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So würden junge Leute in SOE den Bundestag wählen

Die meisten Erststimmen bekommt der FDP-Kandidat, unter den Parteien liegt die AfD vorn - ganz anders als bei den Ergebnissen bundesweit.

Mia und Michaela (hinten) haben sich am Berufsschulzentrum in Dippoldiswalde an der U18-Wahl beteiligt und geben bei Ronny Wenzel von Pro Jugend ihren geheim ausgefüllten Stimmzettel ab.
Mia und Michaela (hinten) haben sich am Berufsschulzentrum in Dippoldiswalde an der U18-Wahl beteiligt und geben bei Ronny Wenzel von Pro Jugend ihren geheim ausgefüllten Stimmzettel ab. © Egbert Kamprath

Eine Koalition bilden die jungen Leute noch nicht, als der Abend beginnt. Es sind eher Splittergrüppchen, die möglichst weit voneinander entfernt stehen. Über den Rasen vor der Musikschule in Pirna hallt am Freitagabend der Song "Be the love Generation" - "Seid die Generation der Liebe". Eine Moderatorin sagt ins Mikrofron: „Sagt allen Kumpels, allen Freunden Bescheid, dass hier was Cooles stattfindet“ und: "Es ist Euer Abend." Sieben der elf Direktkandidaten für den Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge waren persönlich zur U18-Wahlparty erschienen und beantworteten an ihren Stehtischen Fragen.

Eine Gruppe Jugendlicher kauert auf einer Mauer am Rand, trinkt Bier, raucht Zigaretten, hat eine eigene Musikbox mitgebracht. Was sie wählen? "AfD", sagen drei Mädchen. Warum? "EU-Austritt", antwortet eine Brillenträgerin in bauchfreiem Top. "Weil wir keine Ausländer wollen", sagt die Kleinste der drei. "Weiß ich nicht", heißt es schulterzuckend von der Dritten.

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Unterhalb von einer Wäscheleine mit Wahlzetteln erzählt ein 15-Jähriger, warum er die Grünen wählen will: Wegen des Klimas. Und weil sie das Wahlalter auf 16 Jahre herabsetzen wollen. „Aber was, wenn ich bis ich 16 bin, noch gar nicht weiß, was ich wählen soll?“, fragt seine Begleiterin. Er winkt ab: „Egal. Hauptsache, nicht AfD.“ Etwa 70 Jugendliche waren zur Wahlparty in Pirna gekommen und konnten dort auch direkt wählen.

Bundesweite Aktion U18-Wahl

Etwas mehr als 1.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren haben sich im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge in der vergangenen Woche an der Wahl beteiligt. 27 Wahllokale gab es und damit vier mehr als noch zur Landtagswahl 2019. "Das zeigt, dass die unter 18-Jährigen mitbestimmen wollen", heißt es vom Verein Jugendring, der die U18-Wahl im Landkreis organisiert hat.

Zehn der Wahllokale waren öffentlich zugänglich, etwa in Jugendtreffs oder anderen Einrichtungen. Weitere waren in Schulen und nur für die dortigen Schülerinnen und Schüler nutzbar. An verschiedenen Orten abzustimmen, wäre möglich gewesen. Auch deshalb kann die Stimmenabgabe nicht als repräsentativ gelten. Ein Trend lässt sich aber ablesen. Seit dem Wochenende waren schon vorläufige Ergebnisse der bundesweiten Aktion im Internet veröffentlicht worden.

Wichtiges Projekt für Demokratie

Zu den Einrichtungen, die sich erstmals an der U18-Wahl beteiligt haben, gehört das Berufliche Schulzentrum in Dippoldiswalde. Dort haben etwa Fachpraktiker oder Jugendliche im Berufsvorbereitenden Jahr abgestimmt. "Die U18-Wahl ist definitiv ein wichtiges Projekt und wir werden uns wieder daran beteiligen", sagt Schulsozialarbeiter David Hillig.

Dabei geht es nicht um den Wahl-Akt allein. Das erfolgte am BSZ mit Wahlkabine und Wahlurne wie bei der offiziellen Bundestagswahl. Im Vorfeld wurde sich intensiv mit Politik befasst. Wie ist der Bundestag aufgebaut? Wer vertritt meine Interessen? Was steht in den Wahlprogrammen der Parteien und wo findet man sie? "Den Jugendlichen wurde gezeigt, wie Demokratie gelebt wird", sagt Hillig.

