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Wie grün ist Turow - und die Region?

Seit Mitte Mai ist der neue Block im Kohle-Kraftwerk am Netz und erfüllt strengste Umweltstandards. Auch um das Gelände hat sich über die Jahre einiges getan.

Das Großbiotop in unmittelbarer Nähe von Kraftwerk und Grube Turow.
Das Großbiotop in unmittelbarer Nähe von Kraftwerk und Grube Turow. © PGE

Von A. Bretschneider und J. Grzeszczuk

Der neue Block im Kraftwerk Turow ist nun offiziell in Betrieb gegangen. Er verwendet die modernsten Technologien, erfüllt strengste Umweltstandards, verringert die Kohlendioxid-, Schwefeldioxid- und Stickoxid-Emissionen erheblich. Der im Dezember 2014 begonnene Bau von Mitsubishi Hitachi Power Systems Europe und einem polnisch-spanischen Konsortium soll mehr als eine Milliarde Euro gekostet haben.

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Bisher hat Turow 2,3 Millionen Haushalte mit Energie versorgt. Mit der Übergabe des neuen Blocks kommt eine Million dazu. Das Kraftwerk macht etwa sieben Prozent der Energieerzeugung Polens aus. Turow gilt als größter Arbeitgeber der Region, bringt bis zu 80.000 Menschen Arbeit. Diese von Experten angezweifelten Zahlen nennt PGE als Betreiber. Der neue Block werde die Sicherheit der Stromversorgung während der Umstellung des polnischen Energiesektors auf erneuerbare Quellen gewährleisten, sagt die Vorstandsvorsitzende Wioletta Czemiel-Grzybowska.

Mit Turow betreibt PGE das drittgrößte Kraftwerk Polens (2.000 Megawatt Leistung) und hat die mit 300 Metern tiefste Braunkohlengrube Mitteleuropas. Im Gegensatz zu den beiden größten polnischen Kraftwerken Bełchatów (5.300 Megawatt) - das zugleich Europas größtes Braunkohlekraftwerk ist - und dem Steinkohlekraftwerk Kozenice mit (2.900 Megawatt) liegt es an der Grenze zu Tschechien und Deutschland. Ringsum befindet sich kaum Industrie, sondern überwiegend landwirtschaftlich und touristisch genutztes Gebiet. Bis 2006 wurde hier Abraum auf eine Außenhalde gekippt. Vor fünf Jahren rutschten 600 Hektar ab - mit schlimmen Folgen für Kraftwerk und Tagebau. Die Kohlevorräte gingen zur Neige, da alle Transportbänder betroffen waren. Nur die reparierte Bahnlinie durch das Neißetal erlaubte wieder erste Schwerlastzüge mit Kalk zur Entschwefelung der Rauchgase, mit Ersatzteilen und Betriebsmitteln.

Das Wasser der Neiße erlangte akzeptable Reinheit dank leistungsfähiger Kläranlagen, was nicht nur den Fischbestand förderte. Es dürfte auch einem Rückkehrer gefallen haben – dem eurasischen Biber. Seitdem sind Spuren seiner Anwesenheit unübersehbar: einen halben Meter überm Boden kegelförmig angenagte oder ganz gefällte Bäume an beiden Ufern des Grenzflusses.

Spuren des eurasischen Bibers.
Spuren des eurasischen Bibers. © P. Engler

Mit dem neuen Block wird die Luft nun ebenfalls sauberer, was beispielsweise an den bunten Flechten an Zweigen von Laub- und Nadelbäumen festgestellt werden kann. Sie gelten als Indiz für eine saubere Umgebungsluft - trotz Kraftwerk. Umweltorganisationen wie Greenpeace bestreiten das und protestieren auch immer wieder wegen Turow. Die polnische Seite des Neißetalhanges ist mit sieben Kilometer Länge und einer durchschnittlichen Breite von 400 Metern ein weitgehend unberührter Wald im Gegensatz zum deutschen Teil.

