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SOE: Wahlwerbung mal ganz locker

Der DGB bereitete das Spielfeld für fünf Bewerber für den Bundestag. Die CDU-Kandidatin machte dabei schon den nächsten Wahlkampf auf.

Beim Wahlforum des DGB im Kulturhaus Freital hatten alle Beteiligten ihren Spaß.
Beim Wahlforum des DGB im Kulturhaus Freital hatten alle Beteiligten ihren Spaß. © Egbert Kamprath

Das war mal was anderes, unbestritten. Fünf Spielfiguren, ein Würfel sowie ein Spielfeld, das dem von Monopoly ähnelte. Am Ende gab es von den fünf eingeladenen Bundestagskandidaten teils überraschende, oft vorhersehbare Antworten. Mobilisieren konnte der Veranstalter, der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), zu seinem Wahlforum in Freital so gut wie niemanden.

In der Laterne des Stadtkulturhauses nahmen am Mittwochabend die Direktkandidaten für den Bundestag Corinna Franke-Wöller (CDU), André Hahn (Linke), Fabian Funke (SPD), Nino Haustein (Grüne) und Dirk Jahn (FDP) auf der Bühnenkante auf einem bereitgelegten Kissen Platz. Jeder der fünf hatte eine Handvoll Parteigänger im Saal. Dann kamen noch die DGB-Verantwortlichen hinzu. Mehr war nicht. Mit 34 Zuschauern war der Saal nur spärlich besetzt.

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Was sollte das mit dem Würfeln?

Dabei hätte es sich gelohnt zu kommen, selbst wenn sich die meisten Wählerinnen und Wähler zweieinhalb Wochen vor der Bundestagswahl am 26. September schon festgelegt haben, für wen sie stimmen. Denn anders als bei starren Podiumsdiskussionen war besser zu merken, wie die vier Bewerber und die eine Bewerberin um den Job des Berufspolitikers im Bundestag ticken, wie nahbar, schlagfertig oder redegewandt sie sind.

Absehbar war natürlich, dass es für Linke, SPD oder Grüne so etwas wie ein Heimspiel beim DGB wird. Allerdings wurde schnell klar, dass sich Franke-Wöller und Jahn nicht einfach so in Schubladen packen ließen. Etwa als die CDU-Kandidatin sagte, dass auch Selbstständige - entgegen der bestehenden Regierungspolitik - in die Rentenkasse einzahlen müssten - im CDU-Wahlprogramm ist jedenfalls eine Vorsorgepflicht für Selbstständige enthalten. Jahn ließ die Frage nach Wunsch-Koalitionspartnern unbeantwortet.

Je nach Augenzahl beim Würfeln zogen die Kandidaten ihre Spielfigur auf ein Themenfeld. Der Moderator zog aus einem Eimer eine vom DGB formulierte Frage. Die beinhaltete meist den Standpunkt der Gewerkschafter, zu dem sich die Kandidaten positionieren sollten - in 60 Sekunden. Die meiste persönliche Redezeit hatte am Ende der Moderator. Politikerreden, ohne wirklich etwas zu sagen, fielen dankenswerterweise aus. Dass dann die SPD die CDU noch mit dem letzten Würfelwurf überholt hat, sorgte für entsprechende Heiterkeit.

Wer hat schon mal gestreikt?

Vier der Kandidaten antworteten auf diese Frage, dass sie Gewerkschaften eigentlich noch nie gebraucht und deshalb noch nie für bessere Bezahlung gestreikt haben. Franke-Wöller stehe als Geschäftsführerin ohnehin auf der anderen Seite. Jahn ist als Außendienstler beschäftigt, denkt sein Schwerpunktthema Wirtschaft aber eher aus Unternehmersicht. Die Tarifautonomie sei zwar gut. "Aber mit Streiks darf man nicht ein ganzes Land als Geisel nehmen", sagte er. Damit nahm er Bezug auf die Lokführerstreiks, ohne die jedoch beim Namen zu nennen. Funke hat als Student noch keinen Grund zum Streiken gehabt. Den Gewerkschaften misst er aber hohe gesellschaftliche Bedeutung bei. Haustein hat als Beamter im Schuldienst auch noch nie gestreikt. Seine Mitgliedschaft in der GEW sieht er eher als Unterstützung für die angestellten Kollegen.

