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Liberaler im zweiten Anlauf

Hans Grüner war Eisenbahner aus Leidenschaft, ehe er Anwalt wurde. Jetzt will der FDP-Bewerber das Direktmandat im Kreis Görlitz holen.

Mit Ruhe und Sachlichkeit unterwegs: der FDP-Direktkandidat Hans Grüner, hier beim Wahlforum im Görlitzer Wichernhaus.
Mit Ruhe und Sachlichkeit unterwegs: der FDP-Direktkandidat Hans Grüner, hier beim Wahlforum im Görlitzer Wichernhaus. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Vier Wochen vor der Wahl erhält Hans Grüner an einem Donnerstagabend einen Anruf. Er sitzt gerade mit dem Reporter von der SZ zusammen, reicht daher das Handy an seine Frau weiter. Die kommt wenige Augenblicke später zurück. "Ein Anruf aus Australien", flüstert sie ihm zu. Tatsächlich ruft der Unbekannte am nächsten Tag erneut an. Es ist ein deutscher Arzt, ursprünglich aus Liberec stammend, der zwar noch in Australien lebt, aber im Herbst nach Dresden zurückkehrt und per Briefwahl im Görlitzer Wahlkreis an der Bundestagswahl teilnimmt. Nach dem Gespräch versichert er dem FDP-Direktkandidaten: "Meine Stimmen haben Sie".

Ganz so einfach wird es für den Zittauer Rechtsanwalt bei dieser Wahl aber nicht. Zwar sind die Liberalen seit Monaten im Aufwind. Ob das im Landkreis Görlitz auch zu einem Ergebnis um die zehn Prozent führen wird, ist noch ungewiss. Ganz unrealistisch ist es nicht. Die FDP holte an der Neiße 2009 satte 13 Prozent. Doch 2013 kam der große Einbruch: 2,8 Prozent.

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Wer der aktuellen Stimmung nachfühlen will, darf sich nicht unbedingt an Wahlkampfveranstaltungen orientieren. Jüngst war Konstantin Kuhle zu Gast bei Hans Grüner. Thema: Wirtschaft und Strukturwandel. Der Vizefraktionschef der Liberalen im Bundestag ist eines der künftigen liberalen Aushängeschilder. Andernorts würde er Säle füllen, in die Zittauer Schauburg verlaufen sich an jenem Augustabend 20 Interessierte. Für Grüner ist das schon ein Erfolg, er freut sich über die Resonanz, weil "sonst häufig die Leute schimpfen, aber nicht mit den Politikern reden wollen". Ein Dialog kommt aber auch an diesem Abend nur schleppend in Gang, zwei Unternehmer beklagen Bürokratie für ihre Ideen. Viel mehr geschieht nicht.

Erst in Urlaub, dann in den Wahlkampf-Endspurt

Wenn man sich jemand vorstellen will, der sich aus Wahlkampf wenig macht, dann müsste es einer wie Hans Grüner sein. Vier Wochen vor der Wahl ging er noch mal auf zweiwöchigen Segel-Urlaub. Drei bis vier Wochen verbringt er jedes Jahr auf dem Wasser, Grüner besitzt den Führerschein, um Boote auf Binnengewässern, aber auch an Meeresküsten, zu fahren. Seine Reisen plant er lange im Voraus, so auch dieses Mal, da stand noch nicht fest, dass Grüner das Gesicht für die FDP im Wahlkampf sein soll.

Aber mit dem Gesicht ist das so eine Sache. Denn Hans Grüner macht sich rar. An den Straßenlaternen. Der FDP-Direktkandidat im Görlitzer Wahlkreis hat für sich entschieden, nur Porträt-Plakate von Christian Lindner, dem FDP-Chef und Spitzenkandidaten, aufzuhängen. So findet der Wähler vom Zittauer Rechtsanwalt kein einziges Porträt in den Straßen und auf den Märkten im Landkreis Görlitz.

Der 65-Jährige entschied sich bewusst dazu, denn von den Plakaten an den Laternen hält er nicht viel - im Unterschied zu den Plakat-Stellwänden. "Ich sehe kaum Möglichkeiten, den Bürger mit einem Plakat zu beeinflussen", sagt er. Sie seien viel zu klein, im Vorbeifahren könne kaum eine Botschaft aufgenommen werden. Und von seiner Landtagskandidatur ist ihm noch ein eindrucksvolles Beispiel in Erinnerung: In Hainwalde hing kein Plakat von ihm, aber er fuhr in der Gemeinde mit dem imposanten Schloss das zweitbeste Ergebnis im gesamten Wahlkreis ein.

