merken
PLUS Sachsen

Warum hat die AfD in diesem Lausitz-Dorf keine Chance?

Das sorbisch geprägte Crostwitz ist das gallische Dorf der CDU in Sachsen. Mitten im AfD-Kreis Bautzen gaben 40 Prozent ihre Stimme der CDU. Was treibt sie an?

Auch in Crostwitz hat die CDU seit 2013 satte 25 Punkte eingebüßt. Die Partei ist in der Gemeinde, in der gut 1.000 Menschen leben, trotzdem noch mit Abstand stärkste Kraft.
Auch in Crostwitz hat die CDU seit 2013 satte 25 Punkte eingebüßt. Die Partei ist in der Gemeinde, in der gut 1.000 Menschen leben, trotzdem noch mit Abstand stärkste Kraft. © Matthias Rietschel

Die Kirchglocken läuten zum Gottesdienst, ein blassblauer Himmel erhebt sich über Crostwitz. Die Sonne hängt noch hinterm Horizont, nur eine Bäckerei wirft ihren warmen Schein nach draußen. 15 Gläubige verteilen sich auf Kirchenbänken. Viele verneigen oder bekreuzigen sich zu Beginn. Um sieben Uhr eilt der Pfarrer zum Altar, das rote Gewand weht um seine Beine. „Der Herr sei mit euch“, begrüßt Měrćin Deleńk die Gemeinde zur Messe. Auf Sorbisch, der Hauptsprache im Ort.

Im Rest des Landes muss die CDU das Ergebnis der Bundestagswahl verschmerzen, streitet über die Gründe. 17 Prozent in Sachsen, Platz drei hinter AfD und SPD. „Katastrophal“, „bitter“, „eine Zäsur“, sagen Parteimitglieder. In Crostwitz geht das Leben weiter. Fast so, als wäre nichts gewesen. Wäre ganz Sachsen wie Crostwitz, die Welt der CDU wäre in Ordnung.

Familie und Kinder
Familienzeit auf sächsische.de
Familienzeit auf sächsische.de

Sie suchen eine Freizeitplanung oder Erziehungsrat? Wir unterstützen Sie mit Neuigkeiten sowie Tipps und Tricks Ihren Familienalltag zu versüßen.

Zwar büßte die Partei auch dort ein, doch bleibt sie mit gut 40 Prozent Zweitstimmen stärkste Kraft inmitten des Wahlkreises Bautzen, der zum Kernland der AfD gehört. Die holte in Crostwitz nur 17 Prozent. Für den im Wahlkreis unterlegenen CDU-Direktkandidaten gab es in Crostwitz gut 56 Prozent. Und das, obwohl er es tunlichst vermieden hatte, mit der CDU zu werben. Auch bei der Bundestagswahl 2017 und bei der Landtagswahl 2019 erreichte die CDU in Crostwitz sachsenweit die besten Werte.

Nur ein Gottesdienst der Woche findet auf Deutsch statt. Alle anderen Crostwitzer Gottesdienste werden in der Hauptsprache vor Ort gehalten: aus Sorbisch. Bald wird der Innenraum der Kirche für 890.000 Euro saniert.
Nur ein Gottesdienst der Woche findet auf Deutsch statt. Alle anderen Crostwitzer Gottesdienste werden in der Hauptsprache vor Ort gehalten: aus Sorbisch. Bald wird der Innenraum der Kirche für 890.000 Euro saniert. © Klemenz

„Dass wir CDU wählen, ist unabhängig von den Kandidaten“, sagt Raphaela Gärtner. „Unsere christliche Überzeugung ist entscheidend: Frieden, Moral, Ehrlichkeit, Respekt, Freiheit“, sagt ihr Mann Florian. „Hass und Hetze soll es nicht geben, egal ob schwarz oder weiß, deutsch oder sorbisch.“ Mehr als 93 Prozent der Crostwitzer sind Katholiken.

Sachsensweit sind es knapp vier. Alle paar Meter glänzen goldene Feldkreuze, unter Giebeln wachen Marienstatuen, aus Ställen lugen Kühe durch kreuzförmige Fenster. Gärtners betreiben seit 1987 die Bäckerei. Sonntags gehen sie wie 40 Prozent der Menschen zur Messe. Montags haben sie wie die meisten geschlossen, damit es einen zweiten freien Tag pro Woche gibt. „Alles andere kann man von Angestellten nicht verlangen, sonst wird man zu schnell alt“, sagt Raphaela Gärtner.

„CDU bedeutet ein Stückel Heimat“

Ihr Mann schwärmt vom Folklorefestival, das in Crostwitz Kulturen zusammenbringe. „Man muss die Sachen auch schätzen“, sagt der 54-Jährige. „Wir können nicht bloß schimpfen und die Hand aufhalten, sondern müssen selbst was machen.“ Überbordende Beete und filigran geschnittene Büsche schmücken die Gärten in Crostwitz, auf dem Friedhof sprießen auf allen Gräbern frische Blumen.

