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„Der A4-Ausbau ist nicht die Lösung“

An Tag drei der Wahltour trafen die SZ-Reporterinnen einen Logistiker und eine Bahn-Pendlerin. Deren Meinungen zum A4-Ausbau sind überraschend eindeutig.

Roman Richter ist Betriebsleiter beim Logistikunternehmen Schmalz und Schön in Salzenforst. Er findet: Leere Lastwagen müssten über die Schiene transportiert werden.
Roman Richter ist Betriebsleiter beim Logistikunternehmen Schmalz und Schön in Salzenforst. Er findet: Leere Lastwagen müssten über die Schiene transportiert werden. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Was ein Logistikunternehmen zum Ausbau der A4 sagt? Als wir an diesem dritten Morgen unserer SZ-Wahltour in Schmochtitz starten, unterhalten wir uns darüber – und sind uns einig. Klar: Die wollen natürlich, dass der Ausbau kommt, und zwar sofort. Doch so viel sei verraten: Wir wurden eines Besseren belehrt.

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Als wir kurz vor 9 Uhr auf das Grundstück des Logistikdienstleisters Schmalz und Schön im Gewerbegebiet Salzenforst einbiegen, scheppert und knallt es. Gerade werden mehrere Lastwagen beladen. Gleich nebenan rauscht zu der Zeit der Verkehr über die A4. Noch, muss man sagen, denn: Kurz darauf schleichen Lastwagen und Autos im Schneckentempo vorüber.

Logistiker wollen leere Lkw auf die Schiene setzen

Das beobachtet auch Jan Dally von seinem Büro im ersten Stock aus. Jan Dally ist Geschäftsführer von vier Schmalz-und-Schön-Standorten, für ihn ist das Bild nicht ungewohnt. „Der ständige Stau ist einer der Gründe, weshalb der Beruf des Lkw-Fahrers immer unattraktiver wird.“ Weitere kommen hinzu: übervolle Parkplätze, verschärfte Auflagen zu Lenk- und Ruhezeiten, viel Druck.

„Die Lastwagenfahrer stehen jeden Tag mit einem Bein im Grab und mit dem anderen im Gefängnis“, sagt er über „seine Männer“, so nennt er die Angestellten. Das Gefängnis droht wegen der kaum einzuhaltenden Auflagen; das Grab wegen der täglichen Unfallgefahr auf der Straße. Bewerbungen für Fernfahrten bekommt das Unternehmen deshalb kaum noch. In den letzten Jahren musste es deshalb seine Flotte verkleinern.

Der Ausbau der Autobahn, so dachten wir, müsste doch in den Augen der Logistiker der richtige Weg sein, um diese Probleme zu lösen. Weit gefehlt: „Der A4-Ausbau ist nicht die Lösung. Wir müssen die Lastwagen auf die Schiene kriegen“, sagt uns der Bautzener Schmalz-und-Schön-Betriebsleiter Roman Richter. Das müssen wir kurz sacken lassen. Jan Dally erklärt es uns. Der Ausbau der A4 würde ihm zu lange dauern. Und: Im Sinne der Umwelt ist das alles auch nicht. „Wir pflastern alles zu und verbreitern die Straßen. Aber meistens fahren die Lastwagen leer durch die Gegend.“

Der dritte Tag der SZ-Wahltour führte die Reporterinnen nach Bautzen. Einen Zwischenstopp legten sie an der A 4 in Salzenforst ein.
Der dritte Tag der SZ-Wahltour führte die Reporterinnen nach Bautzen. Einen Zwischenstopp legten sie an der A 4 in Salzenforst ein. © SZ Grafik

Wie er darauf kommt? Erst neulich habe er an der Autobahn gestanden und den Verkehr beobachtet. Sein geschultes Auge erkennt anhand der Achsaufhängung, wann ein Lkw unbeladen ist. Sein Eindruck: Es sind zu viele.

Jan Dally und Roman Richter finden: Die rollende Landstraße müsse wieder eingeführt werden. Vor allem die leeren Lastwagen würde er gerne über die Schiene transportieren, erklärt uns Dally. Und Roman Richter sagt: „Dann müssen eben stillgelegte Bahnstrecken wiederbelebt werden“. So würden sowohl die Autobahnen als auch die Fahrer entlastet, sind die beiden überzeugt. Aber: Der politische Wille fehlt, ärgert sich Jan Dally. Mit dem Zug gehe es vielleicht nicht immer ganz so schnell, aber unter dem Vorzeichen der Verkehrswende sei es aus seiner Sicht der richtige Weg.