Als Einziger der Direktkandidaten empfindet er auch den Wahlkampf als langweilig. Zu wenige Großveranstaltungen, die Parteien und Kandidaten erreichen kaum die Bürger, vor allem die Nichtwähler und Unentschlossenen. Die wenigsten lesen die Wahlprogramme. Meist, so glaubt Grüner, entscheiden sich die Bürger aufgrund längerfristiger Überzeugungen. Das kennt man von Umfrageinstituten, wenn sie erklären sollen, warum sich die aktuelle Stimmungslage von der Wahlabsicht unterscheidet.

Trotzdem entschied er sich zur Kandidatur, um die FDP im Landkreis richtig darzustellen. Der Löbauer Toralf Einsle, der bei der Europawahl und bereits 2009 für die Liberalen bei der Bundestagswahl antrat, ließ Grüner den Vortritt. Jetzt vertritt er den Direktkandidaten bei zahlreichen Diskussionsrunden, etwa beim Unternehmerverband in Görlitz als auch bei einer Runde mit Wohnungsunternehmen in Ebersbach.

Und mancher, der dabei ist, sieht im 41-jährigen Einsle die Zukunft der FDP im Kreis. Grüner ist 65 Jahre alt, und wird trotz aller Fortüne kaum der erste Liberale aus dem Landkreis Görlitz sein, der im Bundestag sitzt. Auf der FDP-Landesliste wurde er auf Platz 15 von 16 Bewerbern gewählt. Und dass er das Direktmandat holt, glauben selbst die größten Optimisten nicht.

Grüners waren eine Eisenbahndynastie in Leipzig

Dabei würde Grüner eine besondere Farbe in den Bundestag einbringen. Er stammt aus einer Bahner-Familie in Leipzig. Sein Großvater war Vorsteher des Leipziger Hauptbahnhofs, sein Vater Lokführer, und so war es auch keine Frage für Grüner, dass er nach dem Ingenieurstudium in Dresden zur Bahn ging. Nach zwei Jahren wechselte er ins Verkehrsministerium der DDR, Hauptverwaltung Schienenwirtschaft. Wenn am Wochenende Not am Mann war und sich das Bahnbetriebswerk Ostbahnhof meldete, setzte sich Grüner auch schon mal auf die Lok. Zuvor hatte er in der Lokfahrschule Weißenfels die Lizenz zum Fahren von Personenzügen erworben. Alle Diesel- oder Elektroloks kann er fahren. Nur für Dampfloks fehlt ihm die Lizenz.

Während seiner Jahre im DDR-Ministerium studiert er noch Jura im Fernstudium an der Humboldt-Universität in Berlin. 1990 macht er seinen Abschluss. Rechtzeitig, um frei für Neues zu sein. Denn die Reichsbahner, so sieht es Grüner, erhielten nach dem politischen Umbruch 1989 nur ganz wenige Perspektiven im nunmehr gesamtdeutschen Ministerium. Grüner verlässt das Ministerium, bildet sich fort und baut in Berlin die Bahnversicherungsanstalt für die neuen Bundesländer mit auf, eine gesetzliche Rentenversicherung für Bahn-Mitarbeiter. Schließlich will ihn die Deutsche Bahn nach Frankfurt/Main holen, aber Grüner will nicht. Er verlässt die Bahn.

Kein Widerständler in der DDR-Zeit

Für seine Vorfahren wäre das Undenkbar gewesen, aber Hans Grüner spürt, wenn Altes zu Ende geht und Neues beginnt. Wehmut hatte er im Sommer 1989 erlebt, als er das letzte Mal von einer Lokomotive abstieg. Als er die Deutsche Bahn verlässt, empfindet er nichts davon. 1995 will er nicht zurückblicken, stattdessen beantragt er seine Zulassung als Rechtsanwalt. Die Rechtsanwaltskammer prüft lange den Antrag, Grüner vermutet, er sei auf eine Mitarbeit bei der Staatssicherheit durchgecheckt worden. Schließlich hatte er eine DDR-Karriere hingelegt.

Dazu gehörte für ihn auch, mit 18 Jahren in die SED einzutreten. Aus Überzeugung, wie er heute noch sagt, dass es der richtige Weg war. Erst 1990 trat er nach knapp 20 Jahren in der Partei wieder aus. Obwohl er so lange in der SED war, sei seine Ablösung von der früheren DDR-Staatspartei nicht schmerzhaft gewesen, sagt er. Er habe das ganze "Kapital" von Karl Marx gelesen und frühzeitig gesehen, dass in der DDR Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklafften, Ressourcen verschleudert wurden. Die Einsicht hat ihn aber nicht zum Widerständler gemacht. Grüner erhält 1996 die Zulassung als Rechtsanwalt.

Lange überlegt er schließlich, ob er sich wieder einer Partei anschließen soll, studiert die Programme von CDU, SPD und FDP. Schließlich tritt er 2013 bei den Liberalen ein. Ausschlag gab dafür der damalige Wirtschaftsminister Philipp Rößler in der CDU-FDP-Bundesregierung, der nach der Pleite der Drogeriekette Schlecker hart blieb und eine Auffanggesellschaft für die Mitarbeiterinnen verhinderte. Grüner hätte darin einen politisch motivierten Markteingriff gesehen, der andere Unternehmen benachteiligt hätte. Da spürte er, dass die FDP etwas für ihn ist.

