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Zwischen Kraftwerk und Idylle

Spreewaldmaler wird Wylem Šybaà oft genannt. Doch diese enge Schublade wird seinem Werk nicht gerecht.

Von Miriam Schönbach

Die Pfeife steckt im Mundwinkel, den Hut trägt er tief im ernstblickenden Gesicht. In der Hand hält er einen Pinsel. Christina Bogusz bleibt vor dem Porträt Wylem Šybaàs (1887–1974) aus dem Jahr 1920 stehen. „Auf dem Bild stellt er sich ein bisschen nachdenklich, ein bisschen männlich, ein bisschen als Künstler dar“, sagt die Kunsthistorikerin am Sorbischen Museum in Bautzen. Das Haus auf der Ortenburg zeigt bis 23. Februar in der neuen Sonderausstellung „… aus Liebe zur Heimat“ über 100 Bilder des niedersorbischen Malers, darunter auch bisher unbekannte Frühwerke.

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Das Porträt gehört zu diesen Erstlingen. Bekannt ist Wylem Šybaà, sein deutscher Name ist Wilhelm Schieber, aber mit poesievollen Studien seiner Niederlausitzer Heimat. „Spreewaldmaler“ nennen ihnen deshalb die Menschen dieses Landstrichs gern. Und tatsächlich finden sich in der Schau zahlreiche Momente aus seiner Heimat. Tiefe, graue und genauso weite Himmel breiten sich darauf über den Spreefließen oder dunkel-erdigen Feldern der Niederlausitz aus. Vor allem Spätherbst, Winter und Frühjahr bevorzugte der Maler für seine spannungsreichen Dramaturgien in der Natur und die stillen, melancholischen Stimmungen. Grelle Farben sucht der Betrachter vergebens.

Stattdessen malt der Autodidakt sein Revier karg und bescheiden. „So wie er eben selbst war“, sagt Christina Bogusz, die sich detailreich mit der Biografie des Künstlers beschäftigt hat. Der Sorbe wird vor 126 Jahren, am 21. November 1886, in Weißagk, niedersorbisch Wusoka, geboren. Die Eltern sind Bauern und haben eine kleine Landwirtschaft. Doch ihr Sohn interessiert schon früh das Zeichnen. Das Studium an einer Kunstakademie können sie sich nicht leisten. Unter großen Entbehrungen unterstützen sie den Heranwachsenden aber bei der Ausbildung im Lehrerseminar in Altdöbern. Im Jahr 1922 nimmt er eine Stelle als Mittelschullehrer in Berlin an.

Wylem Šybaà geht in die Großstadt, mit all ihren Möglichkeiten. Christina Bogusz bleibt bei einem Frauenakt aus dem Jahr 1928 stehen. Die Striche wirken schon viel sicherer, als auf seinen Arbeiten sechs Jahre vorher bei der Ankunft in der Metropole. „Zum Glück ist er der Heimat untreu geworden. Er hat die Zeit genutzt, um sich künstlerisch weiterzubilden“, sagt die 51-Jährige. Für diesen Tatendrang lässt der Pädagoge nach seiner Ankunft am 1. April 1922 kaum Zeit verstreichen. Seine ersten Skizzen-Blätter sind bereits auf 24. April datiert. Das Berlin der Goldener Zwanzigerjahre muss den Mann aus der Provinz mitgerissen haben. Mit 4,3 Millionen Einwohnern ist die Hauptstadt die drittgrößte Stadt der Welt hinter London und New York. Berlin entwickelt sich dabei gleichzeitig zum Dreh- und Angelpunkt der Künste. So suchen dort auch Maler, Grafiker und Bildhauer ihr Glück. Dem kunstinteressierten Wylem Šybaà fällt es bestimmt nicht schwer, Anschluss zu finden. „Viel wissen wir über die Berliner Zeit aber nicht“, sagt die Kunsthistorikerin aus dem Sorbischen Museum. Feststeht jedoch, dass der Lehrer an der Kreuzberger Knabenschule Unterricht beim namhaften Berliner Maler und Grafiker Hans Baluschek (1870–1935) nimmt. Bei ihm lernt er die Technik des Aquarells.

Weite Himmel und niedrige Horizonte

Den ersten Versuchen unter Hans Baluschek folgten schnell Kurse bei Hans Licht (1876–1935). Gemeinsam mit dem impressionistischen Landschaftsmaler erkundet der Niederlausitzer die Alpen. Ihn beeindrucken bizarre Felsstrukturen und die außergewöhnlichen Lichtverhältnisse. Weite Himmel und niedrige Horizonte werden zu seiner Stilistik. Doch die glücklichen Augenblicke sind nicht von Dauer. Wegen eines Gehörleidens quittiert Wylem Šybaà 1943 mit 57 Jahren den Schuldienst. Ein Jahr später kehrt der Kosmopolit aus dem kriegszerstörten Berlin in sein idyllisches Heimatdorf zurück. Die Nationalsozialisten haben es in Märkischheide umbenannt. Im Haus der Eltern richtet er sich ein klitzekleines Atelier für seine Staffelei und die Malutensilien ein. Denn viel lieber arbeitet der Maler unter freiem Himmel. Die Natur wird sein Atelier. Landschaften malt er genauso wie Tier- und Pflanzenstudien. Zuweilen verschenkt er seine frischen Arbeiten gleich an vorbeikommende Spaziergänger. Diese Motive bringen ihm den Ruf als „Spreewaldmaler“.

Diese Schublade schließt Christina Bogusz in der Bautzener Ausstellung. „Wylem Šybaà zählt zu den festen Größen der sorbischen bildenden Kunst“, sagt die Kuratorin. Im Sorbischen Museum in Bautzen befindet sich mit über 260 Arbeiten ein Großteil des Nachlasses des Künstlers.

Darunter sind neben zahlreichen Spreewald-Landschaften, Berg-Impressionen, Porträts und Karikaturen. Auch Tagebau-Bagger und das Kraftwerk Vetschau hat er festgehalten. Sein Heimatdorf stand auf Braunkohle. Zu großen Teilen haben es die Bagger abgetragen. Auch diese Seite des „Spreewaldmalers“ zeigt die Sonderausstellung im Sorbischen Museum.

Die Ausstellung begleitet ein 148 Seiten umfassender Katalog mit vielen Farbabbildungen und Beiträgen zum Leben und Werk des Künstlers. Domowina-Verlag Bautzen, ISBN 978-7420-2241-7, 19,90 Euro