Bei der vom Jugendring Pirna organisierte U18-Wahl-Party im Park der Musikschule in Pirna wurden auf der Leinwand auch Filme zur Wahl des Comedy-Duos Günther und Hindrich gezeigt. (1/5)
Bei der vom Jugendring Pirna organisierte U18-Wahl-Party im Park der Musikschule in Pirna wurden auf der Leinwand auch Filme zur Wahl des Comedy-Duos Günther und Hindrich gezeigt. (1/5) © Norbert Millauer
Mehrere Direktkandidaten für den Bundestag waren im Park zu Gesprächen mit den Kindern und Jugendlichen bereit, einige kamen nicht oder ließen sich vertreten. (2/5)
Mehrere Direktkandidaten für den Bundestag waren im Park zu Gesprächen mit den Kindern und Jugendlichen bereit, einige kamen nicht oder ließen sich vertreten. (2/5) © Norbert Millauer
Aufmerksam hörten Kandidaten und Publikum zu, was die Jugend zu sagen hatte. (3/5)
Aufmerksam hörten Kandidaten und Publikum zu, was die Jugend zu sagen hatte. (3/5) © Norbert Millauer
An Wäscheleinen sind Wahlzettel aufgehängt, die die Stimmungslage der unter 18-Jährigen widerspiegeln sollen. (4/5)
An Wäscheleinen sind Wahlzettel aufgehängt, die die Stimmungslage der unter 18-Jährigen widerspiegeln sollen. (4/5) © Norbert Millauer
Die Leinwand war ein wichtiges Element bei der Wahlparty. Viele Jugendliche informieren sich mehr mit Bildern und Filmchen als mit Lesen. (5/5)
Die Leinwand war ein wichtiges Element bei der Wahlparty. Viele Jugendliche informieren sich mehr mit Bildern und Filmchen als mit Lesen. (5/5) © Norbert Millauer

Direktmandat ginge an FDP-Kandidat

Das Wahlergebnis im Landkreis weicht dabei deutlich von dem bundesweiten Ergebnis ab. Bei den Zweitstimmen für die Parteien war die AfD mit 20,1 Prozent in der Region am erfolgreichsten, gefolgt von der FDP mit 17,9 Prozent, SPD mit 12,3 Prozent und CDU mit 11,5 Prozent. Auffallend ist, dass die sechs im Bundestag vertretenen etablierten Parteien auch bei den unter 18-Jährigen auf den ersten sechs Plätzen rangieren. Mit der Tierschutzpartei hätte es eine einzige andere Partei im Landkreis über die Fünf-Prozent-Hürde geschafft.

Bundesweit sind ebenfalls die sechs Etablierten vorn. Allerdings liegen hier die Grünen mit 21 Prozent auf Platz 1, vor SPD, CDU/CSU, FDP und Linken. Die AfD kommt mit knapp über fünf Prozent auf Platz 6. Auch deutschlandweit schafft es die Tierschutzpartei bei den Minderjährigen über die Fünf-Prozent-Hürde.

© SZ Grafik

Bei der Erststimme für das Direktmandat lag die AfD im Landkreis allerdings nicht vorn. Möglicherweise nahm die Jugend Steffen Janich übel, dass er nicht selbst zur U18-Party gekommen war. Zeitgleich war er auf dem Markt in Pirna. Dort veranstaltete seine Partei eine Kundgebung gegen die Corona-Impfkampagne.

Die unter 18-Jährigen hätten im Landkreis Dirk Jahn (FDP) direkt in den Bundestag gewählt. Er erhielt mit 19,7 Prozent die meisten Stimmen, obwohl auch er nicht selbst an der Party teilgenommen hatte. Er ließ sich von zwei jungen Parteifreunden aus dem Kreisvorstand, Maximilian Brust und Leon Jeske, vertreten.

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Platz zwei bei der Erststimme ging an den erst 23-jährigen Fabian Funke von der SPD mit 16,5 Prozent. Den dritten Platz teilten sich Nino Haustein (Grüne) und Steffen Janich (AfD) mit je 15,5 Prozent. Stimmen für die Direktkandidaten wurden 466 abgegeben. Das ist viel weniger als bei den Zweitstimmen, weil in 15 der 27 U18-Wahllokale nur über die Parteien abgestimmt werden konnte.

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