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Pluspunkte für Zweisprachigkeit

Um den Grad der tatsächlich gelebten Zweisprachigkeit zu testen, hat die Kreisverwaltung eine ungewöhnliche Idee.

© Uwe Soeder

Von Jens Fritzsche

Bautzen. „Ich bin seit Jahren Brillenträger, weil ich sonst die viel kleineren sorbischen Bezeichnungen nicht lesen könnte“, witzelt Heiko Kosel gern mal. Der sorbische Linken-Landtagsabgeordnete macht sich ja seit Langem dafür stark, dass es im zweisprachigen Gebiet um Bautzen auf Ortseingangsschildern und Ausschilderungen generell gerechter zugeht. „Beide Sprachen sollten gleichwertig betrachtet werden, Sorbisch und Deutsch“, sagt er. Und er war in der jüngsten Kreistagssitzung dann auch hellauf begeistert, dass der Landkreis nun sozusagen in die Offensive geht.

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Die Beauftragte für sorbische Angelegenheiten des Kreises, Regina Schneider, verwies zum Beispiel darauf, dass die Kenntnis der sorbischen Sprache in Ausschreibungen künftig in den sorbischsprachigen Bereichen des Kreises berücksichtigt werden soll. Und sie stellte eine neue Broschüre vor, mit der Stadt- und Gemeindeverwaltungen animiert werden sollen, das Thema ab sofort stärker ins Blickfeld zu rücken. Auf Wanderwegschildern beispielsweise oder auch an Baudenkmälern und Kirchen soll es gerechter zugehen. Auf den 20 Seiten der Broschüre werden dabei auch zahlreiche positive Beispiele präsentiert; wie das zweisprachige Bushaltestellenschild am Abzweig Miltitz. Dort sind die deutsche und die sorbische Bezeichnung in gleicher Größe zu lesen.

Wobei Regina Schneider betont, dass es sich bei den Vorschlägen in der Broschüre tatsächlich um Anregungen handelt. Das meiste davon sei gesetzlich nicht vorgeschrieben, habe sich aber in anderen zweisprachigen Gebieten bewährt. In Südtirol und Wales zum Beispiel, zählt sie auf.

Das Sorbische soll wieder im Alltag wahrnehmbar sein

Ziel soll es sein, die Anwendung der sorbischen Sprache im öffentlichen Raum wieder zum Alltag zu machen. Dafür hat man sich im Landratsamt ein Punktesystem ausgedacht, an dem sich die Gemeinden orientieren und mit dem sie quasi den Grad ihrer Zweisprachigkeit testen können. Dafür, dass die Ortseingangsschilder den Namen in beiden Sprachen in gleicher Größe tragen, gibt es zum Beispiel einen Punkt. Wenn auch die Gemeindefahrzeuge zweisprachig beschriftet sind, bringt das zwei Punkte. Wie auch die zweisprachig beschriftete Dienstkleidung der Feuerwehr. Drei Punkte gibt es unter anderem für zweisprachige Wegweiser oder Radwegbezeichnungen. Allerdings geht es nicht nur um „Äußerlichkeiten“. Denn auch zweisprachige Formulare, standesamtliche Hochzeiten auch in sorbischer Sprache oder zweisprachige öffentliche Sitzungen fließen in das Punktesystem ein.

Wobei der Landkreis nicht nur sprichwörtlich mit dem Finger auf die Städte und Gemeinden im sorbischsprachigen Gebiet zeigt – sondern sich sozusagen auch an die eigene Nase fasst. „Wir werden das Thema künftig noch stärker beachten“, verspricht Landrat Michael Harig (CDU). Und er verweist darauf, dass diese Zweisprachigkeit auch ein wichtiger Faktor für den Landkreis sei. „Ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal“, so Michael Harig. Rund 60 000 Sorben leben im Kreis – und natürlich ist das Thema durchaus auch ein touristisches Aushängeschild.

Heiko Kosel konnte sich in der Kreistagsdiskussion dann jedenfalls einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen: „Der Landtag in Dresden bekommt eine zweisprachige Beschilderung in einer gleichgroßen Schrift – das müsste doch eigentlich auch der Landkreis hinbekommen“, findet er. Und verweist darauf, dass die beiden Vorgängerkreise Kamenz und Bautzen da schon mal weiter gewesen seien.

Aber vielleicht braucht Heiko Kosel ja demnächst seine Brille nicht mehr, um das Sorbische zu lesen?