. © SZ Grafik

Wegen des Schlamms stockt der Nachschub. Treibstoffkanister, Munition und Verpflegung werden von Flugzeugen abgeworfen. Wo es Gelegenheit gibt, versorgen sich die Soldaten selbst. Aus Samogon, dem schwarzgebrannten Schnaps der Einwohner, fabriziert Marcel Weise Eierlikör. Zigaretten dreht er sich aus Tabakblättern, die in den Schuppen der Kolchosen trocknen. Eingerückt war Weise als eiserner Nichtraucher. Beim Rückzug vor Moskau hatte er sich die erste Zigarette angesteckt, aus Verzweiflung, wie er schreibt. Die letzte würde er erst 54 Jahre später ausdrücken.

Walter Ulbricht erzählt vom Gänsebraten

Gegen Weihnachten darf Marcel Weise auf Urlaub, zum ersten Mal seit anderthalb Jahren. Als er mit einem halben Kalb im Gepäck in Pirna vor der Tür steht, verschlägt es Martel, seiner Frau, beinahe die Sprache. Die Freude ist groß, aber die Hoffnung ist gering. Seine Erlebnisse lasten schwer auf dem 31-Jährigen. „Wer nicht rechtzeitig aus dem Graben sprang, der wurde von sowjetischen Panzern lebendig begraben.“ Das neue Kriegsjahr werde auch nichts Gutes bringen, notiert Weise zu Silvester. „Wir warten auf die angekündigte Wunderwaffe. Aber wo bleibt sie?“

"Immer wieder stecken unsere Fahrzeuge fest." Hier blockiert eine gesprengte Brücke die Absetzbewegung von Marcel Weises Einheit.
"Immer wieder stecken unsere Fahrzeuge fest." Hier blockiert eine gesprengte Brücke die Absetzbewegung von Marcel Weises Einheit. © Foto: Marcel Weise/Repro: SZ

An den Sieg glaubt Marcel Weise längst nicht mehr. In seinen Sachen verbirgt er ein sowjetisches Flugblatt für Überläufer, das als „Passierschein“ gilt. Aus den sowjetischen Gräben tönen Durchsagen deutscher Kommunisten, die ihre Landsleute zum Desertieren auffordern. Einmal spricht auch Walter Ulbricht, der spätere Partei- und Staatschef der DDR. Wer überlaufe, bekäme gut zu essen. „Heute gab es Gänsebraten.“ Weise glaubt kein Wort. Er ist überzeugt: Gefangenschaft bedeutet Tod. Das Flugblatt aber bewahrt er bis Kriegsende auf. Es findet sich noch heute, sorgfältig mit Klebeband geflickt, in seinem Nachlass.

Sommer 1944. Marcel Weises Pionier-Bataillon hat sich am Dnjestr verschanzt. Hinter dem Fluss liegt Bessarabien, und dahinter Rumänien. Am 20. August 1944 beginnt die Sowjetarmee einen blitzartigen Zangenangriff auf die deutschen Verbände. Die 8. Armee, zu der Weises Truppe gehört, wird teilweise umzingelt und aufgerieben. Weises Einheit entkommt zwar, wird aber immer wieder in den Kampf geschickt. Einmal sollen sich die Soldaten kreisförmig vor einem Dorf einigeln. „Der Morgen kam und mit ihm zwölf Panzer.“ Abwehrkanonen gibt es nicht. Aber auch keine Offiziere. „Der Feldwebel gab den einzig richtigen Befehl zum Absetzen.“

Sowjetisches Flugblatt, das über Marcel Weises Stellung abgeworfen wurde und zum Überlaufen aufruft. Auf der Rückseite steht: "Gib dich gefangen! Aber zögere nicht! Morgen ist es zu spät!"
Sowjetisches Flugblatt, das über Marcel Weises Stellung abgeworfen wurde und zum Überlaufen aufruft. Auf der Rückseite steht: "Gib dich gefangen! Aber zögere nicht! Morgen ist es zu spät!" © Repro: Daniel Schäfer

Drei Tage später hasten die Kolonnen bereits durch Rumänien, immer am Fuß der Karpaten entlang. Da passiert etwas völlig Unerwartetes: Auf dem Markt der Kleinstadt Mizil stoppen rumänische Soldaten, bislang Verbündete der Deutschen, Weises Truppe, um sie zu entwaffnen. Der Grund: Rumänien hat seinen hitlertreuen Diktator abgesetzt und die Seiten gewechselt. Ein deutscher Feldwebel lässt ein MG aufbauen und schießen. Chaos erfasst die Rumänen. „Einer kam auf uns zu, der Feldwebel warf ihm eine Handgranate zu, er war tot. Er rief mir zu: Nun fort, in die Karpaten!“

Und Marcel Weise rennt los, immer aufwärts, durch Weinberge und einsame Dörfer. Erneut schlägt die Stunde seines Marschkompasses. Der weist ihm die Richtung zum vermeintlich sicheren Hafen jenseits des Gebirges, zum ungarisch annektierten Siebenbürgen. Weise marschiert Tag und Nacht. Er lebt von Weintrauben, Möhren, herrenlosem Armeeproviant oder von den Hühnern verlassener Höfe, die er bei deutschstämmigen Dörflern brät.

Ausgezehrt und abgeschlagen: Nach acht Tagen Marsch durch die Karpaten trifft der versprengte Marcel Weise in Ungarn auf seine Einheit.
Ausgezehrt und abgeschlagen: Nach acht Tagen Marsch durch die Karpaten trifft der versprengte Marcel Weise in Ungarn auf seine Einheit. © Foto: Marcel Weise/Repro: SZ

Nach fünf Tagen Wanderschaft erreicht er einen mit fliehenden Wehrmachtstruppen verstopften Pass. Auf einem abgestellten Panzer verschnaufend schläft Weise sofort ein. Er wird auch nicht wach, als sich der Kampfwagen röhrend in Bewegung setzt. „Ich war in einen todähnlichen Zustand verfallen.“

Weiterführende Artikel

Ein Uhrmacher protokolliert den Krieg

Ein Uhrmacher protokolliert den Krieg

Marcel Weise aus Pirna trug nicht nur sein Gewehr, sondern stets auch ein Notizbuch und eine Kamera über die Schlachtfelder des Zweiten Weltkriegs.

Die letzte Schlacht

Die letzte Schlacht

Die Rote Armee stürmt durch Ungarn. Wehrmachtssoldat Weise aus Pirna muss flüchten. Da trifft ihn die Kugel eines sowjetischen MPi-Schützen.

Am 31. August, dem Tag, als die Rote Armee in Rumäniens Hauptstadt Bukarest einmarschiert, überquert Marcel Weise die Grenze zu Ungarn. Die letzten Kilometer überwindet er auf einem Güterzug. Nach acht Tagen als Versprengter langt er unter großem Hallo bei seiner Kompanie an. Noch einmal hat Marcel Weise die sowjetischen Panzer abgeschüttelt. Entkommen wird er ihnen nicht.

In Teil 7 der Serie lesen Sie: Verwundet, aber am Leben: Marcel Weise ergibt sich.

Mehr Nachrichten aus Pirna lesen Sie hier.

Den täglichen kostenlosen Newsletter können Sie hier bestellen.

Mehr zum Thema Pirna