Es gibt eine Grundschule, eine Kita, sechs Gewerbe und vier Beherbergungsbetriebe in der Gut-1.000-Seelen-Gemeinde. Knapp 29 Prozent der Menschen sind 30 Jahre alt oder jünger, rund ein Drittel 60 oder älter.

Pferde ziehen eine Kutsche mit Jagdhund durch Crostwitz. Ein Bach plätschert vorbei, die Straßen liegen leer in der Sonne. Dresden mit seinen Bars, Klubs und Groß-Events ist nur 50 Kilometer entfernt und könnte doch kaum ferner wirken.

„Die CDU hat hier sehr viel für uns Sorben gemacht“, sagt ein Anfang-30-Jähriger. Erst kürzlich habe sich der CDU-Landtagsabgeordnete Aloysius Mikwauschk um einen neuen Anstrich für die Kirche gekümmert. Bald wird der Innenraum für 890.000 Euro saniert. „CDU bedeutet ein Stückel Heimat.“

Florian Gärtner und seine Familie gehören zu den Osterreitern, einer der zentralen sorbischen Traditionen.
Florian Gärtner und seine Familie gehören zu den Osterreitern, einer der zentralen sorbischen Traditionen. © Matthias Rietschel

Christlichkeit, so der Erzieher, sei das Wichtigste in seinem Leben. „Wir kommen alle aus streng katholischen Haushalten. Wir wollen keine Hetzerei. Ich habe so viele Flüchtlinge kennengelernt, die arbeiten wollen, aber nicht dürfen.“

Urteilen wolle er nicht über Menschen, die AfD wählen. „Aber Flüchtlingsrechte sind Kinderrechte.“ Die Wut vieler Leute halte er für selbst verschuldet. „Meistens haben AfD-Wähler nichts geleistet im Leben, langweilen sich und sind deshalb unzufrieden.“ In einem Punkt stimmt der Katholik mit der AfD überein: „Ich bin nicht geimpft, denn keiner kann sagen, was es für Auswirkungen haben wird.“ Die Spaltung darüber ärgere ihn. „Früher war es gegen die Juden, dann zwischen Ost und West, jetzt ungeimpft und geimpft.“ Ein Grund, AfD zu wählen, sei das aber nicht. „Sie ist keine Option für Deutschland. In meinen Augen ist die vergleichbar mit der NPD.“

Die Ablehnung rechten Gedankenguts ist in der Geschichte der Sorben verwurzelt. Nachdem sie gegen Hitlers NSDAP Widerstand geleistet hatten, verbot das Regime 1937 sämtliche sorbische Vereinigungen, verhaftete Intellektuelle, ermordete sie teils in Konzentrationslagern. In der Lausitz bekannten sich noch 400 Sorben zu ihrer Volkszugehörigkeit. 300 kamen aus Crostwitz. 1945 feierte die Domowina, der Bund Lausitzer Sorben, ihre Wiedergründung – auch das geschah in Crostwitz.

Unten im Dorf schlurft ein Handwerker aus seinem Sprinter. „Wer Kanzler wird, ist mir scheißegal. Ich werde damit leben“, sagt er. Er habe CDU gewählt. „Wir Sorben hätten mit der AfD nichts zu lachen.“

Das Gewand von Měrćin Deleńk hängt von seinen Armen, als wären es rote Flügel. Auch die älteste Seniorin steht für das „Vater unser“ auf, drückt ihre Hände fest ineinander. Auf dem Altargemälde entgleitet Jesus der Welt und Richtung Himmel. Unterhalb stapeln sich Kürbisse, Kartoffeln, Getreide.

Die Kirche ist in Crostwitz von zentraler Bedeutung, gerade wird sie aufwendig saniert. Auch auf dem Friedhof sprießen aus allen Gräbern frische Blumen, kein einziges ist ungepflegt.
Die Kirche ist in Crostwitz von zentraler Bedeutung, gerade wird sie aufwendig saniert. Auch auf dem Friedhof sprießen aus allen Gräbern frische Blumen, kein einziges ist ungepflegt. © Franziska Klemenz

Deleńk holt Hostien aus dem Tabernakel, einem silberglänzenden Schränkchen mit Kreuz. Zarte Schritte rauschen über den Teppich nach vorn, einzeln hält der Pfarrer den Betenden weiße Taler vors Gesicht, sie danken mit einem Nicken. Alles ist sehr eingeübt, der Glaube gelebter Alltag.

