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Vom Eroberer zum Gejagten

Russland 1943: Marcel Weise aus Pirna ist auf dem Vormarsch. Da greifen sowjetische Panzer an. Die Falle schnappt zu.

Gefallene Sowjetsoldaten vor den Stellungen von Marcel Weises Einheit. Unter immensen Opfern vertreibt die Rote Armee im Sommer 1943 die Deutschen aus der Ostukraine.
Gefallene Sowjetsoldaten vor den Stellungen von Marcel Weises Einheit. Unter immensen Opfern vertreibt die Rote Armee im Sommer 1943 die Deutschen aus der Ostukraine. ©  Foto: Marcel Weise/Repro: SZ

Sonnig beginnt der Tag über dem russisch-ukrainischen Grenzland. Sanitätsunteroffizier Marcel Weise, der wieder mal in der Uniform geschlafen hat, will sich eben die Stiefel fetten, als draußen Infanterie vorbeihastet. Ob er zu den Russen wolle, ruft ihm einer zu. Weise sieht, dass ein einzelner Panzer auf der Höhe vor seinem Quartier hält. Dann ohrenbetäubender Lärm. "Panzer rollen an und umstellen das ganze Dorf. Der Hauptmann gibt den Befehl, die Kompanie soll sich in der Schlucht am Rand des Dorfes verstecken. Ich halte es für den reinsten Selbstmord."

Es ist das Jahr 1943. Der Uhrmacher Marcel Weise aus Pirna, 30, verheiratet, Vater eines kleinen Jungen, ist seit vier Jahren Soldat. Viele Notizbuchseiten hat er inzwischen beschrieben mit Erlebnissen, viele Aufnahmen mit seiner Zeiss-Kamera gemacht. Hitler hat die Wehrmacht zum Vernichtungskrieg in die Sowjetunion geschickt. Doch jetzt wird die Wehrmacht selbst vernichtet. Erst vor Moskau, dann bei Stalingrad. Ein Sieg muss her. Bei der südrussischen Stadt Kursk wollen die Deutschen die Sowjetarmee in die Zange nehmen.

Die Silhouette der umkämpften Stadt Charkow. Anfang August 1943 erobert die Sowjetarmee die ukrainische Stadt endgültig zurück.
Die Silhouette der umkämpften Stadt Charkow. Anfang August 1943 erobert die Sowjetarmee die ukrainische Stadt endgültig zurück. ©  Foto: Marcel Weise/Repro: SZ

Marcel Weise, der bislang in einem Feldlazarett diente, hat sich, um dem tyrannischen Oberstabsarzt zu entkommen, zur Pioniertruppe versetzen lassen. Seine neue Einheit, das Bau-Pionier-Bataillon 217, liegt im Nordosten der Ukraine, in einem kleinen Dorf inmitten von dichten Wäldern. Im Mai 1943 kommt Weise dort an.

Dem Sanitäter gefällt es. Während die Pioniere im Wald Holz für Unterstände schlagen, richtet Weise sein Krankenrevier ein. Patienten sind meist Einheimische, weil sie sonst keinen Arzt im Ort haben. Weise behandelt Erkältungen und Geschwüre. Als Bezahlung erhält er Milch oder Eier oder Fische aus dem Dorfbach.

Vormarsch und Rückzug in der Nordostukraine 1943.
Vormarsch und Rückzug in der Nordostukraine 1943. © SZ Grafik

Doch nicht lange, da kommt der Marschbefehl. Das Bataillon überschreitet die Grenze zu Russland, steuert in Gewaltritten auf die Gegend vor Belgorod zu. Der Aufmarsch für den Angriff auf die Frontbeule um Kursk, das "Unternehmen Zitadelle", hat begonnen. Noch leidet Weise lediglich am Ungeziefer, das in den Quartieren hinter der Zeitungstapete lauert. "19 Flöhe habe ich zwischen den Fingernägeln zerknackt. Aber ich gab auf", notiert er. "Ich kam mir vor, wie eine Amme für Läuse, Flöhe und Wanzen."

Das Bataillon ist mit Stellungsbau beschäftigt. Weise wird zu einem Lehrgang geschickt. Als er am 5. Juli zurück zur Einheit kommt, hat die Offensive am Kursker Bogen begonnen. Keine hundert Kilometer entfernt entbrennt die größte Panzerschlacht der Geschichte mit etwa 6.000 Kampffahrzeugen. Weises Truppe folgt dem südlichen Angriffskeil durch Gewitterregen und Matsch. "Der Lehm klebt an den Stiefeln. Die Füße werden bleischwer."

Wie eine "Amme" für Flöhe und Wanzen kommt sich Soldat Weise vor. Die Bekämpfung des Ungeziefers ist aussichtslos.
Wie eine "Amme" für Flöhe und Wanzen kommt sich Soldat Weise vor. Die Bekämpfung des Ungeziefers ist aussichtslos. ©  Foto: Marcel Weise/Repro: SZ

Die Dörfer am Weg sind jetzt zerschossen und ohne Bewohner, aber vollgestopft mit Soldaten. Deutsche und sowjetische Artillerie beharken sich. "Die Granaten fliegen über das Dorf und verursachen ein sonderbares Konzert." Über Höhenrücken müssen die Kolonnen weit auseinander gezogen und im Eiltempo fahren. Eine Sekunde zu langsam - schon rauschen gegnerische Geschosse heran.

