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Kreis Görlitz: Wettrennen der Kleinen um die Erststimme

Immer ist nur von den Direktkandidaten der sechs Parteien die Rede, die schon im Bundestag sitzen. Doch auch andere haben Bewerber aufgestellt, manche sind sogar bekannt.

Diese vier Kandidaten wollen auch in den Bundestag: Bernhard Blicke, Harald Twupack, Siegmund Hänchen und Stefan Heinke (v. l. o. n. r. u.)
Diese vier Kandidaten wollen auch in den Bundestag: Bernhard Blicke, Harald Twupack, Siegmund Hänchen und Stefan Heinke (v. l. o. n. r. u.) © privat/Youtube/André Schulze

Nicht nur die Kandidaten von CDU, SPD, Bündnisgrünen, Linkspartei, FDP und AfD wollen in den Bundestag. Für den Wahlkreis 157, zu dem Görlitz gehört, treten vier weitere Direktkandidaten an - für kleinere Parteien.

Harald Twupack beim Markt der Parteien in Ebersbach-Neugersdorf.
Harald Twupack beim Markt der Parteien in Ebersbach-Neugersdorf. © privat

Der bekannteste von ihnen - zumindest in Görlitz - dürfte Harald Twupack sein. Er ist gebürtiger Görlitzer und leitet das IT-Unternehmen twupack.it, mit dem er sich 2000 selbstständig machte. 25 Jahre lang war er Mitglied im Görlitzer Stadtrat, für die Bürger für Görlitz. Auch bei der jüngsten Kommunalwahl 2019 stellte er sich wieder zur Wahl. Mit Listenplatz 12 reichte es aber nicht. Nun tritt Twupack für eine ganz andere Partei an: die LKR, die Liberal-Konservativen Reformer.

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Eine Kleinpartei, die 2015, damals noch mit anderem Namen, von Ex-AfD-Bundessprecher Bernd Lucke initiiert wurde. Lucke war nach Differenzen etwa mit AfD-Rechtsaußen Björn Höcke aus der AfD ausgetreten.

Harald Twupack sagt, er habe die Partei schon länger beobachtet, etwa seit 2017. "Es ist eine Partei, die in den westdeutschen Ländern schon etwas stärker vertreten ist und jetzt auch in Ostdeutschland Fuß fassen will." Dafür wolle er zur Verfügung stehen. "Es ist eine liberalkonservative Partei", ihm gehe es vor allem um die wirtschaftsliberalen Grundsätze - er war früher in der FDP - und um die christlichen Werte, die im Gemeinschaftswesen eine Rolle spielten.

Twupack grenzt sich von AfD ab

Er möchte sich vor allem für die Verkehrsinfrastruktur im Wahlkreis und damit Landkreis einsetzen. Twupack war früher Verkehrstechnologe bei der Deutschen Bahn. Wieder mehr Güter auf die Schiene, wäre ein Thema für ihn, auch mehr Angebote im öffentlichen Nahverkehr. "Ansonsten sind für mich als Selbstständigen Handel, Handwerk und Gewerbe wichtig. Und natürlich der Sport."

Bei den Bürgern für Görlitz sei er weiter Mitglied, das schließe sich für ihn nicht aus. Wie nah er der AfD steht, die zumindest personelle Überschneidungen mit der LKR hat? "Die AfD hat ja ein paar interessante Punkte im Wahlprogramm", sagt Twupack. "Aber der Rechtsruck macht einem zu schaffen, auch ganz persönlich. Das könnte ich auch nicht mit tragen." Das Programm der LKR halte er zudem für seriöser.

Lautstark beim Wahlforum

Zumindest in manchen Kreisen dürfte inzwischen Stefan Heinke ein Begriff sein. Er ist gebürtiger Löbauer, wuchs in Niedercunnersdorf auf, lebte in Zittau und seit nun 15 Jahren in Großschweidnitz. Dort arbeite er als ausgebildeter Krankenpfleger. Seit vielen Jahren engagiert er sich im Wasserrettungsdienst. Ihm ein sehr wichtiges Anliegen, teilt er mit. Seit Kurzem ist er in "Die Basis".

Wie freundlich. Stefan Heinkes Auftritte bislang sahen anders aus.
Wie freundlich. Stefan Heinkes Auftritte bislang sahen anders aus. © privat/Ronny Voll

Die Partei entstand im Sommer vorigen Jahres im Umfeld von Demos gegen die Coronamaßnahmen. Auch Heinke stand etwa schon bei der Montagsdemo von Coronagegnern in Görlitz auf der Bühne - zusammen mit dem AfD-Fraktionsvorsitzenden im Görlitzer Stadtrat, Lutz Jankus. Nein, "ich bin kein Freund von der AfD. Deshalb bin ich in der Basis, weil ich eben keine politische Richtung einschlage", sagte er vor einer Woche im Görlitzer Wichernhaus beim Wahlforum, an dem er als Gast teilnahm.