Liberaler aus Überzeugung

Mit Überzeugung setzt er sich nun für liberale Inhalte ein: Steuerentlastungen von Unternehmen und Bürgern, Bürokratieabbau, mehr Wettbewerb, die Fertigstellung der neuen B 178 und weniger Vorgaben und Bremsen. "Wer eine gute Idee hat, muss sie umsetzen können", sagt er. Das gehört genauso zu seinem Weltbild, wie dass der Staat jedem Entwicklungschancen eröffnen muss, nutzen allerdings muss sie jeder selbst.

Liberaler kann man das kaum ausdrücken. Dass die Mietpreisbremse bei ihm keine Chance hätte, ist nicht überraschend. Schon mehr, dass er in der Corona-Pandemie mit mehreren Posts auf Facebook den Eindruck nährte, nicht weit von der AfD entfernt zu sein. Grüner weiß um diese Nähe, auch wenn er sich immer klar von den Rechtspopulisten abgegrenzt hat und schon 2019 erklärte, er verstehe nicht, wie Menschen die AfD wählen könnten. "Mich stört das Auftreten von Menschen wie Herrn Höcke oder Herrn Gauland. Das ist für mich nicht akzeptabel. Wenn man die letzten Jahre der Weimarer Republik vor Augen hat und dann solche Leute nach der Macht greifen, ahnt man, dass sich Vieles massiv zum Schlechten ändern könnte."

Bei Corona zieht Grüner nicht die Gefährlichkeit des Virus in Zweifel, und in der zweiten Welle sieht er auch eine pandemische Lage mit einem hohen Risiko, dass Kliniken und Krematorien an ihre Leistungsgrenzen kamen. Aber jetzt findet er, sollten die Sonderbefugnisse des Staates beendet und die Freiheitsrechte der Bürger uneingeschränkt wieder gelten. Als Familienanwalt hat er dabei auch die Familien und Kinder im Blick, die unter den Schulschließungen in der zweiten und dritten Welle litten. Eine pandemische Lage könne er im Moment nicht erkennen.

Grüner wirkt bei Foren betont sachlich und zurückgenommen, fast schon spröde. Wenn er zu der Lage bei der neuen B 178 sagt, schlechter könne sich ein Land nicht präsentieren, dann ist das schon die höchste Form von Kritik und Zuspitzung. Persönliche Angriffe sind sowieso nicht seine Art, auch andere Parteien nimmt er nicht Maß. Erst Analyse, dann reden - und davon nicht zu viel.

Mehr Geld für die Kommunen

Mitunter landet er aber doch einen Überraschungstreffer für einen FDP-Kandidaten. Als sich vor dem Sommer im Ostritzer Mewa-Bad die sechs Direktbewerber der etablierten Parteien zu einem ersten Schlagabtausch treffen, da ist Grüner von dem Engagement des Bad-Vereins stark beeindruckt. Ihn stört freilich, dass ausschließlich ehrenamtliche Kräfte das Bad am Laufen halten. Ganz so ist es zwar nicht, versichert die Bürgermeisterin später gegenüber der SZ, aber Grüner hat da schon gefordert, dass auch hauptamtliche Kräfte zum Einsatz kommen müssen. Denn die rechtliche Verantwortung für ein Bad könne nicht ein Verein tragen. Mehr Stellen in der Verwaltung? Wo doch Grüner sonst die staatlichen Verwaltungen als Personalreserve für die Privatwirtschaft sieht, wenn durch Digitalisierung erst mal in den Rathäusern Stellen gestrichen werden? Ja, sagt Grüner. Kommunen brauchen eine bessere Finanzausstattung, um ihren Aufgaben und ihrer Selbstverantwortung nachzukommen. Ein Freifahrtschein für Kommunen ist das nicht. Aber für den Liberalen gehören weiche Standortfaktoren wie ein Bad oder Turnhallen unbedingt zur Lebensqualität in der Region.

Die nutzt er selbst sehr. Zweimal in der Woche geht Grüner in Zittau Volleyball spielen. Er ist vor Jahren nach Zittau gezogen, hat dort eine Villa im Bahnhofsviertel gekauft und bezogen. Hier will er alt werden, seinen Sohn hat er gleich mitgebracht. Berlin war ihm zu laut geworden, Zittau liegt näher an der tschechischen Heimat seiner Frau, und die Stadt kannte er noch von seiner Armeezeit. Und er ist hier näher den Bergen, in denen er mit 40 Jahren noch einmal Neues erlernt hat: alpine Ski-Abfahrten.

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