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„Es gibt nicht für jeden eine Vollkasko“

Seit 31 Jahren ist Dirk Schilling in der CDU. Der Ostrauer Bürgermeister sagt Sächsische.de, weshalb er enttäuscht von der Parteispitze und der Corona-Politik ist.

Von Sylvia Jentzsch
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Der Ostrauer Bürgermeister Dirk Schilling (CDU) im Gespräch mit Sächsische.de zum Ergebnis seiner Partei zur Bundestagswahl, den Fehlern und den Perspektiven.
Der Ostrauer Bürgermeister Dirk Schilling (CDU) im Gespräch mit Sächsische.de zum Ergebnis seiner Partei zur Bundestagswahl, den Fehlern und den Perspektiven. © Lars Halbauer

Döbeln. In der Gemeinde Ostrau, die 3.600 Einwohner zählt, haben bei der Erststimme 39,4 Prozent der Wähler für die AfD-Kandidatin Carolin Bachmann gestimmt, nur 21,7 Prozent für die CDU-Kandidatin Veronika Bellmann. Auch bei der Zweitstimme erreichte die AfD fast 36 Prozent.

Das Ergebnis, das seine Partei bei den Bundestagswahlen erzielt hat, macht Bürgermeister Dirk Schilling (CDU) betroffen und nachdenklich. Zwar habe er mit einer starken AfD gerechnet, aber nicht damit, dass sie mit solch einem Abstand gewinnt.

Sächsische. de sprach mit dem Gemeindeoberhaupt über die möglichen Ursachen und Perspektiven.

Herr Schilling, warum hat die CDU im Raum Ostrau bei der Bundestagswahl so schlecht abgeschnitten?

Dafür gibt es verschiedene Ursachen. Zum einen hat sich die Partei das Ergebnis selbst zuzuschreiben. Schon die Kandidaten-Kür war nach meiner Ansicht recht unglücklich. Man hatte das Gefühl, der größte Landesverband stellt ihn mit Armin Laschet.

Willen der Basis missachtet

Das war eine Missachtung der Basis. Hinzu kommt, dass ostdeutsche Themen zu wenig oder eher gar nicht angesprochen wurden. Armin Laschet war für mich und viele andere CDU-Mitglieder kein Wunschkandidat.

Wer war Ihr Wunschkandidat und weshalb?

Für mich und viele CDU-Politiker aus der Region war das Friedrich Merz. Ihm trauten wir die erforderliche Wirtschaftskompetenz und die Fähigkeit zu, die konservativen Werte, für die eigentlich die CDU steht, wieder mehr in den Mittelpunkt zu rücken.

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Was dann während des Wahlkampfes passierte, kann man nur als extrem schlecht gelaufen bezeichnen. Als langjähriger Politiker muss man sich im Griff haben, ob es das Lachen am falschen Ort und zum falschen Zeitpunkt ist oder manche Äußerung.

Aber auch Angela Merkel hat in den vergangenen Jahren Fehler gemacht, die CDU zu weit in die Mitte und damit in die Beliebigkeit rutschen zu lassen.

Der unerwünschte CDU-Kanzlerkandidat ist sicher eine Ursache für das schlechte Abschneiden der Partei. Sind auch Fehler passiert, die nicht direkt an einer Person festzumachen sind?

Ja, natürlich. Es wäre sehr ungerecht, Armin Laschet allein die Schuld dafür zu geben. Ich denke da an die Corona-Politik, die zurzeit zu einer Spaltung der Gesellschaft führt.

An vielen Stellen kann man den Frust der Bürger verstehen. Wir schaffen es nicht, von der gut gemeinten Absicht, die Bürger zu Beginn der Pandemie durch verschiedene Maßnahmen zu schützen, nun wieder loszulassen.

Bürger müssen Verantwortung zurückbekommen

Die Bürger müssen nun, wo es genügend Impfstoff für alle gibt, die Verantwortung für ihre Gesundheit selbst übernehmen. Wenn von einigen der Schutz nicht gewollt ist, dann muss das akzeptiert werden.

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Druck aufzubauen, um eine sogenannte Herdenimmunität zu erreichen, ist falsch. Damit provoziert man eine gewisse Trotzreaktion und erreicht genau das Gegenteil.

Die Bürger fühlen sich unter Zwang und wehren sich, indem sie Protest zeigen.