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Zwischen Strafraum und Krankenhaus

Als Stürmer von Lok Stendal lief Peter Güssau seinen Gegenspielern oft davon und brach sich häufig die Knochen.

© Robert Michael

Von Daniel Klein

Es gibt im Fußball viele Rekorde, dieser aber taucht garantiert in keinem Statistikbuch und keiner Datenbank auf. Dort werden Knochenbrüche von Fußballspielern nicht erfasst, was im Fall Peter Güssau schade ist. Im Laufe der Karriere des Stendalers kamen unglaubliche 20 Frakturen zusammen. Jochbein, Knöchel, Oberarm – es war alles dabei, manches brach auch mehrfach.

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Bis zu 15000 Zuschauer drängelten sich in den Oberliga-Jahren ins Stadion.
Bis zu 15000 Zuschauer drängelten sich in den Oberliga-Jahren ins Stadion. © Archiv

Kürzlich ist Güssau 80 geworden, beim Treppensteigen im Stadion „Am Hölzchen“ klagt er zwar über alterstypische Gebrechen, doch Spätfolgen der permanenten Vergipsungen sind keine zu erkennen. Im Gegenteil: Güssau wirkt deutlich jünger, er muss sich zwingen, still auf dem Stuhl zu sitzen. Im Ruhestand ist er noch längst nicht angekommen, will immer in Bewegung sein.

Vielleicht ist das ja eine Spätfolge seiner Fußballkarriere. In den 1960er- und 70er-Jahren lief der Außenstürmer seinen Gegnern einfach davon. In der Rangliste der schnellsten Oberliga-Spieler müsste sein Name ebenfalls weit oben auftauchen. „Die Stendaler Leichtathleten wollten mich mal herausfordern und zogen den Kürzeren. Ich gewann die 100 Meter in 10,8 Sekunden“, erzählt er. Doch seine Schnelligkeit hatte nicht nur Vorteile. Viele Verteidiger konnten Güssau nur mit Fouls stoppen, das erklärt auch die 20 Knochenbrüche.

„Damals ging es ganz anders zur Sache, nämlich richtig“, sagt er. „Da wurde nicht gleich alles abgepfiffen.“ Über rassige Zweikämpfe könnte Güssau Vorträge halten. Einmal tunnelte er einen erfahrenen Verteidiger aus Erfurt. Der raunte ihn daraufhin an: „Du, ich höre nach der Saison auf. Wenn du das noch mal machst, hören wir zusammen auf.“ In Aue sei es immer besonders hitzig zugegangen. „Als ich nach einem groben Foul verletzt auf dem Rasen lag, hörte ich einen Wismut-Betreuer rufen: ‚Der soll sich nicht so haben.’ Ich war stinksauer und habe das dann nach Spielende im Kabinengang mit ihm geklärt“, erzählt Güssau und grinst schelmisch. Er selbst sammelte auch einige Platzverweise. „Aber die waren natürlich alle unberechtigt“, versichert er.

Was seine Verletzungshistorie noch besonders macht: Trotz der vielen Ausfälle brachte er es seit 1957 auf 136 Oberliga-Einsätze für die BSG Lok Stendal und 32 Tore. „Ich war immer wieder schnell zurück, hatte keine Angst vor den Zweikämpfen. Und komischerweise habe ich mir kein einziges Mal einen Muskel oder eine Sehne gerissen.“ Er war eben auf Knochen spezialisiert und musste deshalb oft ins Krankenhaus. „Da gab es zwei Probleme: Die Visite war immer so früh und es fehlte ein Fernseher im Zimmer. Um beides kümmerte sich Hans Wende erfolgreich.“ Der war Kombinatsleiter im Reichsbahnausbesserungswerk (Raw) und ein Glücksfall für die Stendaler Lok-Kicker. „Er hat den Fußball mehr geliebt als seinen Betrieb“, vergleicht Güssau. Wohnung für die Spieler, Arbeit für die Frau, Auto für die Familie – Wende machte alles möglich.

Auch deshalb zog es den Stürmer nie weg aus der fußballverrückten Stadt in der Altmark, selbst als er sollte. Der große Nachbar Magdeburg wollte Güssau verpflichten, doch er lehnte ab. „Uns ging es doch richtig gut. Sogar die Gegner kamen gerne zu uns, selbst wenn wir hier noch lange nur Plumpsklos hatten.“ Das Stadion, das zu DDR-Zeiten Wilhelm-Helfers-Kampfbahn hieß, versprühte einen besonderen Charme. Direkt neben den Traversen führte eine Bahnstrecke entlang, während der Spiele ließ der Lokführer stets weithin hörbar Dampf ab.

„Wir waren eine ausgesprochene Heimmannschaft“, erinnert sich Güssau. Selbst der mehrfache DDR-Meister Vorwärts Berlin verlor am Hölzchen mit 1:2. Nach der Partie ging Karl-Eduard von Schnitzler zu den Lok-Kickern in die Kabine und gratulierte. Der Moderator der Propagandasendung „Der Schwarze Kanal“ war Vorwärts-Fan. Bei der Geburtstagsfeier von Jenas Angreifer Peter Ducke entschuldigte sich kürzlich der Jubilar bei Güssau, dass er Stendal mal in die zweite Liga geschossen hat. Mehr Lob geht kaum.

1968 ist Stendal aber zum letzten Mal erstklassig. Nach der Gründung der Fußballklubs zwei Jahre zuvor hatten es die kleinen Vereine noch schwerer, sich im Oberhaus zu halten. „Außerdem hatten wir keine so guten Spieler mehr“, erklärt Güssau, der seine Karriere 1975 beendete, danach aber immer mal wieder als Trainer einsprang. Zudem spielte Stendal in der Liga-Staffel C stets mit den drei Chemie-Vereinen Leipzig, Böhlen und Buna Schkopau zusammen. Einer aus dem Trio war am Ende immer vorn.

Nach der Wende gehörte Lok lange der damals noch drittklassigen Regionalliga an, Höhepunkt war 1996 das Viertelfinale im DFB-Pokal gegen Bayer Leverkusen. „Zwei Jahre später war der Verein insolvent und stieg ab. „Daran haben wir heute noch zu knabbern, müssen Schritt für Schritt das Vertrauen der Sponsoren zurückgewinnen“, erklärt Dirk Schultz. Der Rechtsanwalt kümmert sich ehrenamtlich um die Stendaler Fußball-Geschichte. Dass im Treppenhaus des schmuck sanierten Stadions an die ehemaligen Nationalspieler des Vereins wie Gerd Backhaus, Kurt Liebrecht und Ernst Lindner erinnert wird, ist sein Verdienst. Derzeit kämpft Lok in der Oberliga gegen den Abstieg.

Für Güssau war die Wende kein Abstieg – im Gegenteil. Er eröffnete ein Casino, gründete drei Privatschulen. Sein Leben nach dem Fußball ist fast noch schillernder als das zuvor. „Ich muss immer was zu tun haben“, sagt er und springt auf.