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Auf ProSieben bekommt Baerbock nur freche Fragen

ProSieben kann ein Exklusivinterview mit der Kanzlerkandidatin der Grünen senden. Doch die Moderatoren sind nicht gerade die schärfsten TV-Grillzangen.

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Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock hat am Montagabend ein Exklusivinterview auf ProSieben gegeben.
Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock hat am Montagabend ein Exklusivinterview auf ProSieben gegeben. © Kay Nietfeld/dp

Von Joachim Huber

Da wird manch politisch interessierter Zuschauer erst mal auf seiner Fernbedienung gesucht haben müssen: Wo ist ProSieben? Denn das gab es noch nicht in der deutschen Fernsehgeschichte: Dass eine Kanzlerkandidatin bei einem Privatsender nur wenige Stunden nach ihrer Kür zum Exklusivinterview erscheint.

Annalena Baerbock hat es getan, hat ARD, ZDF und RTL außen vor gelassen. Kein falsches Kalkül, denn die Zielgruppe von ProSieben, die 14- bis 49-Jährigen, sind von der Kernwählerschaft der Grünen so weit nicht entfernt.

Schnell wurde erkennbar, dass die Spezial-Sendung nicht dem Ritual von "ARD extra" und "Was nun...?" folgen wollte. Nicht das enge Studio war der Schauplatz, sondern eine große, hippe Backsteinhalle, in die ein Podium gebaut war. Edel sah das aus, so hedonistisch-schick wie nicht wenige Grünwähler ihre Existenz ausstaffiert haben.

"Geht Ihnen der Arsch auf Grundeis?"

Das Frageteam war so noch nicht gesehen: Katrin Bauerfeind ("Frau Bauerfeind hat Fragen") und Thilo Mischke ("Undercover"). Nein, das sind keine Politprofis, müssen sie auch nicht sein, wichtiger war, dass die 38-jährige Bauerfeind und der 40-jährige Mischke sich in der Lebenswelt der 40-jährigen Baerbock bewegen konnten. Ein-Generationen-Fernsehen also.

Bauerfeind gab den Ton vor. "Geht Ihnen der Arsch auf Grundeis?" war die Frage, ob Baerbock vor ihrem eigenen Mut, solch eine Aufgabe zu übernehmen, nicht erschrecke. Tut sie nicht, überhaupt scheint die Kandidatin Respekt vor Wahlkampf und möglicher Regierungsverantwortung zu haben, aber Angst hat sie nicht.

Bauerfeind und Mischke hatten sich auf direkte Fragen verständigt, sie wollten von dieser Durch-die-Brust-ins-Auge-Attitüde der Hauptstadtkorrespondenten wenig bis nichts wissen. Kaum Nachfragen, kaum Vertiefung, lieber Fragen, die auf der Hand lagen. Annalena Baerbock hatte keine schwierigen 45 Minuten, Bauerfeind/Mischke wollten sich nicht als die schärfsten Grillzangen des Deutsch-Fernsehens beweisen.

Von sich selbst begeistert

Insbesondere Katrin Bauerfeind schien von ihrer Fragekompetenz schlichtweg begeistert, mehr als einmal lachte sie ihren Fragen hinterher, als wollte sie unterstreichen, was für messerscharfe Bemerkungen in Frageform ihr durch den Kopf geschossen waren. Aber auch das stimmt: Was das Duo wissen wollte, das lappte nicht ins Peinliche rüber und war doch politisch weitgehend harmlos. Einige Politikbereiche blieben komplett ausgespart.

Okay, nicht jeder und jede wird Baerbock bis ins Lebensdetail kennen - zum Kennenlernen war die Dreiviertelstunde gut geeignet. Bauerfeind und Mischke waren immer - und leider zu selten - gut, wenn sie freche Fragen stellten, die Annalena Baerbock erkennbar überraschten. Selbst sie hat sich schon einen Sound zugelegt, der darauf angelegt ist, Persönlichkeit und Politik zu wasserdichter Konsistenz zu bringen.

Katrin Bauerfeind und Thilo Mischke waren von der Herausforderung nicht überwältigt, zugleich hatten sie offenbar das Ziel, der ersten Kanzlerkandidatin der Grünen einen freundlichen Abend zu bereiten. Das hatte was von telegenem Claqueurtum. Der eigentliche Clou zum Schluss: Bauerfeind und Mischke klatschten dem Gast Beifall. Da war die Distanz längst gewichen, hatten sich die Frageteller in Claqueure verwandelt. Alles auf Anfang bitte!