Früher halfen Ministranten bei Gottesdiensten unter der Woche. Seit die Mittelschule Crostwitz trotz Protests vor 20 Jahren schloss, schaffen sie das zeitlich nicht, ehe sie den Schulbus nehmen. Ein Beteiligter sagt: „Ich hätte gedacht, dass die Crostwitzer das der CDU übler nehmen.“

Marko Klimann, ehrenamtlicher Bürgermeister von Crostwitz und selbst CDU-Mitglied, mahnt seine Partei mit Blick auf die Wahlniederlage: „Ich hoffe, dass wir uns stärker von der Strategie emanzipieren, die AfD zu imitieren. Warum sollte man CDU wählen, wenn sie schlechtredet, was sie tut?“ Gleichzeitig müsse die Partei „der Eigenart Rechnung tragen, dass die Menschen in Sachsen offenbar konservativer eingestellt sind“.

Einen Erfolg sieht er im Crostwitzer Ergebnis nicht. „Dass fast jeder Fünfte mit dem Gedankengut der AfD zurechtkommt, besorgt mich. Die sogenannten Hüter des Abendlandes wissen gar nicht, wovon sie reden. Hier leben die Leute, was woanders nur gepredigt wird.“

Pfarrer: Wer Christlichkeit schätzt, kann nicht AfD wählen

Als Pfarrer Měrćin Deleńk seine Predigt geschrieben hat, war klar, dass er sie am Wahltag halten würde. Wahlwerbung mache er nicht, sagt der 58-Jährige. „Aber Hinweise zum Verstehen gebe ich: Dass es uns Christen doch darum geht, nach christlichen Werten zu schauen. Wenn sie einem wichtig sind, kann man AfD nicht wählen.“ Ein Grund, mit jemandem zu brechen, sei Parteizugehörigkeit nicht. „Man muss für jeden offen sein. Schnittmengen gibt es immer.“

Was in Menschen vorgehen könnte, die AfD wählen, erklärt er sich so: „Die Leute sind unzufrieden. Aber vor allem mit sich selbst. Es geht allen besser als vor 30 Jahren – allein die Angst, die die Leute in sich hatten zur DDR-Zeit. Mit Freiheit umzugehen, fällt aber einigen schwer.“

Deleńk wurde im zehn Autominuten entfernten Nebelschütz geboren, durfte kein Abitur machen, weil er nicht zur Jugendweihe ging, lernte Koch, holte sein Abitur nach und wurde Priester. Früher in Wittichenau, seit 2015 in Crostwitz.

Mindestens 500 Menschen lauschen seinen Sonntagsmessen. Wenige Pfarreien sind heutzutage noch so gefragt. „Die Familien haben ein Interesse daran, Familie zu sein. Man ist bereit, zugunsten der anderen auf Dinge zu verzichten, sich selbst zurückzunehmen, damit ein Miteinander möglich ist.“

Nach Auffassung von Pfarrer Měrćin Deleńk ist es nicht mit christlichen Werten vereinbar, AfD zu wählen.
Nach Auffassung von Pfarrer Měrćin Deleńk ist es nicht mit christlichen Werten vereinbar, AfD zu wählen. © Matthias Rietschel

Einige Familien in der Pfarrei würden bis heute in mehr als zwei Generationen zusammenleben. Folgen von der Situation 2015, als besonders viele Menschen nach Deutschland flüchteten, seien in Crostwitz kaum spürbar gewesen. Außerdem hatte ein Pfarrer aus Radibor schon vorher eine Familie aus Bosnien bei sich aufgenommen. „Die Leute hatten sich damit auseinandergesetzt und sahen: Es geht.“

Ressentiments gebe es in Grenzgebieten immer, sagt Deleńk. Er selbst erlebte Beschimpfungen, wenn er als Kind mit seiner Schwester in Kamenz Sorbisch sprach. „Es ist nicht unbedingt akzeptiert, Sorbe zu sein. Da überlegt man auch heute noch, wo man Sorbisch spricht.“ Die Menschen in Crostwitz hätten erlebt, wie es ist, ausgegrenzt zu werden. „Ich kann der CDU nur sehr raten, sich auf das C, die christlichen Grundwerte im Namen, zu besinnen“, sagt Deleńk. „Sie sollte mehr auf Gerechtigkeit schauen. Es geht nicht nur darum, diejenigen, die sowieso schon haben, noch mehr zu unterstützten. Auch beim Umweltthema muss die CDU nachladen.“

Fast die einzige SPD-Wählerin im Dorf

Der scheidenden Kanzlerin würde Deleńk gern sagen: „Danke, Merkel. Ich habe vor der Frau ungeheuren Respekt. Was sie auf sich genommen hat! Irgendwann muss man den Absprung schaffen. Ich denke, sie hat den richtigen Augenblick getroffen.“ Armin Laschet, der gern nächster Kanzler werden würde, bekäme vom Pfarrer zu hören, „dass er bissel in sich gehen soll.“

