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Gesangstalente treffen sich in Großenhain

Heinrich Seifert aus Dresden gehört zu den Teilnehmern bei „Jugend musiziert“. Doch von denen gibt es immer weniger.

Von Kathrin Krüger
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Heinrich Seifert aus Dresden versuchte es bei „Jugend musiziert“ in Großenhain diesmal solo.
Heinrich Seifert aus Dresden versuchte es bei „Jugend musiziert“ in Großenhain diesmal solo. © Anne Hübschmann

Großenhain. Der elfjährige Heinrich Seifert besitzt eine klare, helle Knabenstimme. Im schwarzen Anzug singt er das Volkslied „So treiben wir den Winter aus“ ganz ohne Klavierbegleitung. Außerdem noch vier andere Kunstlieder, unter anderen von Beethoven und Mozart. Der talentierte Dresdner hat schon Erfahrung mit dem Talentwettbewerb „Jugend musiziert“. Im Vorjahr gehörte er mit seinem Freund Konstantin als Gesangsduo zu den Preisträgern auf der Regionalebene. Doch nun müssen sich die beiden Dresdner als Solisten beweisen, so ist in diesem Jahr die Wertungsvorschrift.

Sänger - oder doch lieber Regisseur?

Diesmal läuft es für Heinrich nicht ganz so gut. Als er in der ersten Altersgruppe im schönen Saal der Großenhainer Musikschule an der Reihe ist, ist seine Klavierbegleiterin verschwunden. Die Jury drängt auf Eile. Als es dann losgehen kann, ist Heinrich ein bisschen nervös. Sein Vater rutscht im Publikum auf seinem Stuhl ungeduldig hin und her.

Von ihm hat Heinrich wohl das Gesangstalent geerbt, erzählt Christian Seifert später: Er selbst sang früher im Kinderchor der Dresdner Staatsopern. Auch Mutter Kirstin Wappler hat ihr musikalisches Talent weitergegeben. „Ich war im Erzgebirgsensemble“, sagt sie stolz. Ihr Junge ist nun am Konservatorium im Gesangsunterricht, nachdem er bereits Geige spielen lernte. 

Vater Christian wollte Heinrich gern bei den Dresdner Kapellknaben sehen. Doch der Elfjährige singt lieber allein – auch zu Hause für sich. An seiner früheren evangelischen Schule durfte er in einem Martin-Luther-Musical dem Junker Jörg als Hauptrolle seine Stimme geben. Ob er mal Sänger werden will? Vielleicht. Vielleicht aber auch Regisseur.

Die vierköpfige Jury von „Jugend musiziert“ hat Heinrichs Aufregung mitbekommen. In seiner Bewertung hört der Elfjährige, dass er seiner schönen Stimme noch mehr Raum, noch mehr Ausdruck geben kann. Heinrich bekommt Hinweise, wie er sie noch ein bisschen mehr zum Klingen bringt. Doch die wichtigste Botschaft an ihn wie auch an seinen Freund Konstantin ist: „Weiter so! Habt Spaß an der Musik! Zeigt das auch in euren Augen!“ 

Trotz aller Anstrengung bei diesem klassischen Wettbewerb sollen die Teilnehmer sich möglichst nicht verspannen, sondern die Musik durch sie hindurchfließen lassen, wünscht sich die Jury. Für Heinrich und Konstantin wird es diesmal nur ein zweiter Preis. Die beiden gleichaltrigen Mädchen werden besser bewertet.

Kein einziger Teilnehmer aus dem Kreis Meißen

15 Teilnehmer hat der 57. Regionalwettbewerb Dresden im Bereich Solo-Gesang, eine Bewerberin hatte abgesagt. Sie kommen vom Dresdner Konservatorium, aus der Musikschule Freital, der privaten Musikschule Musicalia Dresden und sogar vom Kreuzchor. Aller drei Jahre darf Großenhain diesen Gesangs-Wettbewerb austragen, immer im Wechsel mit Dresden und dem Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. 

Doch die Musikschule des Landkreises Meißen stellt diesmal keinen einzigen Teilnehmer. Nur deshalb darf Kristin Haas, deren Leiterin, mit in der Jury sitzen. Unter anderem neben Iris Stefanie Maier, die man als Sängerin von den Radebeuler Landesbühnen kennt. Kristin Haas verweist auf zwei ihrer Schülerinnen beim letzten Wettbewerb – eine aus Hirschstein – die jetzt Musik studieren. Doch Fakt ist: als Großenhain 2017 den Gesangswettbewerb ausrichtete, waren es noch 35 Teilnehmer, 2014 immerhin auch 30.

Gesangswettbewerbe über drei Tage

Über diesen starken Rückgang machen sich die Gesangslehrer schon Gedanken. Olaf Heller vom Dresdner Konservatorium sieht darin eine Folge verschlechterter Unterrichtsbedingungen. Wenn Lehrer nur Honorarkräfte seien, resultieren daraus fehlende Unterrichtszeiten, so Heller. Es müssten eigentlich mehr Schüler aufgenommen werden. 

Hinzu komme ein zurückgehendes Bewusstsein für klassische Bildung. „DSDS zieht im Fernsehen mehr als die Anstrengung, die unsere Schüler leisten müssen“, meint Lehrer Heller. Seine Kollegin Sira Richter, Schulleiterin und Gesangslehrerin aus Freital, pflichtet ihm bei. Sie erinnert sich noch an Jugend musiziert Wettbewerbe, die wegen der großen Bewerberzahl über drei Tage gingen. 

Heute fehle es an Schülern - und an Zeit. 30 Minuten pro Woche seien zu wenig für gute Nachwuchsförderung. Marcus Kuhn, der Musikschulleiter in Großenhain und Riesa, verweist darauf, dass talentierte Schüler nach einem Leistungstest auch 45 Minuten Unterricht bekommen können. Nur zehn Gesangsschüler gibt es aber in seinem Bereich überhaupt.

Für Schulleiterin Kristin Haas ist die Frage der Leistungsbereitschaft die alles entscheidende. Auch bei unterschiedlicher Begabung. „Wir brauchen Lehrkräfte, die begeistern können, und Schüler mit Begeisterung.“ Die Jury kann in Großenhain fünf Teilnehmer zum Landeswettbewerb weiterdelegieren: immerhin ein Drittel. Heinrich ist dieses Mal kein Preisträger.

Natürlich sind die beiden Kruzianer dabei. Zu hören sind die Preisträger erneut am 15. März um 16 Uhr im Coselpalais Dresden an der Frauenkirche. In nächsten Jahr sind bei „Jugend musiziert“ übrigens wieder Gesangsduos zugelassen.