Bahnpendlerin: "Bahntickets sind zu teuer"

Nach diesem Gespräch brauchen wir erstmal einen Kaffee, um unsere Gedanken zu sortieren. In einem kleinen Bistro bekommen wir das Heißgetränk – und verwickeln die Mitarbeiterin in ein Gespräch. Sie teilt die Meinung von Roman Richter und Jan Dally nicht, finden wir heraus. Einen kleinen Kia fährt die 53-Jährige, die in einem Dorf nahe Bautzen wohnt. Über die A4 käme sie schnell in der Stadt, erzählt sie uns. Dennoch meidet sie die Strecke: „Mit meinem winzigen Auto fühle ich mich unwohl, wenn ich zwischen zwei LKWs eingeklemmt bin. Da fahre ich lieber einen Umweg, als dieses Risiko einzugehen.“ Der sechsspurige Ausbau der Strecke, denkt sie, könnte sie wieder zur Nutzung der Autobahn bewegen.

Etwa 30 Kilometer von dem Bistro entfernt wohnt Barbara Hörnig. Als sie von der SZ-Wahltour hört, will sie uns unbedingt auf einen Pflaumenkuchen einladen. Leider ist Ohorn zu weit von unserer Route entfernt. Am Telefon erklärt sie uns trotzdem ihr Anliegen. Und das ist ganz eindeutig: „Der A4-Ausbau soll nicht stattfinden.“ Schon ohne zusätzliche Fahrspuren ist es in ihrem Garten, der etwa 20 Meter von der Autobahn entfernt ist, viel zu laut. Regelmäßig misst sie hier Lautstärken zwischen 70 und 80 Dezibel. Das ist etwa so laut wie ein Staubsauger.

All unsere bisherigen Gesprächspartner, stellen wir fest, haben im Grunde genommen dasselbe Ziel: Die Verkehrsbelastung auf der A4 zu verringern. Vertiefen können wir diesen Gedanken zunächst nicht: Das Telefon klingelt. In weniger als einer Stunde kommt Katja Gerhardi, die beim Landesamt für Schule und Bildung in der Lehrerausbildung arbeitet, auf dem Bautzener Bahnhof an. Sie pendelt regelmäßig zwischen Dresden und Bautzen. Von ihr wollen wir wissen, wie es sich auf der Schiene fährt. Also schnell aufs Rad, um ihren Zug nicht zu verpassen.

Katja Gerhardi (r.) pendelt regelmäßig mit der Bahn statt mit dem Auto zwischen Dresden und Bautzen. Damit das mehr Leute tun, müsste sich aber einiges ändern, sagt sie.
Katja Gerhardi (r.) pendelt regelmäßig mit der Bahn statt mit dem Auto zwischen Dresden und Bautzen. Damit das mehr Leute tun, müsste sich aber einiges ändern, sagt sie. © SZ/Uwe Soeder

Lächelnd kommt uns Katja Gerhardi auf dem Bahnsteig entgegen. Sie wirkt entspannt. „Die A4 ist stressfrei nicht zu fahren – und immerhin ist Pendelzeit Lebenszeit“, sagt sie. Seit zweieinhalb Jahren nutzt sie deshalb für den täglichen Arbeitsweg meist den Zug. „Ich bin von der Schulzeit an so aufgewachsen, dass wir Autofahren sehr kritisch sehen. Ich möchte nicht, dass unsere Familie zwei Autos besitzt“, erklärt sie uns. Sie denkt dabei auch an ihre Kinder, denn: „Wer Kinder hat, kommt am Thema Klimawandel nicht vorbei.“

Um mehr Leute für das Bahnfahren zu begeistern, sieht sie verschiedene Hebel: Die Tickets müssten billiger werden. Außerdem müsste das Netz besser ausgebaut werden, um auch die ländliche Bevölkerung anzusprechen. Dass es für viele nicht ohne Auto geht, sei ihr bewusst, sagt sie uns, stellt aber klar: „Ich glaube nicht, dass der Ausbau der A4 das Problem lösen würde. Dann haben wir den Stau eben auf drei Spuren.“ Wir plaudern noch eine Weile. Dabei erfahren wir: Auch sie hält viel von der Idee der rollenden Landstraße.


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