Die Flügeltür des Pfarrhauses steht weit offen, der Blick fällt auf Büsche, Bäume, Wiesen. Auf der Terrasse machen Bauarbeiter, die die Kirche renovieren, Mittagspause. Sie säumen einen Tisch mit Bierflasche und Bild-Zeitung. Was er gewählt hat, wolle er nicht verraten, sagt der Crostwitzer unter den dreien. Schon gar nicht der Zeitung. „Die CDU ist eigentlich immer schon die Hauptpartei gewesen.“ Zur AfD sagt er: „Kein Kommentar.“

Schilder im Ort verweisen auf den Jakobsweg, der durch Crostwitz führt. Fast 300 Menschen haben 2020 in der „Pilgeroase“ übernachtet. Als Maria Meyer dort eingekehrte, hatte sie eigentlich noch 940 Kilometer Weg vor sich. „Dann merkte ich, dass ich angekommen bin“, sagt die 71-Jährige. „Heute weiß ich, dass ich eine Depression hatte. Im Nachhinein glaube ich, dass Gott mir diese Stelle gezeigt hat.“

Die Hilfsbereitschaft der Menschen habe sie gerührt. „Sie haben mich angenommen. Ich muss mich nicht verstellen.“ Das war vor fünf Jahren. Meyer blieb. Sie zog mit der Betreiberin in eine Wohngemeinschaft, kümmert sich nun mit ihr um Pilgernde. Sie deutet auf einen Zettel mit den vielen Ländern, aus denen schon Menschen auf Pilgertour nach Crostwitz kamen. Irak und Kanada sind ebenso dabei wie Taiwan, Libyen oder Neuseeland.

Maria Meyer kommt aus Dresden und fand auf Pilgertour in Crostwitz den Ort, an dem sie bleiben will.
Maria Meyer kommt aus Dresden und fand auf Pilgertour in Crostwitz den Ort, an dem sie bleiben will. © Matthias Rietschel

Im Garten jagt die schwarze Katze Zschorni Grashalme, unter dem Sonnenschirm stehen Kaffee und Tee für mögliche Besucher. Maria Meyer hat sich nach der Wende taufen lassen, ist Protestantin. Die katholische Kirche kritisiert sie: „Sie ist nicht mehr dem aktuellen Leben angepasst. Sie sollte sich für gleichgeschlechtliche Ehen öffnen, das Zölibat abschaffen, Frauen sollten bis zum Priester aufsteigen können.“

CDU hat Maria Meyer bisher ihr ganzes Leben lang gewählt, sagt sie. „Diesmal war ich so verwirrt und wusste nicht, was ich wählen soll.“ Es wurde die SPD, die in Crostwitz knapp 12 Prozent geholt hat. Die AfD mache Meyer Angst. „Ich gehöre zu denen, die noch sehr viel von ihren Eltern über das Hitler-Regime gehört haben. Manche bei der AfD wollen vielleicht wieder einen Führer. Die AfD würde wahrscheinlich radikal vorgehen gegen Andersdenkende.“

Weiterführende Artikel

Wie blau denkt „der Osten“?

Wie blau denkt „der Osten“?

Bei der Suche nach Gründen für die Erfolge der AfD wird ständig auf Ost-Erfahrungen seit 1990 verwiesen. Doch das reicht nicht.

So hat Sachsen gewählt - alle Ergebnisse im Überblick

So hat Sachsen gewählt - alle Ergebnisse im Überblick

Deutschland hat einen neuen Bundestag gewählt. Wie haben sich die Sachsen entschieden? Alle Zahlen zum Ergebnise - auch aus den Wahlkreisen - auf einen Blick.

Wie die AfD im Wahlkampf hinters Licht geführt wurde

Wie die AfD im Wahlkampf hinters Licht geführt wurde

Fünf Millionen Flyer der AfD landeten nicht in Briefkästen. Das "Zentrum für politische Schönheit" hat die Partei ordentlich hereingelegt. So haben sie es geschafft.

Sachsens CDU schaltet in den Krisenmodus

Sachsens CDU schaltet in den Krisenmodus

Nach dem Wahl-Debakel macht Michael Kretschmer Druck: In Richtung Berlin - und in die eigene Partei.

Pfarrer Deleńk zeichnet ein Kreuz vor seinem Gesicht in die Luft, dreht sich zum Altar und singt. Dann geht er. Die Menschen bleiben und beten. Für Priester-Nachwuchs, Weltfrieden, den Heiligen Sebastian, der mit der Pandemie unter Gläubigen wieder in Mode kam. Einst betete man ihn als Schutzpatron vor der Pest an, Krankheiten sind quasi sein Spezialgebiet. Die Gläubigen sprechen ein letztes „Amen“, dann verstummen sie. Manche verbeugen sich vor dem Altar, ehe sie gehen. Dann geht in Crostwitz alles weiter wie bisher.

Mehr zum Thema Sachsen