Am 15. Juli 1943 feiert Marcel Weise seinen vierten Hochzeitstag, ohne seine Frau, aber mit einer Flasche Cognac. Als Granaten das Dach seines Quartiers treffen und das Hühnerhaus sprengen, wird die Feier abgebrochen. Doch an Schlaf ist nicht zu denken. Mitten in der Nacht tauchen sowjetische Truppen vor dem Dorf auf, Panzer-MGs feuern. "Einem Kameraden neben mir zerreißt es die Brust, er ist sofort tot."

"Die Füße werden bleischwer." Eine Kolonne von Marcel Weises Bataillon marschiert im Schlamm durch ein russisches Dorf.
"Die Füße werden bleischwer." Eine Kolonne von Marcel Weises Bataillon marschiert im Schlamm durch ein russisches Dorf. ©  Foto: Marcel Weise/Repro: SZ

Was Weise nicht ahnt: Genau an diesem Tag hat Hitler die "Operation Zitadelle" abgebrochen. Der Angriff war ein kolossaler Fehlschlag. Nun geht die Rote Armee ihrerseits zum Angriff über. Weises Truppe muss sich zurückziehen, verfolgt von sowjetischen Kampffliegern. Die Pioniere bauen Stellungen, sollen die Front zum Stehen bringen. Der Kampf wogt hin und her. "Am Nachmittag greift der Russe erneut an. Er trommelt mit seiner Artillerie, dann stürmt er mit Urä-Gebrüll unsere Stellung, die wir vorläufig aufgeben müssen."

Rückzug, Angriff, Gegenangriff, Rückzug. Dazwischen die Attacken aus der Luft. "Immer wieder müssen wir Deckung suchen, denn russische Flieger suchen im Tiefflug das Gelände ab und schießen auf alles, was sich bewegt." Die Eroberer sind endgültig zu Gejagten geworden. Marcel Weise resigniert: "Mit dem Tausch vom Feldlazarett zu den Pionieren habe ich nicht das große Los gezogen." 

Der Rückzug führt durch die sumpfige Niederung des Dnjepr. Hier ein stecken gebliebener sowjetischer Panzer.
Der Rückzug führt durch die sumpfige Niederung des Dnjepr. Hier ein stecken gebliebener sowjetischer Panzer. ©  Foto: Marcel Weise/Repro: SZ

Dann kommt der 4. August 1943, der Tag, an dem der Krieg, ja vermutlich das Leben für Marcel Weise um ein Haar vorbei ist, als sowjetische Panzer ihn und die ganze Kompanie in einem Nest namens Basove umstellen. Während sich aber seine Kameraden befehlsgemäß in einer Schlucht verbergen, folgt Weise seinem Instinkt: Er setzt sich ab und taucht in einem  Sonnenblumenfeld unter.

Dort liegt er und wartet. Mit Grauen sieht er, wie sowjetische Infanteristen ihre aufgepflanzten Bajonette in die Getreidepuppen auf dem angrenzenden Acker stoßen. Weise hatte sich ursprünglich in einer dieser Strohgestalten verbergen wollen. "Mir läuft es kalt über den Rücken." Von der Schlucht her hallen Schüsse und Schreie. Es ist das Letzte, was er von seinen Kameraden hört.

Knapp entkommen: Marcel Weise überlebt die Einkesselung seiner Kompanie durch sowjetische Panzer. Die Flucht aber geht weiter.
Knapp entkommen: Marcel Weise überlebt die Einkesselung seiner Kompanie durch sowjetische Panzer. Die Flucht aber geht weiter. ©  Foto: Marcel Weise/Repro: SZ

Als es dunkel ist, schleicht Marcel Weise aus dem Sonnenrosenfeld davon, an den Sowjetpanzern vorbei, in den schützenden Wald. Wirklich retten wird den Flüchtigen sein Marschkompass, der ihm im stockfinsteren Gelände den Weg nach Westen weist. Die ganze Nacht marschiert er. Als es endlich dämmert, hört Weise in einer Ortschaft deutsche Stimmen. 

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Wenig später stößt Marcel Weise auf die Reste seiner Kompanie. Von 120 Mann Kampftruppe sind noch 37 übrig. Drei Tage ist Rast, dann beginnt die Flucht von Neuem. "Der Feind rollt mit starken Panzerverbänden an", notiert Weise ins Tagebuch. "Viele  Kilometer verlieren wir täglich an Gelände. Den Glauben an einen Sieg haben wir längst verloren."

Als nächstes lesen Sie in dieser Serie: Der Rückzug geht weiter - Flucht über die Karpaten.

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