Angst als Coronaleugner dazustehen

Zugleich kritisierte er lautstark, dass er nicht mit auf dem Podium sitzen dürfe, wo seiner Meinung nach nur eine "Einheitspartei" vertreten sei. Er sei Vertreter des unzufriedenen Volkes, "der nicht zu Wort kommt". Ähnlich war es beim U-18-Wahlforum in der Görlitzer Rabryka an diesem Mittwochabend: "Es ist noch nicht so, dass es diktatorisch ist", so Heinke, er nehme aber einen Abbau der Demokratie wahr.

Am Telefon hört sich Heinke anders an. Seine Sorge offenbar: Als Coronaleugner dazustehen. Er leugne die Existenz des Coronavirus nicht, teilt er mit. Er sei Anfang des Jahres selbst an Covid-19 erkrankt. Warum er in den sozialen Netzwerken dennoch Inhalte in dieser Richtung teilt? Er verbreite keine derartigen Inhalte, so Heinke. "Vielmehr zeige ich auf meinen Kanälen die Seiten der Medaille, die in der Berichterstattung der öffentlichen Medien viel zu kurz kommen", so Heinke. Aufgrund seiner eigenen Erfahrungen und Recherchen halte er die Maßnahmenpolitik der Bundesregierung für größtenteils verfehlt, unsozial und schädlich.

Warum er nun in "Die Basis" eingetreten ist? Ihm gehe es um die Basisdemokratie - daher der Name der Partei. "Aus meiner Sicht hat die repräsentativen Demokratie versagt, da sie sich immer mehr von den Bürgern entfremdet hat." Schwerpunkte, würde er gewählt, wolle er daher inhaltlich und politisch nicht vorgeben. Einziges Wahlversprechen sei Bürgerbeteiligung.

Kandidat aus Dresden im Görlitzer Wahlkreis

Kaum bekannt dürfte Bernhard Blickle sein. Er tritt für das Internationalistische Bündnis an. Blickle lebt in Dresden, wurde 1958 in Albstadt im südlichen Baden-Württemberg geboren. Er ist Heilerziehungspfleger, war eigenen Angaben nach schon lange politisch engagiert, etwa mehrfach in Betriebsräten. Hinter dem Internationalistischen Bündnis steht die MLPD, die vom Verfassungsschutz als linksextremistisch eingestuft wird.

Bernhard Blickle in der Diskussion in der Rabryka am Mittwoch.
Bernhard Blickle in der Diskussion in der Rabryka am Mittwoch. © Screenshot/Youtube

Blickle sieht andere Punkte. "Das Internationalistische Bündnis spricht mir aus dem Herzen - es schließt breit Menschen zusammen, die sich einig sind gegen Rechtsentwicklung, gegen Faschismus und Krieg", sagt er gegenüber der Lausitzer Rundschau. Man könne durchaus aus der DDR lernen, und gesellschaftliche Verhältnisse ändern.

Freie Wähler waren in Kritik geraten

Siegmund Hänchen könnte den Rothenburgern ein Begriff sein. Er tritt für die Freien Wähler an, für diese sitzt er seit 2014 auch im Rothenburger Stadtrat. Die Freien Wähler als Partei sind nicht identisch mit Vereinen wie den Bürgern für Görlitz, Zittau kann mehr oder Bürgerliste Löbau, erklärt Ronald Maiwald, Vorsitzender der Freie-Wähler Vereine im Kreis.

Siegmund Hänchen aus Rothenburg will mit den Freien Wählern einziehen.
Siegmund Hänchen aus Rothenburg will mit den Freien Wählern einziehen. ©  André Schulze

Die Partei der Freien Wähler war in Sachsen im April 2020 in die Kritik geraten, nachdem der Landesvorstand Steffen Große zusammen mit anderen Vertretern einen Brief, an Ministerpräsident Michael Kretschmer schickte, in dem er unter anderem „das Ende der Kontaktsperre, die sofortige Öffnung aller Schulen und Kindereinrichtungen, Freibäder, Geschäfte sowie gastronomischen Einrichtungen und die sofortige Normalisierung des Lebens im Freistaat Sachsen", forderte. Steffen Große trat später zurück.

Er könne den Brief unterstützen, sagt Siegmund Hänchen, "ganz so falsch war es nicht", findet er. Die Maßnahmen habe auch er damals als zu scharf empfunden. Von Rechts will er sich aber distanzieren. Im Stadtrat macht Hänchen tatsächlich einen vernunftgeprägten, ruhigen Eindruck.

Hänchen lebt im Rothenburger Ortsteil Neusorge, ist großer Naturfreund. Er hat ein großes Grundstück, unter anderem mit Streuobstwiese, Mischwald und anderen Habitaten. Wichtig ist ihm der Strukturwandel. Zum einen will er sich dafür einsetzen, den Bevölkerungsrückgang zu stoppen. Zum anderen zum Beispiel dafür, dass bürokratische Hürden für Fördermittel zum Kohleausstieg gesenkt werden für betroffene Kommunen, alternative Vorhaben oder auch Privatpersonen. "Wir wollen zum Beispiel, dass die Förderquote nur noch zehn Prozent Eigenanteil bedeutet."

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