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Zwischen Waldlust und Waldfrust

Die Bäume sind zerzaust und zum Aufräumen fehlen Technik und Geld. Macht Waldbesitz heute überhaupt noch Spaß?

Ein gesuchter Mann: Gerd Zincke aus Hartmannsdorf ist Forstunternehmer und arbeitet vor allem in den Wäldern von Gemeinden und Privatleuten. Dürre, Käferfraß und Schneebruch, hier auf dem Röthenbacher Berg, haben ihn mit Arbeit eingedeckt.
Ein gesuchter Mann: Gerd Zincke aus Hartmannsdorf ist Forstunternehmer und arbeitet vor allem in den Wäldern von Gemeinden und Privatleuten. Dürre, Käferfraß und Schneebruch, hier auf dem Röthenbacher Berg, haben ihn mit Arbeit eingedeckt. © Egbert Kamprath

Über der Bürotüre hängt Obelix, der ausgestopfte Zuchtbulle, und hört gleichmütig zu, wie sich sein einstiger Herr, der Landwirt Michael Klemm, über den Zustand seines Waldes ärgert. Wald gehört dazu zur Landwirtschaft, findet er. Doch seine Fichten, die auf den Höhen bei Hartmannsdorf wuchsen, sind dahin. Praktisch hundert Prozent Schaden. Stürme bliesen sie über den Haufen, den Rest besorgten Dürre und der Borkenkäfer. Nein, es macht gerade keinen Spaß, Waldbesitzer zu sein, sagt der Landwirt. Die Natur zeigt dem Menschen seine Grenzen. „Es geht nicht immer so, wie wir das gerne hätten.“

Die Sorgen des Rinderzüchters Klemm im osterzgebirgischen Hartmannsdorf teilen zurzeit viele der etwa 7 000 privaten Waldeigner im Landkreis. Die Stürme Herwart und Friederike und die folgende Dürre samt Borkenkäferplage haben ihren Wald, rund 20 000 Hektar, etwa ein Viertel des Gesamtwaldes im Kreis, teils heftig verwüstet. Das Aufräumen überfordert viele. Doch die Forstdienstleister sind ausgelastet, Technik ist kaum zu kriegen.

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Glaubt an bessere Zeiten: Annett Jung, Chefin der Forstbetriebsgemeinschaft.
Glaubt an bessere Zeiten: Annett Jung, Chefin der Forstbetriebsgemeinschaft. © Egbert Kamprath

Die Forstbehörde im Pirnaer Landratsamt macht Druck. Sie verschickt „forstaufsichtliche Hinweise“, setzt Fristen für die Beseitigung der toten Stämme. Der Käfer soll im Frühjahr nicht gleich wieder einen gedeckten Tisch vorfinden. Manche Waldbesitzer halten die Fristen für zu knapp. Im Winter ruhen die Käfer sowieso, sagen sie. Es werde nur unnötig Panik gemacht bei den Leuten. Das Amt aber sieht das anders. „Eine Fristsetzung erfolgt nach der fachlichen Notwendigkeit“, heißt es von dort. Mit dem Voranschreiten der Sturmholzbeseitigung sei Hoffnung in Sicht, was die Verfügbarkeit von Spezialfirmen betreffe.

Noch aber ist die Lage angespannt. Das bestätigt Anna Preul, Geschäftsführerin beim sächsischen Waldbesitzerverband in Tharandt, der rund 2 500 Mitglieder zählt. Firmen und Maschinen stünden nach wie vor nicht ausreichend zur Verfügung. „Die Umsetzbarkeit der Fristen ist sehr fragwürdig.“ Sie rät den kleinen Waldeignern dringend, sich zusammen zu tun, am besten einer Forstbetriebsgemeinschaft beizutreten. Je größer und professioneller diese Zusammenschlüsse würden, desto eher könnten sie Forstdienstleister zu vertretbaren Preisen verpflichten, sagt sie.

