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Zwischen Gülle und Gala

Tausendsassa Fynn Kliemann wird zum Musiker der Stunde – ohne größere Live-Karriere, doch mit kreativem Konzept.

Fynn Kliemann im „Kliemannsland“, also auf seinem Bauernhof in der Nähe von Hamburg.
Fynn Kliemann im „Kliemannsland“, also auf seinem Bauernhof in der Nähe von Hamburg. © Nikita Teryoshin

Eines vorweg: So hyperaktiv wie dieser Mann sein Leben führt, klingt seine Musik bei Weitem nicht. Eher wie ein mit rauer, eindringlicher Stimme umrahmter Ruhepol in einer sonst so vollgestopften Wirklichkeit. Fynn Kliemann ist derzeit so präsent, wie man nur sein kann als Künstler in Corona-Zeiten. Der letzte große Geniestreich des Niedersachsen? Innerhalb kürzester Zeit wurde der 32-jährige Unternehmer zu einem der größten Corona-Schutzmasken-Hersteller in Europa – und einer der günstigsten.

Circa eine Viertelmillion Stück lässt er jede Woche in Fabriken in Serbien und Portugal produzieren – dort lässt Kliemann sonst Merchandise für Clueso & Co. fertigen. Unter einem „Helfersyndrom“ leide der Mann, der auch als Webdesigner, Autor, Schauspieler und Youtuber arbeitet, aber nicht. Seit 2018 ist er nun auch Musiker. Im „Kliemannsland“, auf seinem Bauernhof in, tobt er sich nicht nur musikalisch medienwirksam aus.

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"Was hast du zu essen mit, Mama?"
"Was hast du zu essen mit, Mama?"

Kaum sind die ersten Meter zurückgelegt, ertönt lautstark diese Frage. Denn so schön das Wandern ist, ohne Picknick ist der Spaß nur halb so groß.

In coronafreien Zeiten pilgern schon mal Hunderte Fans in den kleinen Ort Rüspel bei Hamburg und wollen dem „Heimwerkerkönig“ bei seinen täglichen Basteleien unter die Arme greifen. Das Kliemannsland ist laut den Machern der „erste, beste und freiste Interaktiv-Staat der Welt“. Die Internet-Zuschauer können sich einen „Bürgerausweis“ beantragen.

Neue Alben mit historischem Wert

Ja, man kann sich schon regelrecht schwindelig lesen über diesen Fynn Kliemann. Schlaf scheint er kaum zu brauchen, zwischen Youtube-Star-Dasein und Feldarbeit, bei der er auch einfach mal notwendigerweise einen Haufen Gülle spazieren fährt und dabei unkonventionelle Ideen bekommt. Sein Film „100.000 Alles, was ich nie wollte“ sollte am 29. Mai in allen deutschen Kinos anlaufen. Dann kam Corona und er verkaufte die Tickets online – der Film war dann nur für 24 Stunden im Netz zu sehen. Das passt zur eigenen Vergesslichkeit: „Wenn etwas richtig hart in die Hose geht, dann weiß ich das am nächsten Tag schon nicht mehr.“ Auch für die Vermarktung seiner Musik hat er sich ein ganz besonderes Konzept ausgedacht: Der Mann lässt nur so viele Platten und CDs produzieren, wie es Vorbestellungen gab – und danach nie wieder. Dann muss man sich mit einem Stream oder Download begnügen.

Man muss also auch das zweite Album „Pop“ bis zum offiziellen Erscheinungstermin am 29. Mai noch schnell vorbestellen, will man etwas Greifbares von dem Mann erwerben. Und da Fynn Kliemann inzwischen eine erhebliche Medienpräsenz vorweisen kann, geht so eine verrückte Idee eben auch auf.

Fast 100 000 Einheiten seines Debütalbums „nie“ verkaufte er exklusiv, ohne Hilfe eines Labels. Mit professioneller Infrastruktur wäre er wohl auf Platz eins gelandet, noch vor Sido. Aber der Heimwerker-Workaholic will eben alles selbst machen, auch den Verkauf von Mützen, Gürteln oder schlichten „Pennerbeuteln“. Ja, Kliemann inszeniert sich gerne als tollpatschiger Underdog. Kein schlechter Punkt im Businessplan: Sympathie erregt er damit spielend. Sein zweites Album war natürlich nie geplant. „Ich plane immer nur für die nächsten 20 Minuten“, sagte er mal. Es fällt ein wenig schwer, ihm das zu glauben.

Die Musik jedenfalls würde nur zu gut ins Vorprogramm von Clueso und anderen großen Deutsch-Poppern passen. Mit sanftem aber recht markantem Gesang wandelt er zwischen Pop und Sprechgesang und singt Lieder zwischen „Liebster Wahnsinn“ und „Schlaflied“. Wie von einem Home-Office-Musiker zu erwarten, darf man sich auf viele elektronische Bastel-

Erzeugnisse freuen, die über gekonnten Reimen schweben. Stellenweise hat sich Kliemann aber ein wenig verbastelt, da wünscht man sich den ehemaligen Straßenmusiker Fynn Kliemann ins Ohr.

Aber das künstliche Element soll wohl auch als gewollter Realitäts-Schleier herhalten. Denn Balladen wie „Warten“ enthüllen einen leicht übermotivierten Künstler, der zwischen Getriebenheit und Geborgenheit mit seiner Freundin hin- und herpendelt: „Und immer morgens, wenn ich mich heiser leise lege zu dir / Verpasst hab‘, wie du einschläfst / Hasse ich mich dafür.“ Dass Kliemann so viel Intimität nicht zwingend im Rampenlicht abfeiern will, kann man irgendwie verstehen. Clueso muss also noch ein paar Wochen oder vielleicht auch ewig warten, bis Fynn Kliemann sein Angebot annimmt und mit ihm auf Tournee geht.

Das Album: Fynn Kliemann, Pop. twoFinger Records

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