Als einziger in der Runde erklärte Hahn, dass er sich als GEW-Mitglied schon mal bei einem Lehrer-Streik beteiligt habe. Für alle Branchen sollte es seiner Meinung nach Tarifverträge geben und sämtliche Betriebe diese auch ihren Angestellten zahlen. Wie das alles umgesetzt werden soll? Zur Erklärung blieb freilich in einer Minute kaum Zeit.

Das Publikum konnte nach jeder Kandidaten-Antwort diese mit einer grünen Karte für Zustimmung oder einer roten für Ablehnung bewerten.
Das Publikum konnte nach jeder Kandidaten-Antwort diese mit einer grünen Karte für Zustimmung oder einer roten für Ablehnung bewerten. © Egbert Kamprath

Wie hitzig war die Diskussion?

Gewerkschaftspositionen wurden nur von Jahn und teilweise Franke-Wöller in Zweifel gezogen. Jeder konnte einmal eine Karte für Widerspruch ausspielen. Die fünf hatten Respekt für den jeweils anderen. Sich gegenseitig ins Wort zu fallen, war in dem Eine-Minuten-Takt der Antworten sowieso kaum möglich.

Jahn merkte man an, dass er beruflich auch das Reden können muss. Auf Politiker-Floskeln verzichtete er dabei. Franke-Wöller ist zweifellos intelligent und antwortete selbstbewusst, auch wenn es vorhersehbar war, dass sie Widerspruch hervorrufen könnte. Funke ist für sein junges Alter sehr klar in seinen Aussagen und redegewandt. Er und Hahn gaben sich am meisten kämpferisch. Hahn merkte man seine langjährige politische Erfahrung an, er parierte Konter und teilte auch aus. Letzteres scheint so gar nicht der Fall von Haustein zu sein. Auch eher provokante Fragen aus dem Publikum nahm er freundlich lächelnd zur Kenntnis, um sie ebenso zu beantworten.

Was war die größte Überraschung?

Trotz aller Unterschiede der Parteien und Kandidaten wehte auch mal ein Hauch von Harmonie durch den Wahlkampfabend in Freital. Niemand der fünf wolle mit der AfD koalieren, die vom DGB gar nicht erst eingeladen war. Ob das Gesprächsformat gefallen hat, honorierte das Publikum komplett mit der grünen Karte der Zustimmung. Auch waren sich alle einig, dass der Abend niemanden in der Wahlentscheidung zum Wechseln gebracht hat oder mindestens dazu, darüber nachzudenken.

Angesichts der Zusammensetzung des Publikums, war das auch kaum zu erwarten. Natürlich wird Innenminister Roland Wöller weiter für seine Corinna Franke-Wöller stimmen. Es wäre auch ungewöhnlich, wenn sich SPD-Kreischef Ralf Wätzig anders orientieren würde oder Grünen-Kreisrätin Lydia Engelmann, FDP-Urgestein Lothar Brandau oder Angestellte der Linken-Geschäftsstelle, die auch anwesend waren.

Aufgehorcht hatten dann noch mal alle, als ein Fragesteller aus dem Publikum auf die Spaltung der Gesellschaft hinwies und fragte, wie diese überwunden werden könnte. Als Bild fügte er an, dass in Freital die Querdenker quasi die Macht übernommen hätten. Dass es niemanden gab, der dem widersprach, war das eine.

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Klare Kante zeigte dabei Franke-Wöller. Ihr Lösungsvorschlag: "Die Stadt Freital braucht einen neuen Oberbürgermeister, einen bürgerlichen, der sich nächstes Jahr zur Wahl stellt." Damit läutete sie gleich mal den nächsten Wahlkampf ein, noch bevor der aktuelle beendet ist. Das die bis dahin so nette Frau so hart sein kann, hat offenbar alle anderen Parteivertreter derart überrascht, dass keiner die Widerspruchs-Karte gezogen hat.

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