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Zwischen Vergangenheit und Zukunft

Alles hübsch hier - eine Kolumne von Gregor Schneider, einem gebürtigen Weißwasseraner und Rückkehrer.

Diesmal beschäftigt sich Gregor Schneider mit einer Führung durch den Pücklerpark, wo es alte Spuren zu finden gab.
Diesmal beschäftigt sich Gregor Schneider mit einer Führung durch den Pücklerpark, wo es alte Spuren zu finden gab. © Matthias Hiekel/dpa

Ständig verlieren wir etwas: das Taschentuch, den Schlüssel, einen Zahn oder den Überblick. Doch steht jedem Verlust ein Gewinn gegenüber? Dass beides nah beieinander liegt, glaubt Dr. Peter Schöneburg von den Landesarchäologen. Er gräbt mit seinen Kollegen im Vorfeld des Tagebaus Spuren unserer Vorfahren aus und gewinnt eine Fülle Erkenntnisse über jüngere und ältere Regionalgeschichte. Donnerstag hielt er im gut gefüllten Telux-Saal einen Vortrag zu Fürst Pücklers Jagdpark im Tiergarten. Ein emotionales Thema, denn der Urwald bei Weißwasser, urwüchsig paradiesisches Kleinod um Blutbuche und Märchensee, ist unwiederbringlich verloren und ohne Frage ein gewaltiger Verlust.

Man erfuhr viel Wissenswertes über die Zeit der Callenbergs, die dort 1774 das erste Jagdschloss errichten ließen. Über Pücklers bauliche und landschaftliche Umgestaltung zwischen 1820 und 1845. Und schließlich über des Prinzen der Niederlande zweiten Jagdschlossbau, der dann von 1854 bis 1972 dort stand.

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Der Archäologe konnte natürlich nur so ausführlich über Details sprechen, weil sein Team die Gelegenheit hatte, die Gegend, nachdem sie bereits gerodet war, intensiv zu untersuchen – bevor der Bagger sie endgültig fraß. Er bezeichnete dieses „Fenster“ durchaus als Gewinn. So wissen wir heute, dass der Dresdner Adel einst zur Auerjagd unsere Wälder begehrte und dass man sich sogar Flaschen besten Wassers aus dem fernen Selters anliefern ließ. Auch können wir ahnen, was Jahrhunderte und Jahrtausende vorher in diesem Strich Landschaft vor sich ging. Die Zerstörung der Landschaft ermöglicht Entdeckungen vergangener Zeiten.

Ob nun auch die Zerstörung eines weiteren Dorfes, das seit dem 12. Jahrhundert besteht und Teil des schon reichlich dezimierten sorbischen Siedlungsgebiets ist, als weiterer Gewinn bezeichnet werden kann, stelle ich einfach mal infrage. Der Verlust des Urwaldes samt Jagdpark ist bei vielen Menschen der Region noch nicht verwunden, da erscheint es in Zeiten der Energiewende umso irrwitziger, dieses Dorf – Mühlrose – auch noch unterzuwühlen. Sicherlich ließe sich dort neben Kohle auch die eine oder andere Scherbe finden.

Verlust und Gewinn sind aber auch Sache der Menschen, die Werte in der Regel anders abwägen als Konzerne. Und viele beziehen ihre Identität und ihr (Selbst-) Bewusstsein aus dem, was da ist und was die Kultur und die Landschaft prägt. Dazu gehört, dass es nicht verschwindet. Und Schöneburg musste daher auch feststellen: Das, was die Archäologen hier bei uns finden, sollte nicht irgendwo in dunklen Archiven der Großstadt eingelagert, sondern hier vor Ort sicht- und erinnerbar gemacht werden. Es ist die Geschichte unserer Heimat. Wir und unsere Kinder sollten sie erfahren können!

Fazit: Großes Lob an die Archäologen für viele Erkenntnisgewinne zu unserer Früh- und Spätgeschichte, von denen ja bis Sonntag ein Teil im Weißwasseraner Glasmuseum zu bestaunen war. Wir sollten uns stark machen für eine Schau der Fundstücke; eine Art Heimat-Speicher, hier bei uns. Und noch eine persönliche Anmerkung zum Thema Gewinn und Verlust: die historische Ortslage Mühlrose ist ein Gewinn – wenn sie bleibt.

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