Der Feind in meinem Baum: ein Fichtenborkenkäfer beim Winterschlaf.
Der Feind in meinem Baum: ein Fichtenborkenkäfer beim Winterschlaf. © Egbert Kamprath

Landwirt Klemm hat das längst getan. Er ist bei der Forstbetriebsgemeinschaft Freiberger Land-Erzgebirge eingestiegen. Annett Jung, die unter Obelixens Haupt am Tisch sitzt und Klemms Bericht lauscht, führt den Zusammenschluss. Beinahe täglich fährt die Forstwirtin aus Grillenburg zu Waldeignern zwischen Dresden und Chemnitz und mustert beschädigte Bestände. Die jüngsten Wetterextreme haben die Zahl der Neueintritte durch die Decke getrieben, sagt sie. Kamen bisher etwa dreißig Waldbesitzer pro Jahr dazu, waren es 2018 weit über siebzig. „Wahnsinn!“ Insgesamt zählt die Vereinigung nun gut 560 Mitglieder mit insgesamt rund 6 700 Hektar Wald. Einstmals füllte die Arbeit der Chefin eine viertel Stelle aus. Jetzt wird sie noch jemanden einstellen müssen.

Annett Jung ist wieder auf der Piste. Sie treibt ihr Allradfahrzeug den Röthenbacher Berg hoch, ein Hügel, bedeckt mit Gemeindewald und Privatbäumen. Sie mag es, unterwegs zu sein. „Ich kann mich austoben und muss nicht im Büro versauern“, sagt sie. Frau Jung muss vor allem eins: Holz verkaufen. Und zwar in Masse. 2018 hat sie 66 000 Kubikmeter abgesetzt, dreimal so viel wie zuvor. Der Markt ist satt. Der Preis für den „Brotbaum“ Fichte hat sich halbiert, lag zuletzt bei 40 bis 45 Euro je Kubikmeter. Annett Jung beliefert Großsäger in Bayern, Thüringen und Sachsen. Die jüngste Verhandlungsrunde lief nicht schlecht. Ordentliche Mengen hat sie untergekriegt. Aber die Preise sind gleich geblieben. „Selbst das war schwer erkämpft.“ Vor nicht allzulanger Zeit konnte man mit dem Wald gutes Geld verdienen. Momentan müssen die Waldbesitzer zusehen, dass sie mit einer schwarzen Null davon kommen. Das Schadholz zu bergen kostet viel und bringt wenig. Dazu noch die Steuern, „ruck, zuck sind die Kosten nicht mehr gedeckt“, sagt Annett Jung. Dabei sei das Holz ja nicht mal schlecht. „Aber es wird verramscht, wie auf dem Basar.“

Aufrecht aber tot: abgestorbene Fichten eines Privatwaldbestandes an der Talsperre Lehnmühle. Die Bäume müssten schnellstens weg. Aber wer fällt sie, und wer kauft sie?
Aufrecht aber tot: abgestorbene Fichten eines Privatwaldbestandes an der Talsperre Lehnmühle. Die Bäume müssten schnellstens weg. Aber wer fällt sie, und wer kauft sie? © Egbert Kamprath

Auf dem Berg. Ein Traktor tuckert zwischen den Bäumen. Darin sitzt Gerd Zincke, 45, Chef und einziger Mitarbeiter der Firma Zincke Landschaftsservice und erprobter Auftragnehmer der Forstbetriebsgemeinschaft. Selber im Wald groß geworden, will er vor allem die Kleinwaldbesitzer unterstützen, sagt er, ganz traditionell, mit Keilen, Axt und Kettensäge. Viel Arbeit? „Sehr viel Arbeit!“ Mittlerweile wissen die Leute aber, dass sie warten müssen. Nur hin und wieder döst mal einer rum, sagt Zincke. „Sie sind genügsam geworden.“

Heute kümmert sich der Forstunternehmer um den neusten Flurschaden, den Schneebruch. Es geht um Sicherheit am Wanderweg, aber auch darum, Brutraum für Schädlinge zu beseitigen. Eine mühselige Prozedur ist das, denn die gekappten Stämme stehen weit verstreut. Und weil ihnen die Kronen fehlen, wollen sie partout nicht umfallen. Gut, dass Gerd Zincke seinen Trecker hat. Flugs legt er das Drahtseil um einen widerspenstigen Baumrest und setzt die Winde in Gang – rums, und der Stumpf liegt im Schnee.

Auch wenn er zerzaust ist und viele Sorgen macht: Annett Jung kennt niemanden, der seinen Wald wegen der aktuellen Misere abgestoßen hätte. Der Wald ist etwas für die Zukunft, sagt sie. Irgendwann wird die Holzflut zu Ende sein und dann werden die Sägewerke bei den Lieferanten anklopfen und um Nachschub bitten. „Und dann sitzen wir am längeren Hebel.“