Bunte Flechte an Zweigen von Laub- und Nadelbäumen
Bunte Flechte an Zweigen von Laub- und Nadelbäumen © Arndt Bretschneider

Weiter östlich von Neißetal herrscht eine völlig andere Situation. Auf ehemals waldfreien Dorffluren von Zatonie (Seitendorf), Strzegomice (Dornhennersdorf), Wigancice Żytawskie (Sächsisch Weigsdorf) bis Ober-Königshain (Dżałoszyn-Górne) liegt heute die äußere Abraumhalde des Tagebaus Turów. Hier wurden seit 1962 auf 2.300 Hektar etwa 24 Millionen trockenheitsresistente Laub-und Nadelbäume – außer Fichten – angepflanzt. Seit kein Abraum mehr aufgeschüttet wird, ergreift die Natur Besitz von der bis 200 Meter hohen Kippe.

Obwohl der las Białopole (Sommerauer Busch) allmählich dem Tagebau zum Opfer fällt, steigt der Waldbedeckungsgrad der Gemeinde Bogatynia (Reichenau). Die Außenhalde und die großen Rekultivierungsflächen der Innenverkippung sind der Grund dafür. Mittlerweile siedeln sich selten gewordene Pflanzen an, die kargen Boden bevorzugen, und fühlt sich Niederwild wohl. Das trägt wesentlich zur Absorption von CO2 bei, betreut vom Nadleśnictwo Pieńsk (Forstamt Penzig). Kaum ein polnisches Kraftwerk hat solch ein Großbiotop in unmittelbarer Nachbarschaft.

Angepflanzte und selbst aussäende Bäume.
Angepflanzte und selbst aussäende Bäume. © Arndt Bretschneider

Zwischen den östlichen Neißetalwaldungen und der beschriebenen Außenkippe liegen das Braunkohlenkraftwerk, ein Kalkwerk, alle erforderlichen Transportbänder und Trassen sowie die Bogatyniaer Ortsteile Trzciniec dolny (Lehde), Zatonie Kolonia (Seitendorf Kolonie) und Turoszów (Rest-Türchau). Nordöstlich des Kraftwerkes leuchtet nachts ein Gewächshaus, das die beiden Hauptprodukte Strom und Wärme sowie das CO2 zum Gedeihen von Tomatenpflanzen nutzt. Seit 2016 wuchs westlich davon der hochmoderne 495 Megawatt-Block in die Höhe, der nach Verzögerungen jetzt offiziell am polnischen Hochspannungsnetz hängt.

Die deutsche Seite sieht polnische Energieinvestitionen auf Kohlebasis mit Unbehagen, Tschechien klagt gar vor dem Europäischen Gerichtshof - und fordert den sofortigen Abbau-Stopp in Turow. Doch 85 Prozent der gesamten Elektroenergie im Nachbarland stammen noch aus fossilen Brennstoffen und teilweise veralteten Kraftwerken. Über 30 solche Kohleverstromer warten auf Liquidierung oder Neubau. Örtlicher Smog-Alarm mit hundertfacher Grenzwertüberschreitung der zulässigen Feinstaubbelastung muss häufig ausgelöst werden. Dem Land fehlt aber die Finanzkraft Deutschlands. Eine Energiewende samt Strukturwandel kann es sich noch nicht leisten. Sein verfügbarer energetischer Bodenschatz sind die beiden Kohlearten. Wohl ein Grund, warum Polens Klimaministerium die Abbau-Lizenz für Turow kürzlich bis 2044 verlängerte.

Im Hochsommer 2015 stand das Land kurz vor einem Energie-Gau, als mehrere ältere Kraftwerke zugleich ausfielen. Vor einem reichlichen halben Jahr wiederholte sich ein ähnlicher Kollaps. Die zuständige EU-Kommission hat daraufhin der Republik Polen eine Ausnahmegenehmigung mit der Auflage erteilt, den aus Kohle erzeugten Strom nur für den Eigenbedarf zu nutzen. Ziel ist es, bis 2022 etwa 15 Prozent erneuerbare Energie zu gewinnen. Die Kernkraft wird aber auch ins Kalkül des polnischen Energieministeriums einbezogen - und 2033 soll der erste Meiler mit US-amerikanischer Hilfe ans Netz gehen. (mit SZ/tc)

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