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Präsident Selenskyis Reden zum Krieg erscheinen als Buch

Der ukrainische Präsident setzt neben Waffen auf die Kraft des Wortes. Nur – wer schreibt die eindringlichen Botschaften eigentlich?

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Weiß um die Macht des Wortes und kann damit umgehen: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj spricht in der vom Krieg betroffenen Oblast Dnipropetrowsk zu Militärvertretern.
Weiß um die Macht des Wortes und kann damit umgehen: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj spricht in der vom Krieg betroffenen Oblast Dnipropetrowsk zu Militärvertretern. © Ukrainian Presidential Press Office/AP/dpa

Von Ulf Mauder und Andreas Stein

Mit emotionalen Reden wirbt der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj international vor allem um Waffen und Strafen gegen den Kriegstreiber Russland. Inmitten russischer Raketenangriffe setzt der 44-Jährige in seinem olivgrünen Outfit stets auch auf die Kraft des Wortes, um Solidarität mit seinem Land zu mobilisieren.

16 Reden hat der frühere Schauspieler, der schon vor seiner Wahl 2019 in seiner Rolle als Präsident in der Serie „Diener des Volkes“ berühmt wurde, nun für das Buch „Botschaft aus der Ukraine“ (Siedler Verlag) ausgewählt. Es ist nicht das erste Buch mit Reden von Selenskyj, aber laut Verlag das erste von ihm selbst.

„Werden Sie der Ukraine nicht überdrüssig"

Es ist vor allem ein Appell an den Westen, auch für die Menschen in der EU nicht nachzulassen bei der Unterstützung für die Ukraine. „Werden Sie der Ukraine nicht überdrüssig. Lassen Sie nicht zu, dass unser Mut „aus der Mode kommt“, sagt Selenskyj in dem Buch zu den von ihm handverlesenen Texten.

Ob in seinen allabendlich in Kiew verbreiteten Videobotschaften oder in den Schalten in andere Teile der Welt: Selenskyj sorgt in dem seit mehr als neun Monaten dauernden Krieg stets dafür, dass das Land nicht in Vergessenheit gerät. Er fordert nicht nur immer neue Sanktionen gegen den „terroristischen Aggressorstaat“ Russland. Er betont vor allem stets aufs Neue das Recht auf eine freie Wahl des unabhängigen Landes, seine Zukunft selbst zu bestimmen – vor allem mit dem Ziel eines Beitritts zur Europäischen Union.

Warum war Deutschland zögerlich?

Ausgewählt hat der Staatschef eher die gemäßigten Reden, die überdies gekürzt und überarbeitet sind. Manche sind längst Zeitdokumente und haben zu einem Umdenken in den Gesellschaften geführt, wie Selenskyjs Rede am 17. März vor dem Bundestag. „Freiheit und Gleichheit. Das Recht, selbstbestimmt zu leben. Ohne sich einem anderen Staat zu unterwerfen, welcher fremden Boden für seinen eigenen „Lebensraum“ hält“, wandte sich Selenskyj an die deutschen Abgeordneten und fragt: „Warum unterstützen so viele andere Staaten uns entschlossener als Sie?“

Er erinnerte mit Blick auf den Zweiten Weltkrieg, als Hitler-Deutschland nach dem Überfall auf die Sowjetunion auch in der Ukraine unermessliches Leid anrichtete, an die „historische Verantwortung für die Geschehnisse vor achtzig Jahren, die bis heute nicht gesühnt wurden“. Inzwischen ist die Ukraine angesichts deutscher Waffenlieferungen deutlich zufriedener. Einen Mehrwert zu bereits Bekannten liefert das Buch kaum.

"Ich habe keine Zeit, die Reden selbst zu schreiben"

In einem Vorwort zeigt der Journalist Arkady Ostrovsky, der für das Magazin „The Economist“ arbeitet, große Bewunderung für Selenskyj. „Vielleicht fanden die Reden deshalb so starken Widerhall, weil Selenskyj eine Botschaft von solch großer moralischer Klarheit und Kraft übermittelte, dass nur wenige gleichgültig blieben“, schwärmt der in Russland geborene Autor. „Seit dem Fall der Berliner Mauer, dem sogenannten Ende der Geschichte, hatte die Welt keine Worte von solcher Wirkungskraft gehört.“

Keine Antwort allerdings gibt das Buch etwa auf die für viele interessante Frage, wie diese Reden entstehen? Klar ist nur, dass Selenskyj als ehemaliger Schauspieler gelernt hat, mit seiner Stimme Emotionen zu erzeugen. In einem Interview im Mai gemeinsam mit seiner Ehefrau Olena sagte er, dass es ihm persönlich wichtig sei, eigene Gedanken vorzutragen. Dabei sagte er auch: „Ich habe keine Zeit, die Texte für die Reden selbst zu schreiben.“ Das Kollektiv der Redenschreiber sei „nicht groß“. „Gewöhnlich sind das ich und einer oder maximal zwei Menschen.“

"Wir akzeptieren keine Zugeständnisse und Kompromisse"

Seine Frau sagte: „Ich denke, dass auch Wolodymyr nicht immer sehr früh seine Texte sieht.“ Vielmehr gebe er den Redenschreibern Thesen vor. Niemals würde jemand anders die Reden komplett für den Präsidenten schreiben. Sie selbst aber mische sich nicht ein. In den Medien der Ukraine werden die Reden zwar nachrichtlich ausgewertet, aber öffentliche Debatten sind aufgrund der kriegsrechtlichen Einschränkungen nicht mehr möglich.

Deutlich wird in der Abfolge der Reden im Buch aber, wie sich Selenskyjs Rhetorik im Lauf der Zeit wandelte: von jemandem, der 2019 gewählt wurde, um den seit 2014 begonnenen Konflikt unter allen Umständen zu beenden – zu einem gealterten Kriegspräsidenten, der sich nur noch mit einem Sieg über Russland zufriedengibt. „Wir verhandeln nicht um unser Land und unser Volk“, heißt es in der letzten Rede des Buches. „Die Ukraine bedeutet die gesamte Ukraine. Alle fünfundzwanzig Regionen, ohne „Zugeständnisse“ und ohne „Kompromisse“. Wir akzeptieren diese Begriffe nicht mehr; am 24. Februar haben Raketen sie zerstört.“ (dpa)

Wolodymyr Selenskyj: Reden gegen den Krieg. Droemer-Verlag, 96 Seiten, 10 Euro